Politik

Großbritanniens Tor nach Europa Dover ächzt auf dem Weg zum Brexit

imago88997526h.jpg

Der Hafen der britischen Stadt Dover gleicht auch ohne Brexit bereits einem logistischen Flaschenhals.

(Foto: imago/PA Images)

Wenn Großbritannien eines Tages die EU verlässt, wird Dover die Folgen als erstes spüren. Dennoch stehen viele Bewohner zu ihrem einstigen Votum für den Brexit. Logistiker hingegen fürchten "eine Katastrophe" in der Stadt am Ärmelkanal.

Lastwagen, soweit das Auge reicht: Wenn Dover etwas im Überfluss hat, dann sind es Transporter. Zu Hunderten schieben sich die tonnenschweren Vehikel mit kolossaler Eleganz durch die engen Straßen der Hafenstadt mit den berühmten weißen Kreidefelsen, um von England zum europäischen Festland zu gelangen. Oder umgekehrt. Für Tim Dixon sind die Lkw eine Jobgarantie. Jetzt und auch im Falle eines Brexit. Der gedrungene Mann mit dem grau melierten Bart leitet die Niederlassung des Logistikdienstleisters Motis, der sich rund um die Uhr für Fernfahrer aus Nicht-EU-Ländern unter anderem um Zollformalitäten kümmert.

IMG-20190315-WA0038.jpg

Tim Dixon leitet einen großen Logistikdienstleister in Dover.

(Foto: D. Flieger)

Er habe ein grandioser Fußballer werden wollen, sagt er mit angenehm schmirgelnder Stimme. Stattdessen arbeitet er nun bereits seit 33 Jahren im Hafen - dem Herzstück seiner Geburtsstadt Dover. Es ist eine gespaltene Stadt. Obwohl diese auch ohne Grenzkontrollen bereits unter dem Andrang ächzt, wollen die Einwohner mehrheitlich die EU verlassen. 62,2 Prozent der Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung haben 2016 beim Referendum für den Brexit gestimmt. Dixon gehörte nicht dazu.

Bei seinem Rundgang über das Firmengelände am südwestlichen Ende des mehr als 400 Jahre alten Hafens passiert Dixon Dutzende Lkw. Zumeist tragen sie osteuropäische Kennzeichen. Auch französische, spanische oder dänische Transporter schreitet er mit seinen braunen Lederschuhen und der gelben Weste über seiner blauen Jacke ab. Der heftige Wind scheint ihm wenig auszumachen. Bis zu 900 Trucks machen täglich auf seinem Gelände Station, erklärt Dixon. Sie sind nur ein Bruchteil der insgesamt 10.500 Fahrzeuge, die täglich den Ärmelkanal überqueren. Nebenbei erwähnt der 54-Jährige, dass der Hafen "mit viel EU-Geld modernisiert" worden ist.

No Deal "wäre eine Katastrophe"

"Es sind viele kleine Dinge, die alles erschweren", sagt Dixon mit Blick auf den anstehenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Über ihm kreischen zwei fette Möwen. Momentan dauerten die Abfertigungen der Nicht-EU-Lkw lediglich 35 bis 45 Minuten. Diesen Status quo sieht Dixon akut gefährdet. Ein Austritt ohne Abkommen mit der EU "wäre eine Katastrophe für Dover", sagt er. Jedes Dokument zu checken sei "eine Unmöglichkeit". Denn dann dürften auch die Wagen aus den EU-Staaten behandelt werden wie die anderen heute.

AP_19071504570646.jpg

Vorgeschmack auf mögliches Brexit-Chaos: Wenn der Fährbetrieb wegen Unwettern gestört ist, gibt es im Hafen von Dover kilometerlange Lkw-Staus.

(Foto: AP)

Die britische Regierung hatte jüngst immerhin eine Regelung in Aussicht gestellt, die Lkw aus der EU auch im Falle eines ungeordneten Brexit die Einfuhr ohne Zusatzgenehmigung erlauben soll. Das wäre aber mutmaßlich nur ein geringer Trost für zahlreiche Händler. Bereits jetzt gleicht Dover einem logistischen Flaschenhals. Im Falle eines Brexit - so lassen sich die Prognosen vieler Wirtschaftsexperten interpretieren - wäre der Vergleich mit einem Nadelöhr treffender. Einen Vorgeschmack auf das womöglich anstehende Chaos hat es tags zuvor gegeben, als der Fährverkehr wegen Unwettern gestört war und sich kilometerlange Staus bildeten - für den Logistikunternehmer Dixon ein Horrorszenario: "Der Warenfluss muss weiterfließen." Ob mit oder ohne Brexit.

Breite Zustimmung zum Brexit

Warum haben trotz des drohenden Chaos' so viele Briten für den Brexit gestimmt? Dixon versucht sich an einer Erklärung: "Nur ein Wort: Immigration", sagt er und faltet die Hände vor seiner Brust. "Der normale englische Arbeiter hat schlichtweg wegen der Einwanderung dafür gestimmt, die EU zu verlassen." Insbesondere in Dover habe sich in den vergangenen Jahren die Stimmung verändert. "Dabei sind wir immer eine Nation gewesen, die fremde Gemeinschaften willkommen geheißen hat."

Doch ist die Ablehnung von Einwanderern das einzige Wahlmotiv? Begibt man sich in Dover auf die Suche nach bekennenden Brexit-Befürwortern, so bedarf es Geduld. Viele Passanten haben ihre Miene dem Wetter angepasst. Fragen zum Brexit weichen sie aus. Oft mit einer abschließenden Beschimpfung, die im Wind verhallt.

Richard Hewson hingegen ist um keine klare Haltung verlegen. Er habe für den Brexit gestimmt, sagt er in einem Imbiss in der Innenstadt. Hinter der EU wähnt er ein dichtes Korruptionsgeflecht: "Das ist unser Geld. Und die Politiker können nicht erklären, wofür sie es ausgeben." Auch den britischen Volksvertretern habe er mit seiner Stimme einen Denkzettel verpassen wollen. "Es gibt nur sehr wenige Politiker in London, die tun, was die Leute von ihnen verlangen", sagt Hewson. "Sie verfolgen ihre eigenen Agenden." Dass sich der Brexit-Prozess so lange hinzieht, erzürnt ihn ebenfalls. "Ich will einfach nur noch raus", sagt er und fügt hinzu: "Ich denke, dass wir ohne Deal stärker sein werden als mit."

Auch Imbissbesitzer Fabrizio Del Duca führt Euroskepsis als Erklärung für den Brexit an. Der Bevölkerung gehe es gar nicht so sehr um die Themen Einwanderung oder Wirtschaft, sagt er. Stattdessen wünschten sie sich, "dass Entscheidungen mehr auf lokaler Ebene getroffen werden statt in Brüssel". Er selbst habe damals nicht gewählt, weil er zum Zeitpunkt des Referendums in Schweden gelebt habe. Die Kritik der Brexiteers teilt er aber. "In der EU trifft die Kommission die Entscheidungen. Aber wir als Volk wählen nicht die Kommission." Deshalb existiere das Demokratieprinzip in der EU nicht, meint der Kleinunternehmer. Er fordert, das Ergebnis des Referendums zu respektieren. "Brexit, Brexit, Brexit - die Leute sind es leid, das ständig in den Nachrichten zu hören", sagt er: "Sie wollen, dass es endlich passiert."

Klippen und Tristesse

Mareike und Mia kümmern all diese Diskussionen wenig. Die beiden Austauschschülerinnen aus Deutschland genießen gerade ihren Feierabend. Auf die Frage, ob sie als Ausländerinnen die aktuelle Situation beunruhige, antwortet die 16-jährige Mia: "Wegen Brexit? Nö!" Sie verfolgten die Entwicklung schon, aber Sorgen hätten sie keine. "Die Einreise wird teurer", sagt Mia. "Und die Handypreise", ergänzt die ein Jahr ältere Mareike. Dann ziehen sie in ihren College-Uniformen davon. Ihr lautes Lachen wirkt auf der sonst tristen Biggin Street im Zentrum Dovers wie aus einer anderen - besseren - Welt.

imago89595518h.jpg

Die EU bröckelt - diese Botschaft erwartet zahlreiche Besucher von Dover. Das Bild wird dem Streetart-Künstler Banksy zugeschrieben.

(Foto: imago/Xinhua)

Auch die Girlanden zwischen den Häuserfassaden können nur schwer kaschieren, dass Dover auch ohne Brexit beschwerliche Zeiten erlebt. Vom Glamour vergangener Tage, als die Stadt ein gefragtes Seebad war, lässt allenfalls die Strandpromenade etwas erahnen. Stattdessen geht das Stadtbild eine Symbiose mit dem rauen Wetter ein.

Die Arbeitslosenquote liegt in Dover zwar etwas niedriger als im gesamten Vereinigten Königreich. In der Innenstadt stehen aber zahlreiche Geschäfte leer, auch die Wohnungen darüber sind den vergilbten Schildern zufolge nur spärlich vermietet. Von den vielen EU-Geldern kommt hier nur ein Bruchteil an. "Dabei ist Dover so ein wichtiger Teil dieses Landes", sagt Dixon im Aufenthaltsraum für seine Lkw-Fahrer. Es riecht nach Schweiß. Für die Zeit nach dem EU-Austritt fürchtet Dixon massive logistische Engpässe. "Hier gibt es Klippen, Stadt und Meer. Aber kein zusätzliches Land", sagt er. Den wachsenden Unmut über das Brexit-Hickhack, das Premierministerin Theresa May zu verantworten hat, kann er nachvollziehen - nicht aber das Dilemma, in das seine Stadt und seine Nation geschlittert sind: "Wenn dein Motor nicht defekt ist, warum solltest du dann versuchen, ihn zu reparieren?"

Dieser Text entstand im Rahmen einer Recherchereise mit dem Journalists Network.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema