Politik

Merah kein unbeschriebenes Blatt Attentäter war im Visier der USA

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In Tel Aviv versammelten sich zahlreiche Menschen zu einer Solidaritätsbekundung für die Angehörigen der Opfer.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Tod des Serienmörders Mohammed Merah kommen immer mehr Details über die Vorgeschichte des Attentäters an die Öffentlichkeit. Er stand als Terrorverdächtiger auf einer US-Flugverbotsliste. Zudem wurde er bereits zwei Mal wegen gewalttätiger Videos angezeigt - die Polizei verfolgte die Hinweise aber nicht.

Nach dem Tod des durch Scharfschützen der Polizei werden immer mehr Einzelheiten über seine Vergangenheit bekannt. Merah stand offenbar als Terrorverdächtiger auf einer US-Flugverbotsliste. Wie aus Geheimdienstkreisen in Washington verlautete, befand sich der Attentäter im Visier der US-Behörden. Der Franzose algerischen Ursprungs sei "seit einiger Zeit" auf der Liste von Personen geführt worden, die wegen mutmaßlicher Verbindungen zu Terrorgruppen nicht in die USA fliegen dürfen.

Zudem war Merah schon längere Zeit der französischen Polizei bekannt. Eine Frau aus Toulouse hat schon vor knapp zwei Jahren zweimal Anzeige gegen Merah erstattet. Er habe ihrem 15-jährigen Sohn Al-Kaida-Videos mit "unerträglichen" Gewaltszenen gezeigt, sagte die Frau der Zeitung "Télégramme". Die Anzeigen seien aber von der Polizei nicht weiter verfolgt worden.

Merah habe ihrem Sohn Filme von hingerichteten Frauen und Männern mit durchgeschnittenen Kehlen gezeigt, erklärte sie weiter. Der spätere Serientäter habe den 15-Jährigen auch geschlagen. Nachdem sie eingeschritten sei, habe Merah auch ihre Tochter und sie selbst geschlagen, berichtete die Frau. Merah sei von seinem älteren Bruder Abdelkader beeinflusst worden, der "Kopf" des Duos gewesen und oft ins Ausland gereist sei.

Islamisierung begann im Gefängis

Unterdessen nimmt die Staatsanwaltschaft an, dass die islamistische Radikalisierung des Serienattentäters von Toulouse im Gefängnis begonnen hat. Mohammed Merah habe im Gefängnis angefangen, "eifriger" den Koran zu lesen, sagte der für Terrorismus zuständige Pariser Staatsanwalt François Molins. Dies solle aber nicht heißen, dass der junge Mann ausschließlich wegen seiner Gefängnisstrafen zum gewaltbereiten Islamisten geworden sei.

Merah war schon als Minderjähriger mehrfach wegen kleinerer Delikte aufgefallen, darunter Steinwürfe auf einen Bus und Diebstähle. Wegen eines Handtaschenraubs musste er später 21 Monate ins Gefängnis, die Strafe saß er zwischen Dezember 2007 und September 2009 ab. In dieser Zeit widmete er sich dem Koran-Studium. Zuletzt wurde er Ende Februar erneut zu einem Monat Gefängnisstrafe verurteilt.

Nach dem Tod des mutmaßlichen Serienattentäters von Toulouse hat sich eine dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehende Organisation zu den Anschlägen in Frankreich bekannt. Die Gruppe namens Dschund al-Chilafah ("Die Soldaten des Kalifats") forderte Frankreich in einer im Internet veröffentlichten Botschaft auf, seine "feindliche" Politik gegenüber Muslimen aufzugeben. Mit den "Taten des Gesegneten" seien unter anderem die "Verbrechen Israels" im Gazastreifen gerächt worden.

Scharfschützen töten Merah

Merah, der sich selbst als ein Mitglied von Al-Kaida bezeichente, war nach einer über 30 Stunden andauernden Belagerung seiner Wohnung von der Polizei getötet worden. Der 23-Jährige hatte sich selbst zu Attentaten mit sieben Toten bekannt. Ein Scharfschütze der französischen Polizei schoss Merah bei seinem Sprung aus dem Fenster in den Kopf. Der zuständige leitende Staatsanwalt Molins sagte anschließend, es habe sich um einen Akt legitimer Selbstverteidigung gehandelt.

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Mohammed Merah bezeichnete sich selbst als ein Al-Kaida-Mitglied.

(Foto: dpa)

Bei dem fünfminütigen Schusswechsel, bei dem 300 Patronen abgefeuert wurden, wurde auch ein Polizist verletzt. Zwei weitere erlitten einen Schock. "Ein Mitglied des Einsatzkommandos sagte mir, dass er noch nie zuvor ein Feuer von einer derartigen Intensität erlebt hat", sagte der französische Innenminister Claude Guéant.

Wie Guéant weiter mitteilte, kam Merah aus dem Badezimmer, in dem er sich versteckt hielt, und schoss "mit äußerster Gewalttätigkeit" sofort auf die Einsatzkräfte. Er sprang schließlich aus dem Fenster, wobei er mit der Waffe in der Hand weiter feuerte. "Er wurde tot auf dem Boden gefunden", sagte Guéant. Die Elitepolizisten waren kurz vor elf Uhr in die Wohnung von Merah eingedrungen und hatten sich dort langsam vorgetastet. Guéant hatte angeordnet, den 23-Jährigen möglichst lebend zu fassen, um ihn vor Gericht zu stellen.

Attentäter filmte Gräueltaten

Die Ermittler gaben derweil bekannt, dass der Serienmörder alle seine Bluttaten offenbar gefilmt hat. Die Aufnahmen seien erschreckend deutlich, sagte der zuständige leitende Staatsanwalt François Molins. Beim tödlichen Kopfschuss auf sein erstes Opfer habe er erklärt: "Du tötest meine Brüder, und ich töte Dich." Bei seinem zweiten Attentat auf zwei Fallschirmjäger sei Merah zu sehen, wie er die beiden Soldaten erschießt, bevor er mit seinem Motorroller davonfährt und "Allah Akbar!" (Gott ist groß) rufe.

Die Polizei hatte die Kamera gefunden, nachdem ihnen Merah während der stundenlangen Belagerung seiner Wohnung mitgeteilt hatte, wo sie sich befindet. Laut Molins soll er den Ermittlern auch gesagt haben, dass er den Film ins Internet gestellt habe, "aber wir wissen nicht, wo oder wie oder wann".

Französische Rechte greift Regierung an

Präsident sagte in einer Fernsehrede, dass alle Versuche, Merah lebend zu fassen, gescheitert seien. "Es hat bereits zu viele Tote gegeben", so Sarkozy. Frankreich habe entschlossen gehandelt und seine Einheit bewahrt. Rachegedanken oder Wut seine jetzt nicht hilfreich, betonte Sarkozy.

Die Regierung werde nun Lehren ziehen. Künftig werde jeder, der im Internet zu Hass aufrufe, bestraft. "Jede Person, die regelmäßig im Internet Webseiten besucht, die den Terrorismus predigen, die zu Hass und Gewalt aufrufen, wird bestraft", sagte Sarkozy. Zudem müsse untersucht werden, ob und wie in Gefängnissen radikales fundamentalistisches Gedankengut verbreitet werde.

Die französischen Rechtsextremisten werfen der Regierung unterdessen vor, ganze Stadtviertel radikalen Islamisten zu überlassen. Die Gefahr werde unterschätzt, sagte die Chefin des Front National, Marine Le Pen, am Donnerstag im Hörfunksender France Info. Sie kritisierte, dass die Bildung fundamentalistischer Netze in manchen Vierteln toleriert werde, nur um den sozialen Frieden nicht zu gefährden. "Die Regierung hat Angst", sagte Le Pen. Sie liegt Umfragen zufolge einen Monat vor der Präsidentenwahl hinter dem konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und dessen sozialistischem Herausforderer Francois Hollande.

Kaltblütige Mordserie

Der hatte am 11. März zum ersten Mal zugeschlagen: In Toulouse erschoss er auf offener Straße einen Fallschirmjäger in Zivil. Wenige Tage später tötete er im nahegelegenen Montauban zwei weitere Fallschirmjäger. Wieder in Toulouse tötete er am Montag bei einem Angriff auf eine jüdische Schule . Guéant sagte später, der Mann habe die jüdische Schule nach eigenen Angaben nur angegriffen, weil er keinen weiteren Soldaten zum Töten "gefunden" habe.

Staatsanwalt Molins bestätigte, dass Merah zweimal in Afghanistan und in Pakistan war, dass er aber "ein untypisches Profil salafistischer Selbstradikalisierung" aufweise. Er sei mit eigenen Mitteln und nicht über die bekannten Netzwerke nach Afghanistan gekommen. Der Mann habe auch behauptet, von Al-Kaida in Waziristan im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ausgebildet worden zu sein.

Wegen seiner Reisen nach Afghanistan und Pakistan war Merah im November 2011 in Toulouse vom französischen Inlandsgeheimdienst befragt worden. Er sprach aber von einer touristischen Reise und untermauerte dies mit Fotos. Auch Merahs Mutter stand seit Längerem wegen ihrer Nähe zu unter Beobachtung. Sie und die beiden Schwestern und Brüder Merahs wurden am Mittwoch festgenommen. Ein Bruder sympathisiert nach Angaben des französischen Innenministers ebenfalls mit den extremistischen Salafisten.

Der Nahost-Experte vor einer "besorgniserregenden Entwicklung" hin zu terroristischen Einzeltätern. Dies erschwere die Arbeit der Ermittler, da es zunächst keine Indizien für die Polizei gebe. Lüders betont, dass das Verhältnis vieler Einwanderer zu Frankreich gestört sei. Die Einwanderer "haben sozial so gut wie gar keine Aufstiegschancen". Gerade der mit hunderttausenden Toten wirke immer noch nach.

"Attentäter hat sein Ziel verfehlt"

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat sich "tief bestürzt" über die Morde des mutmaßlichen Attentäters von Toulouse geäußert. Den Angehörigen und Hinterbliebenen der Opfer gelte "unser tiefstes Beileid", erklärte die Dachorganisation deutscher islamischer Verbände und Organisationen . "Wir fühlen mit ihnen in den Stunden des Schocks und der Trauer."

Zugleich begrüßte der Zentralrat, dass Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy sein Land bei einem Treffen mit jüdischen und muslimischen Würdenträgern dazu aufgerufen hatte, sich nicht durch Terrorismus spalten zu lassen. Das sei ein "immens wichtiges Zeichen" gewesen, erklärte der Zentralrat. Es habe gezeigt, dass der Attentäter sein Ziel verfehlt habe, Religionen gegeneinander aufzuhetzen.

Quelle: ntv.de, fma/ghö/sba/AFP/rts/dpa

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