Politik

Heute vor 30 Jahren Egon Krenz und Großmutters große Zähne

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Ost-Berlins größte Demo auf dem Berliner Alexanderplatz.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ost-Berlin am 4. November 1989: Hunderttausende Menschen demonstrieren auf dem Alexanderplatz gegen die SED-Führung sowie für Reisefreiheit und demokratischen Sozialismus. Auf der staatlich genehmigten Demo werden auch Vertreter der Staatsgewalt durch den Kakao gezogen.

Gregor Gysi bringt es auf den Punkt: "Ich möchte Sie begrüßen und beglückwünschen zu dieser größten Demonstration in der Geschichte der DDR, die als erste nicht von oben, sondern von unten organisiert, auf dem Rechtsweg beantragt und genehmigt worden ist", sagt er zu der riesigen Menschenmasse, die sich auf dem Berliner Alexanderplatz versammelt hat. Der 41 Jahre alte Rechtsanwalt, den noch am 4. November 1989 die wenigsten DDR-Bürger kennen, erntet dafür Beifall.

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Egon Krenz als Wolf bei Rotkäppchen.

Hunderttausende DDR-Bürger haben sich auf Berlins geschichtsträchtigem Platz versammelt, um für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu demonstrieren. Seit den frühen Morgenstunden ist die Ost-Berliner Innenstadt in der Hand der Demonstranten. Der Straßenverkehr ruht vollständig.

Egon Krenz und der um ihn versammelten Greisenriege wird mit humorvollen Transparenten, die in liebevoller Heimarbeit entstanden sind, entgegengetreten. Auf einem Plakat wird der neue SED-Generalsekretär und DDR-Staatsratsvorsitzende mit dem Märchen vom Rotkäppchen in Verbindung gebracht: "Großmutter, warum hast du so große Zähne?" Ein witziger Hinweis auf das für Krenz typische Dauergrinsen, das den meisten DDR-Bürgern unsympathisch ist. Und die Demonstranten stellen Forderungen wie "Gegen Monopolsozialismus. Für einen demokratischen Sozialismus" oder "Stasi in die Produktion". Auch in diesen Tagen nicht so wichtig erscheinende Dinge wie "Radwege auch in Ostberlin" werden gefordert.

Es ist so etwas wie ein Happening, das auf dem "Alex" stattfindet. Sogar das DDR-Fernsehen ist live dabei. Der Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer spricht von einem "politischen Volksfest". Die Redner steigen über eine Treppe auf die Ladefläche eines vor dem Haus des Reisens stehenden Lastwagens. Alles ist sehr provisorisch. Es ist keine der sattsam bekannten staatlichen Protz-Kundgebungen mit wehenden Fahnen und den üblichen "Winkelementen". Die Demonstration ist von Künstlern der Berliner Theater initiiert worden, der sich dann oppositionelle Gruppen und später sogar SED-Politiker angeschlossen haben.

"Jetzt ist alles gelaufen"

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Mit zitternden Händen: Markus Wolf.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Auch diese wenden sich an die anwesende Menschenmasse. Der SED-Politbürokrat Günter Schabowski, der von einem Schulterschluss von Krenz mit KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow spricht, wird gnadenlos ausgepfiffen. Entnervt verlässt er die Rednertribüne. Der frühere Chef des Stasi-Auslandsnachrichtendienstes, Markus Wolf, der über die Notwendigkeit von Reformen spricht, erntet ebenfalls Pfiffe und Buh-Rufe. "Als ich sah, dass seine Hände zitterten, weil die Leute gepfiffen haben, da sagte ich zu Jens Reich: So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar", sagt die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley nach der Veranstaltung.

Krenz ist bei der Demonstration gar nicht erst zugegen. Die Hunderttausenden geben den SED-Funktionären unmissverständlich zu verstehen, dass sie den radikalen Wandel in der DDR wollen. Die Redner des Systems erkennen spätestens jetzt, dass die Allmacht der SED zur Disposition steht und die Diktatur des Proletariats im Begriff ist, ihr Leben auszuhauchen.

Andere der mehr als 20 Redner treffen den Nerv der Menschen weit besser. Dazu gehört Gregor Gysi, der das Lavieren der Krenz-Truppe in der Frage der Reisefreiheit anprangert. Auch zur Rolle der Sicherheitskräfte nimmt er Stellung. "Unser Ziel muss sein, dass die Polizei friedliche Demonstranten schützt und damit den Namen Volkspolizei rechtfertigt." Gysi erntet dafür tosenden Beifall.

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Stefan Heym: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen!"

(Foto: imago images/Rolf Zöllner)

Der Schriftsteller Stefan Heym erinnert an die Ereignisse zum 40. DDR-Geburtstag am 7. Oktober: "Welche Wandlung! Vor noch nicht vier Wochen: die schön gezimmerte Tribüne, hier um die Ecke, mit dem Vorbeimarsch, dem bestellten, vor den Erhabenen. Und heute ihr, die ihr euch aus eigenem freien Willen versammelt habt, für Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist." Und der Literat, der mit der SED-Spitze über Kreuz lag, sagt weiter: "Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen! Nach all den Jahren der Stagnation - der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, - den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit."

Es geht um einen besseren Sozialismus

Auch die Schauspieler Ulrich Mühe, Jan Josef Liefers, Johanna Schall und Steffie Spira, die Schriftsteller Christa Wolf und Christoph Hein, der Dramatiker Heiner Müller und die Bürgerrechtler Marianne Birthler und Jens Reich sind unter den Rednern. Keiner von ihnen nimmt in diesen Stunden das Wort Wiedervereinigung in den Mund.

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Auch die Stasi ist Thema bei der Demonstration.

(Foto: imago/Rolf Zöllner)

Der Bühnenbildner Henning Schaller, der die Veranstaltung moderiert, sagt später: "Wir haben nicht daran gedacht, diesen Staat hinwegzufegen." Viele der Redner hätten den Sozialismus beibehalten wollen. Auch seitens der Demonstranten sei es hauptsächlich um einen demokratischen Sozialismus gegangen. Das unterstreicht ein Plakat, auf dem ein Zitat des gestürzten SED-Chefs Erich Honecker steht: "Die Demokratie in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf." Legendär ist der Satz von Schlussrednerin Steffie Spira: "Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde, und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen."

Doch noch ist in der DDR die SED an der Macht. Das wird beim Einreiseversuch des 1976 ausgebürgerten Liedermachers Wolf Biermann deutlich, der von den Organisatoren zur Demonstration eingeladen ist. Biermann wird am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße die Einreise in die DDR verwehrt.

Das Ende des Ostblocks

Die Jahre 1989 und 1990 stehen für den politischen Umbruch in Osteuropa. Wichtige Ergebnisse sind das Ende des Kalten Krieges sowie der Teilung Deutschlands und Europas. In einer losen Reihe beleuchtet n-tv.de die Ereignisse von vor 30 Jahren.

Dennoch ist die Kundgebung ein voller Erfolg. Dazu trägt vor allem die Gewaltfreiheit bei. Volkspolizisten sind kaum zu sehen. Künstler sind als freiwillige Helfer eingesetzt, sie tragen Schärpen mit der Aufschrift "Keine Gewalt". In erhöhter Alarmbereitschaft sind allerdings die DDR-Grenztruppen, weil Krenz und seine Leute einen Durchbruch der Kundgebungsteilnehmer zur Berliner Mauer befürchten. Auch stehen mehrere Hundertschaften von NVA-Soldaten in Bereitschaft.

Die Sorgen der noch Herrschenden erweisen sich als unbegründet. Die in Gang gesetzte Revolution bleibt zum Glück unblutig. Fünf Tage später fällt dann die Berliner Mauer.

Mauerfall vor 30 Jahren - Erinnerungswoche in Berlin

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls startet in Berlin heute eine Erinnerungswoche mit mehr als 200 Veranstaltungen. Den Auftakt gibt der Regierende Bürgermeister Michael Müller auf dem Alexanderplatz, wo am 4. November 1989 Hunderttausende Ostdeutsche für Meinungsfreiheit und Demokratie demonstriert hatten. Der historische Tag soll mit einer Performance an dem originalen Schauplatz wieder lebendig werden. Im Abgeordnetenhaus wird bei einer Diskussion über die Nachwirkungen der friedlichen Revolution gesprochen.

 

Quelle: n-tv.de

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