Politik

Fake News im Alltag "Selten ist alles frei erfunden"

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(Foto: picture alliance / Monika Skolim)

Donald Trump hat den Begriff der Fake News in unseren Wortschatz katapultiert. Der US-Präsident hat eine sehr einfache Definition dafür: Er meint Zeitungen wie die "New York Times" und die "Washington Post" oder TV-Sender wie CNN - alle Medien, die schlecht und kritisch über ihn berichten. Philosoph Philipp Hübl sieht das anders. Der Autor der Bücher "Bullshit-Resistenz" und "Die aufgeregte Gesellschaft" definiert Fake News als gefälschte oder fingierte Nachrichten mit der Absicht, andere Menschen zu täuschen. Im Interview mit n-tv.de erklärt er außerdem, warum uns Denkfehler verleiten, Fake News weiterzuverbreiten, wie wir Lügen entlarven können und warum er Fake-News-Gesetze für gefährlich hält.

n-tv.de: Ist jede Falschmeldung eine Fake News?

Philipp Hübl: Falschmeldung wäre zu weit gefasst, weil selbst den allerbesten Nachrichtenredaktionen Fehler passieren. Die einfache Übersetzung von Fake News ist: gefälschte oder fingierte Nachricht. Es muss eine Absicht oder einen Vorsatz geben. Ich würde sogar noch weitergehen: Jemand produziert absichtlich eine falsche Nachricht, um Leute zu täuschen, oder er nimmt es zumindest billigend in Kauf.

Es gibt unterschiedliche Arten von Lügnern?

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Philipp Hübl war von 2012 bis 2018 Juniorprofessor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart.

(Foto: Juliane Marie Schreiber)

Der, der es absichtlich tut, um zu täuschen, ist der Lügner. Der, der es billigend in Kauf nimmt, ist der Bullshitter. Der Ausdruck stammt vom Philosophen Harry Frankfurt. Er sagt: Es gibt Menschen, denen die Wahrheit egal ist. Viele Fake News sind dieser Natur.

Der Vorwurf, dass Medien Fake News verbreiten, wäre demnach ein Widerspruch in sich?

Genau. Seriöse Medien haben ein Interesse daran, dass das, was sie mitteilen, wahr ist. Diejenigen, die Fake News verbreiten, verfolgen typischerweise eine Ideologie oder politische Agenda. Sie wollen nicht nur, dass ihre Agenda bekannt, sondern dass sie unterstützt wird. Wenn sie dafür nicht die richtigen Nachrichten finden, versuchen sie, eigene zu produzieren.

Das klingt nach US-Präsident Donald Trump. Ist er der größte Verbreiter von Fake News?

Nein, denn eine Fake News muss wie eine Nachricht aussehen. Trump ist der Prototyp eines Bullshitters, der sagt: Mir ist die Wahrheit egal. Es gibt eine schöne Anekdote von Trump. Er hat mal erzählt, er habe sich mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau unterhalten. Dabei habe Trudeau gesagt, Kanada habe kein Handelsdefizit gegenüber den USA. Trump hat dem widersprochen. Später hat er damit geprahlt, dass er gar nicht wusste, ob das stimmt. Ihm war das egal, er wollte Trudeau einfach nur eins vor den Latz knallen. Das ist die Haltung des Bullshitters: Ich sage es einfach, um zu gucken, was passiert.

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Ist diese Prahlerei, die Trump an den Tag legt, eine Eigenschaft des Bullshitters?

Ja, das ist ein typisches Phänomen. Harry Frankfurt hat schon vor der Wahl Trumps geschrieben, dass viele Menschen im Alltag so tun, als hätten sie Ahnung. Manchmal einfach nur, um mitreden zu können oder, weil man ständig zu Sachen befragt wird, von denen man keine Ahnung hat. Aber man kann als Bullshitter auch eine Agenda haben, um etwas zu verkaufen. Ein Autohändler wird vielleicht alles Tolle über ein Auto erzählen. Vielleicht stimmen auch einige Sachen, aber es geht ums Verkaufen. Die Klatschpresse ist ein anderes Beispiel, wo alles Mögliche geschrieben wird.

Die meisten Lügen oder der meiste Bullshit von Trump sind relativ leicht zu widerlegen. Seine treuesten Anhänger halten trotzdem eisern zu ihm. Wieso?

Es liegt nahe, dass seine Wähler aus Treue heraus zu ihm halten. Die sogenannte Loyalitätslügen sind empirisch mittlerweile auch belegt. Das machen nicht nur Republikaner, sondern auch Demokraten, Linke, Rechte, Fahrradfahrer, Autofahrer, Fleischesser und Veganer.

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Ein krasses Beispiel waren die Fotos der Inaugurations-Zeremonie. Zur Amtseinführung von Barack Obama waren etwa eine Million Menschen auf den Vorplatz des Kapitols in Washington, bei Trump war es maximal die Hälfte. Man sieht auf Bildern große weiße Flächen. Fragt man die Wähler der Demokraten und der Republikaner "Welches Foto ist von welcher Inauguration?", sagt ein Großteil der Republikaner: Das volle muss Trump sein.

Anschließend haben die Versuchsleiter gesagt, dass das Obama ist und gefragt, auf welchem Bild generell mehr Menschen zu sehen sind. Bei republikanischen Wählern sagten immer noch zehn Prozent: auf dem Bild von Trump. Obwohl wirklich auf großen Flächen kein Mensch zu sehen war. Das war so offensichtlich, das hätte jedes kleine Kind erkannt. Trotzdem haben sie es verneint.

Dann spielt es aber auch keine Rolle, wie viel Mühe sich Medien geben, korrekt und genau zu arbeiten. Manche Menschen werden eine Meldung trotzdem nicht glauben oder einen Fehler für Absicht halten.

Wenn ich von vornherein davon ausgehe, dass Medien die Bösen sind, werde ich die wenigen Fehler überbetonen und die vielen richtigen Nachrichten einfach vergessen. Das erkennt man daran, wann die Leute Lügenpresse rufen: nicht beim Druckfehler bei den Fußballergebnissen, sondern bei moralisch und politisch sehr sensiblen Themen. Es geht fast immer um Flüchtlinge, Migration, Fremdheit und progressive Werte. Dann wird unterstellt, dass eine Nachrichtenredaktion eine bestimmte politische oder moralische Perspektive hat.

Mal angenommen, man will Fake News entlarven. Welche Anzeichen gibt es?

Es ist selten so, das alles frei erfunden ist. Lügen und Täuschungen funktionieren am besten, wenn es einen wahren Kern gibt und man einen bestimmten Teil weglässt, leicht verändert oder hinzudichtet. Wenn man gar keine Quelle findet, merkt jeder schnell: Okay, das ist frei erfunden. Es funktioniert besser, wenn es - das ist ausgedacht, was ich jetzt sage - heißt, in der Nähe von Stuttgart haben hundert Flüchtlinge eine Gruppe von Rentnern verprügelt und man eine Polizeimeldung zu einer Schlägerei findet - nur mit anderen Zahlen und anderen Beteiligten.

Sie sind aber trotzdem gegen Fake-News-Gesetze.

Ein Gesetz wäre viel zu gefährlich. Die Wahrheit muss zwischen den Menschen herausgefunden werden. In der Philosophie würde man sagen: intersubjektiv. Es gibt Fakten, die kann man herausfinden. Das darf man nicht in die Hände einer staatlichen Institution legen, eines "Wahrheitsministeriums" überspitzt gesagt. Wir haben in der Geschichte gesehen, dass das missbraucht wird. Alle großen autoritären Herrscher sagen: Wir verkünden die Wahrheit.

Welche Möglichkeiten bleiben dann, um Wahrheit und Lüge zu unterscheiden?

Technische Hilfsmittel sind eine Möglichkeit. Zum Beispiel gibt es mittlerweile Browser-Erweiterungen oder -Programme, die Fake News recht gut erkennen. Die markieren verdächtige Webseiten. Dann muss man als Mensch immer noch überprüfen, ob es stimmt. Auch eine kleine Markierung im Newsfeed von Facebook oder Twitter hilft.

Das hilft aber nur denjenigen, die Fake News auch wirklich entlarven wollen. Bei den Loyalitätslügen, die sie erwähnt haben, bringen solchen Hilfsmittel nichts. Was können wir dort tun?

Medienkompetenz trainieren. Man könnte auch sagen: klares Denken, kritisches Denken, wissenschaftliches Denken. Ich nenne es spaßhaft "Bullshit-Resistenz": Bullshit ist Unfug aller Art. Eine Resistenz ist die Fähigkeit, dem zu widerstehen. Das sollte ein Unterrichtsfach sein an Schulen, aber auch an Universitäten. Man weiß einfach heute sehr viel mehr über Kurzschlüsse, Vorurteile und Denkfehler, denen wir alle ausgeliefert sind. Selbst diejenigen, die darin gut trainiert sind, weil wir bei vielen Nachrichten, die wir täglich sehen, nicht mehr erkennen können, woher die eigentlich kommen.

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Im Philosophiestudium wird man zum Beispiel darauf trainiert, sich erst zu überlegen: Was könnte gegen diese Aussage sprechen? Normalerweise suchen wir immer nach einer Bestätigung für unsere Überzeugung. Aber man kann sich innerlich so einstellen, dass man sagt: Ich schaue erst einmal, was dagegen spricht. Man könnte sagen: Verlassen Sie sich nicht auf ihr Bauchgefühl! 

Das klingt mühsam und langwierig.

Ja, aber daran führt kein Weg vorbei. Dieser Unterricht wäre auch schon vor 30 Jahren sinnvoll gewesen, aber jetzt ist er umso wichtiger.

Mit Philipp Hübl sprach Christian Herrmann

Quelle: ntv.de