Politik

Atom-Deal-Aus und die Folgen "Europa braucht eine eigene Nahostpolitik"

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In den Straßen von Teheran brennen US-Flaggen. Donald Trump hat die Ära der Entspannung beendet.

(Foto: imago/UPI Photo)

Das Aus des Atom-Deals rüttelt den Nahen Osten auf. Der Iran will die Urananreicherung hochfahren, auf den Golanhöhen fliegen Raketen. Antonia Rados ist seit Jahren in der Region unterwegs und erklärt im Interview, warum Europa einen eigenen Ansatz braucht.

n-tv.de: Du bist seit vielen Jahren in der Region unterwegs. Wie würdest du die Stimmung in den Staaten des Nahen Ostens gegenwärtig allgemein beschreiben?

Antonia Rados: Die allgemeine Stimmung ist antiwestlicher denn je. Dafür gibt es mehrere Gründe: zuerst die vielen vor allem von den USA geführten Kriege wie der Afghanistan- oder der Irak-Krieg. Dazu kommt die ungelöste Israel-Palästina-Frage. Dafür wird der Westen mitverantwortlich gemacht. Wichtiger ist aber noch: Eine Riege von Politikern wie der iranische Oberst Führer Ali Khameinei, der türkische Präsident Erdogan, der russische Präsident Putin oder Anführer radikalislamischer Gruppen bestimmen heute die Region. Sie alle geben sich als starke Männer. Sie sind antidemokratisch. Und sie machen massiv Stimmung gegen den Westen.

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Antonia Rados ist Chefreporterin von RTL und n-tv und seit Jahren im Nahen Osten unterwegs. Für ihre Berichte aus dem Irak, Afghanistan und dem Iran wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Und auch in der Bevölkerung hat sich die Stimmung gedreht, der Westen ist kein Vorbild mehr. Dazu tragen antimuslimische Einwanderungsgesetze in den USA bei. Der Aufstieg antiislamischer Parteien in Europa bleibt jungen Muslimen im Internet-Zeitalter auch nicht verborgen.

Donald Trump argumentiert, er wolle mit der Entscheidung, den Iran-Deal aufzukündigen, Frieden in die Region bringen. Bringt die Entscheidung Frieden oder destabilisiert sie die Region?

Trump geht bei vielen Problemen sofort auf Konfrontationskurs. Er ist ein Mann ohne Geduld. Ein politischer Abenteurer. Wenn er Frieden will, dann ausschließlich zu seinen Bedingungen. Typisch dafür ist eben jetzt auch die Entscheidung, den Deal zu kündigen.

Jemand ohne Geduld wie Trump ist auch beim Krieg in Syrien nicht der Richtige, um die Parteien an einen Tisch zu bringen. Da spielen neben den USA, Russland, dem Iran, der Türkei, den Golfstaaten, eingeschlossen Saudi-Arabien, die libanesische Hisbollah mit. Außerdem kommt Israel mit seinen Angriffen nun als zusätzliche Unbekannte dazu. Den USA fehlt inzwischen darüberhinaus das politische Ansehen - was Putin aber auch nicht in der Region hat. Durchsetzen kann sich in Syrien also keiner, daher das Chaos.

Andererseits hat Trump die Nahostpolitik von seinen Amtsvorgängern geerbt und darum kann man ihn nicht beneiden.

Schon in der Nacht nach dem Scheitern des Atomabkommens haben mutmaßlich iranische Al-Kuds-Brigaden israelische Stellungen angegriffen. Hat der Iran jetzt alle Hemmungen verloren, Israel direkt zu attackieren?

Wir wissen noch nicht genau, was da gelaufen ist. Eigentlich ist der Iran kein Staat, der derartige außenpolitische Abenteuer veranstaltet. Das Regime arbeitet normalerweise außerhalb der Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit. So hat Teheran in den vergangenen Jahren in aller Stille, ohne dass es viele gemerkt haben, Teile Syriens, aber auch Teile des Jemen, Iraks und des Libanon unter die Kontrolle seiner Revolutionsgarden gebracht.

Andererseits hatte schon der Gründer der Islamischen Republik, Ajatollah Khomeini, den Export seiner Revolution angekündigt - insofern ist es kein Wunder, dass nun Al-Kuds-Brigaden in Syrien stationiert sind und sie werden von Israel natürlich als Bedrohung angesehen. Ich würde dennoch sagen, der Iran ist dennoch zuerst einmal ein politischer Faktor, eine Nation, mit der zu rechnen ist. Erst danach eine Islamische Republik. Der Iran als Kernland des früheren Persien hat neben den schlagkräftigen Revolutionsgarden einen funktionierenden historischen Staatsapparat und eine gut ausgebildete Jugend, selbstbewusst und national eingestellt. Doch der religiöse Eifer macht Teheran natürlich nicht weniger gefährlich. Für die USA und Israel ist der Iran ein absolut ernst zu nehmender Gegner.

Anderseits haben wir mit Ministerpräsident Netanjahu in Israel einen Hardliner an der Macht. Es genügt, daran zu erinnern, dass Netanjahu im September 2002 genauso vehement, wie er jetzt für einen Krieg gegen den Iran eintritt, gegen Saddam Hussein und den Irak wetterte. Netanjahu versprach, nach Saddams Sturz würde in Nahost Frieden einkehren. Was, wie wir heute wissen, keineswegs der Fall war – sondern das Gegenteil.

Der Iran hat angekündigt, innerhalb weniger Wochen die Urananreicherung wieder hochzufahren. Wie wahrscheinlich ist es, dass Israel mit einem Präventivschlag einschreitet?

Sollte der Iran eine Atombombe entwickeln, hat Israel als Staat mit einem eigenen, geheimen Atomwaffenprogramm wahrscheinlich keine andere Möglichkeit als die gefährlichste aller Waffen bei seinem Erzfeind auszuschalten. Und selbst wenn der Iran sagt, er wolle keine Bombe bauen, selbst wenn viele Aussagen aus Teheran Propaganda sind, um die arabischen Staaten auf die Seite des Iran zu bringen: Es gibt in der Region mehr als genug Extremisten, die über die Vernichtung Israel nachdenken - das kann Israel einfach nicht unberücksichtigt lassen.

Auch Saudi-Arabien beansprucht den Titel als regionale Supermacht für sich. Wie wird das saudische Königshaus auf die aktuellen Entwicklungen reagieren?

Die Saudis handeln, wie die Iraner auch, meistens im Hintergrund. Das zeigt etwa ihre langjährige Unterstützung von religiösen Extremisten in der Region. In Saudi-Arabien werden alle wichtigen Entscheidungen innerhalb einer Familie getroffen, den Ibn Saud. Die Reformpolitik von Kronprinz Mohhamed Bin Salman hat daran nichts geändert- auch er ist ein Autokrat, kein Demokrat.

Man muss Saudi-Arabien zugestehen, dass es sich zumindest bemüht, Anschluss an das 21. Jahrhundert zu finden - natürlich mit einem Hintergedanken, nämlich eine Regionalmacht zu werden wie der Iran oder die Türkei.

Könnte auch Riad ein eigenes Atomprogramm entwickeln?

Ja, dieses Szenario wurde bereits mehrmals von Vertretern des Königshauses ins Spiel gebracht. Die Iraner haben für ihr angeblich ziviles Atomprogramm zwei Jahrzehnte gebraucht. Bei den Saudis ließen sich derartige Bemühungen also auch nicht über Nacht umsetzen.

Könnte es eine Allianz zwischen den Saudis und Israel gegen den Iran geben?

Angeblich gibt es diese geheime Allianz bereits seit Langem - ein reines Zweckbündnis gegen den starken Iran. Doch für die Saudis hat das auch Nachteile: Solche Kontakte führen zu steigender Unpopularität des Königshauses. Viele im Nahen Osten scheinen außerdem zunehmend genug zu haben von westlich orientierten Ikonen wie dem saudischen Kronprinzen Mohammed Bin Salman. Er ist bei uns populärer als bei der arabischen Jugend.

Welche Konsequenzen können sich aus dem gescheiterten Atom-Deal für die Kriege in Syrien und im Jemen ergeben?

Der Nahe Osten ist im völligen Umbruch. Die vielen Kriege in der Region, der Zusammenbruch alter Bündnisse, das Entstehen von neuen sind Zeichen dafür. Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass der Einfluss des Westens über Nacht verschwindet. Aber es wird für die USA und Europa zunehmend schwieriger, dort Verbündete zu finden. Die antiwestliche Stimmung nimmt zu und neue Akteure wie Indien, China oder Russland nutzen das für sich. Ich bin oft in Teheran und es ist voll mit asiatischen Geschäftsleuten. China nähert sich Ländern wie dem Iran, aber auch der Türkei an - im Schatten von Trumps Politik. Daher braucht Europa eine eigene Nahostpolitik - abseits der USA.

Mit Antonia Rados sprach Benjamin Konietzny

Quelle: ntv.de

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