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Auschwitz-Überlebende vergibt SS-Mann "Es ist nie zu spät für diese Lektion"

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Ungarische Juden bei der Selektion auf der Rampe von Auschwitz.

(Foto: imago stock&people)

Einer der letzten SS-Männer von Auschwitz ist verurteilt. Eva Kor hat das Vernichtungslager überlebt, sie ist Nebenklägerin im Prozess und dennoch dagegen, "einen alten Nazi ins Gefängnis zu stecken". Im Interview mit n-tv.de fordert Kor eine ganz spezielle Strafe für Gröning.

n-tv.de: Der frühere SS-Mann Oskar Gröning gilt als Buchhalter von Auschwitz und steht nun wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Menschen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft fordert dreieinhalb Jahre Haft für ihn. Würde Sie ein solches Urteil befriedigen?

Eine Haftstrafe ist absolut sinnlos. Gröning auch nur eine Woche zu inhaftieren, wäre eine außerordentlich grausame Strafe. Er ist ein 94 Jahre alter schwacher Mann, der jeden Tag sterben kann. Die Staatsanwaltschaft mag dann zwar das gute Gefühl haben, einen alten Nazi ins Gefängnis zu stecken. Doch letztlich nützt seine Inhaftierung niemandem und kostet ungeheuer viel. So viel deutsches Geld auszugeben, um einem alten Mann eine Lektion zu erteilen, halte ich für falsch.

Was schlagen Sie dann vor?

Das Geld sollte lieber in Projekte gesteckt werden, die über den Holocaust aufklären. Statt zu einer Haftstrafe sollte Gröning dazu verurteilt werden, einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten und Jugendlichen von seinen Erfahrungen in Auschwitz erzählen. Dann legt er Zeugnis ab und erlebt diese Erfahrung wieder. Im Gefängnis muss er nicht darüber sprechen.

Gröning war nicht direkt in die Ermordung der Juden involviert. Halten Sie ihn für schuldig?

Er ist schuldig, weil er Teil des ganzen Systems war. Auch wenn er sicher einer der netteren Nazis war und ich nicht glaube, dass er jemals stolz auf das Nazi-Regime war. Nach dem, was ich verstanden habe, wollte er seine Entscheidung rückgängig machen. Ich frage mich nur: Konnte er als junger SS-Mann überhaupt den Dienst in Auschwitz verweigern, ohne selbst mit dem Leben dafür zu bezahlen? Wenn nicht, dann war er in gewisser Weise auch ein Opfer, weil er nicht länger machen konnte, was er wollte. Wir alle machen Fehler - manche sind klein, manche groß, manche schrecklich -  aber wenn wir diese erkennen und wiedergutmachen wollen, sollten wir eine zweite Chance bekommen. Niemand von uns möchte im Alter von 94 Jahren im Gerichtssaal sitzen und hören, was wir alles Schlimmes im Leben gemacht haben.

Sie haben Gröning vor Gericht erlebt. Welchen Eindruck machte er auf Sie?

Er wirkte aufgewühlt. Er hörte genau zu, als die Zeugen über Auschwitz redeten, und es schien ihn wirklich mitzunehmen. Was mich allerdings am meisten berührte, war die Reaktion vor Gericht: Niemand betrachtete ihn als Menschen. Wir Überlebenden wollen immer, dass die Welt mit uns mitfühlt. Doch nur weil Gröning ein Nazi war, ist er nicht mehr Teil der menschlichen Spezies?

Im Gerichtssaal haben Sie Gröning verziehen und öffentlich umarmt. Wie kam es dazu?

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Kor bedankt sich vor Gericht bei Gröning.

(Foto: dpa)

Nach dem Prozess am 23. April ging ich auf ihn zu. Ich dankte ihm dafür, dass er Zeugnis ablegte, und ich bat ihn, auch andere ehemalige Nazis davon zu überzeugen, öffentlich über ihre Erfahrungen von damals zu sprechen. Er hörte mir zu, dann umarmte er mich plötzlich und gab mir einen Kuss. Das hatte ich nicht erwartet, aber ich finde es auch nicht schlimm. Wieso sollte darüber verärgert sein? Schließlich sind eine Umarmung und ein Kuss der größte Ausdruck von Liebe und Zuneigung.

Die meisten anderen Überlebenden waren sehr befremdet von dieser Szene, einige nannten Sie eine Verräterin.

Sie sind wütend auf mich und verstehen nicht, wieso ich Gröning verzeihe. Sie wollen nicht verzeihen. Gemäß der jüdischen Tradition muss der Täter bereuen und um Verzeihung bitten – was Gröning übrigens tat.

Die Nationalsozialisten haben Ihre Eltern und viele andere Ihrer Verwandten vergast. Sie und Ihre Zwillingsschwester überlebten Auschwitz nur durch Zufall. Wie können Sie da verzeihen?

Ich war jahrzehntelang zornig und traurig. Noch fast 50 Jahre nach der Befreiung in Auschwitz bestimmte die Wut mein Leben. Doch dann erkannte ich nach einem Treffen mit einem ehemaligen Auschwitz-Arzt eher zufällig: Vergebung ist nicht wichtig für den Täter, sondern vor allem für das Opfer. Erst wenn ich verzeihe - selbst wenn mich der Täter nicht um Vergebung bittet -, kann ich mein Leben wieder in die Hand nehmen und bin kein Opfer mehr. Es ist ein großartiges Gefühl von Befreiung und Selbstheilung. Ich habe den Nazis, dem KZ-Arzt Josef Mengele und Adolf Hitler, verziehen, nicht weil sie es verdienten, sondern weil ich es verdiene.

Der Prozess kommt 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, Gröning ist ein alter Mann. Wie sinnvoll ist so ein Prozess noch?

Der Prozess kommt viel zu spät. Er hätte 10 Jahre nach dem Krieg geführt werden sollen, nicht 70 Jahre danach. Aber besser, er kommt spät als nie. Schließlich lehrt er uns enorm viel. Es ist ungeheuer wichtig, dass die Überlebenden von den Gräueln berichten und dass Gröning als ehemaliger Nazi Zeugnis ablegt. Wir müssen wissen, was passiert ist. Es ist nie zu spät für diese Lektion.

Mit Eva Kor sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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