Politik

"Sie griffen zu Kleiderbügeln" Frauen kämpfen gegen Abtreibungsbann

RTX377OT.jpg

In Kibera, dem größten Slum Afrikas in Nairobi, haben 25 Prozent aller Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren mindestens ein Kind zur Welt gebracht.

(Foto: REUTERS)

Giftige Chemikalien oder verrostete Kleiderbügel - weltweit müssen Millionen von Frauen zu drastischen Mitteln greifen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Die UN-Konferenz in Nairobi will zwar die Rechte von Frauen stärken. Doch das Thema Abtreibung wird weitestgehend totgeschwiegen.

"Sie weinte tagelang, nachdem sie es erfahren hat", erzählt Beverly Moise Morais auf der UN-Bevölkerungskonferenz in Nairobi. Das nächste Mal sah die junge Aktivistin ihre schwangere Freundin im Krankenhaus wieder. Sie hatte versucht, mit einem Kleiderbügel abzutreiben. "Mädchen und Frauen müssen in meinem Land zu lebensgefährlichen Mitteln greifen, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden", beklagt Morais. Manche benutzen wie ihre Freundin verrostete Bügel, andere giftige Cocktails aus Chemikalien und Kräutern. "Sie haben ja keine andere Wahl", sagt sie.

In Nicaragua, der Heimat von Morais, herrscht ein totales Abtreibungsverbot. Es ist eines der wenigen Länder der Welt, in denen ein Schwangerschaftsabbruch selbst dann verboten ist, wenn der Fötus nicht lebensfähig oder das Leben der Mutter in Gefahr ist. Auch für Schwangerschaften als Folge von Vergewaltigungen gibt es keine Ausnahme. Und die kommen im autonomen Gebiet an der Karibikküste, aus dem Morais stammt, besonders häufig vor. Acht von zehn Mädchen erlebten im Alter zwischen 8 und 13 Jahren sexualisierte Gewalt - nicht selten sind sie danach schwanger, führt die junge Frau weiter aus.

"Ich wünsche mir, dass Mädchen und Frauen überall auf der Welt Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen haben", sagt Morais. Dann bliebe den Frauen erspart, was viele ihrer Freundinnen erleiden mussten. Um ihnen eine Stimme zu geben, reiste Morais nach Nairobi zur UN-Weltbevölkerungskonferenz. In der Hauptstadt Kenias kamen vergangene Woche Vertreter aus mehr als 160 Ländern zusammen. Auf der Agenda des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen stand das Recht der Frau auf sexuelle Selbstbestimmung.

Abtreibungsgegner bekommen mächtige Unterstützer

Kurz vor der Eröffnungsveranstaltung versammelten sich vor dem Konferenzgelände etliche Demonstranten. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift "Abtreibung tötet unsere Kinder" und mit roter Farbe beschmierte Baby-Puppen. Im stark christlich geprägten Kenia ist Abtreibung  wie im Rest Afrikas zum Reizwort geworden. Kirchen und religiöse Gruppen machen gegen eine Lockerung der Gesetze mobil.

Schwangerschaftsabbruch

Weltweit werden laut WHO jedes Jahr 57 Millionen Schwangerschafts-abbrüche durchgeführt, fast die Hälfte davon unter unsicheren Be-dingungen. Von den rund 25 Milli-onen unsicheren Abbrüchen ent-fallen 97 Prozent auf Entwicklungs-länder. Dort ist laut WHO-Studie jede zweite Abtreibung unsicher.

Einflussreiche Unterstützer finden Abtreibungsgegner allerdings auch außerhalb des Kontinents. Gegen die Entscheidung von Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch stellen sich viele konservative Gruppen und Politiker auch in westlichen Ländern. US-Präsident Donald Trump etwa setzte 2017 wieder die sogenannte Global Gag Rule in Kraft und stoppte damit Fördermittel in Höhe von 100 Millionen Dollar für Nichtregierungsorganisationen in aller Welt, die über Abtreibungen informieren oder sie durchführen. Es reicht schon, wenn die Organisationen Frauen in Notsituationen einen Arzt vermitteln, damit ihnen die US-Gelder gestrichen werden. Die US-amerikanische Blockadepolitik hat Experten zufolge einen enormen Effekt auf die Arbeit der NGOs. Zwar geht es vordergründig um Abtreibung, aber es trifft auch Organisationen, die bloß Familienplanung und Schwangerschaftsbetreuung anbieten.

In diesem schwierigen politischen Umfeld setzt sich der UN-Bevölkerungsfonds somit nicht aktiv für Abtreibung ein. "Wir geben Regierungen keine Ratschläge in diese Richtung, das hat unser Vorstand so entschieden", sagte Direktorin Natalia Kanem vor wenigen Monaten n-tv.de. Ihnen ging es mit der Konferenz in Nairobi eher darum, die Ursachen für ungewollte Schwangerschaften zu bekämpfen und damit auch das explosionsartige Weltbevölkerungswachstum zu bremsen. Das könne nur erreicht werden, wenn die Rechte von Mädchen und Frauen gestärkt werden, sagte Kanem auf der Eröffnungsveranstaltung in Nairobi.

"Das ist doch kein Mittel der Familienplanung"

Erste Erfolge sind jetzt schon spürbar. Kenias Präsident Uhuru Kenyatta sicherte in seiner Rede Mädchen und Frauen bessere Bildungschancen, Zugang zu Verhütungsmitteln und das Verbot von Genitalverstümmelung zu. Schwangerschaftsabbrüche wollte er hingegen erst gar nicht thematisieren. Kenia hat strenge Abtreibungsgesetze. "Dieses Gerede über Abtreibung will uns doch nur von unserem eigentlichen Ziel abhalten, Leben zu retten", sagte Macharia Kamau, Hauptsekretär im Außenministerium Kenias, später. "Ich kenne keine Frau, die eine Abtreibung genossen hat. Das existiert einfach nicht. Es ist das Letzte, was sie möchte."

Auch in Deutschland wird das Thema nach wie vor sehr kontrovers diskutiert. Erst vor zwei Jahren wurde die Ärztin Kristina Hänel angezeigt und rechtskräftig verurteilt, weil sie Informationen auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche anbot. "Eine Abtreibung ist ein letzter schrecklicher Ausweg", sagte Maria Flachsbarth, Staatssekretärin im Bundesentwicklungsministerium, im Gespräch mit n-tv.de. "Das ist doch kein Mittel der Familienplanung." Damit zitierte sie fast wörtlich die Richtlinien des UN-Fonds. Somit blieb am Ende der Konferenz die Auseinandersetzung mit Schwangerschaftsabbrüchen nur eine Randerscheinung, die nur von einigen wenigen Regierungsvertretern wie der von Dänemark und den NGOs ohne Stigma thematisiert wurde.

"Es wird viel getan, aber trotzdem nicht genug", resümiert Morais. Frauen wollen letztendlich die uneingeschränkte Wahl über ihr Leben und ihren Körper haben. "Dazu gehört eben auch das Recht auf legale und sichere Schwangerschaftsabbrüche." Die Tabuisierung führe ohnehin nicht zu weniger Abtreibungen, sagen Ärzte ohne Grenzen. Stattdessen setzten Mädchen und Frauen ohne medizinische Beratung und Betreuung ihr Leben aufs Spiel bei dem Versuch, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden.

Laut der Organisation sterben weltweit jährlich fast 23.000 Frauen infolge eines unsachgemäßen Abbruchs. "Ich habe das selbst in meiner Heimat erlebt", sagt Morais. "Regierungen, die den Zugang zu legalen und sicheren Abtreibungen versperren, riskieren das Leben von unzähligen Mädchen und Frauen."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen