Politik

Ein Camp irgendwo im Nirgendwo Gauck ist "einigermaßen bewegt"

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Bundespräsident Gauck zu Besuch bei einer Flüchtlingsfamilie.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Krieg in Syrien hat auch Auswirkungen auf die Nachbarländer. Das Königreich Jordanien hat etwa 630.000 Menschen aufgenommen. Eine enorme Belastung - auch sozial. Nun besucht Bundespräsident Gauck das Auffanglager Azraq.

Von der Hauptstadt Amman sind es nur etwa 100 Kilometer bis Azraq - dort stehen sie, mitten in der steinigen, kargen Landschaft, ohne einen einzigen Baum in Sichtweite: Die weißen Hütten in Leichtbauweise erinnern an Gewächshäuser. Tatsächlich aber sind sie Schutzraum für syrische Flüchtlinge. Rund 10.000 dieser Hütten hat das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) im Camp Azraq aufgebaut. An diesem Dienstag kommen Bundespräsidenten Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt zu Besuch. Das deutsche Staatsoberhaupt hat in Jordanien viel über die Flüchtlinge und deren Situation gesprochen. Hier will er sie sehen.

In dem Ende April 2014 eröffneten Komplex leben derzeit gut 28.000 Menschen. Im Notfall könnten auf dem knapp 15 Quadratkilometer großen Areal 100.000 Flüchtlinge untergebracht werden. Doch dass es jemals so viele werden, ist unwahrscheinlich. Denn Jordanien hat die Grenze zu Syrien de facto längst geschlossen. Nur noch ein paar Dutzend Flüchtlinge schaffen es täglich nach Jordanien.

"Sie lebten in Appartements, trafen sich zum Picknick"

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56 Prozent der Bewohner sind jünger als 18 Jahre.

In insgesamt sechs Dörfern hat das UNHCR das Camp unterteilt. Es gibt sandige Straßen, es gibt Krankenhäuser, eine Schule, die die Kinder bis zur zwölften Klasse besuchen können und sollen - getrennt nach Geschlechtern. Von acht bis zwölf Uhr lernen die Mädchen, von zwölf bis halb drei die Jungen.

Gauck besucht den Mathematikunterricht einer siebten Klasse. Schon eine halbe Stunde vor dessen Ankunft gehen die Kamerateams in Stellung. Die Mädchen bleiben dennoch gelassen. Sie wollen lernen, etwas tun. "Setzt Euch", sagt Gauck zu den Kindern. Dann plaudert er mit der Lehrerin und einigen Schülerinnen über den Unterrichtsstoff. Die Zeit ist knapp. Gauck muss weiter. Zudem warten die Journalisten auf ein Statement.

"Einigermaßen bewegt" sei er, sagt Gauck in Azraq. Er meint das Engagement der Helfer. Das aber kostet Geld - und dieses ist knapp. Gut 23 Millionen US-Dollar hat das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für 2015 veranschlagt. Noch nicht einmal die Hälfte ist bislang zusammengekommen. "Die Völkergemeinschaft muss sich schon überlegen, ob sie es dulden will, wenn Ernährungsprogramme runtergefahren werden müssen. Das geht so nicht!"

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28.000 Menschen im Nichts.

Das UNHCR tut sein Bestes, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Azraq habe Modellcharakter sagt Aoife McDonnell aus Irland. "Und doch ist es verglichen mit dem Leben, das die Syrer zuvor hatten, nichts, was sie sich wohl jemals hätten vorstellen können. In Syrien lebten sie in Häusern, in Appartments. Am Wochenende trafen sie sich zu Picknicks. Jetzt leben sie auf unbestimmte Zeit in einem Camp in der Wüste, bei sengender Hitze im Sommer und bitterer Kälte im Winter." Es gibt ein paar Notstromaggregate. Erst im kommenden Jahr soll eine Solaranlage in Betrieb gehen. "Die Menschen im Lager sind frustriert", sagt McDonnell. "Gleichzeitig haben Sie eine ungeheure Würde." Mehr als jeder zweite Bewohner Azraqs ist jünger als 18 Jahre. Eine verlorene Generation sagt ein anderer Helfer.

Jeder Elfte in Jordanien ist ein Flüchtling

Laut UNHCR leben derzeit 630.000 syrische Flüchtlinge in Jordanien. Bei einer Bevölkerungszahl von gut sechseinhalb Millionen ist somit jeder Elfte in dem Land ein syrischer Flüchtling. Gut ein Fünftel von ihnen lebt in den Lagern. Andere versuchen ihr Glück in den Städten oder deren näher Umgebung - "Urban Refugees" werden sie genannt.

Ihre Suche nach einem besseren Leben führt zu Spannungen. Die Miet- und Lebensmittelpreise sind gestiegen. "Die Ankunft der Flüchtlinge hat zur Eskalation der finanziellen Probleme geführt", sagt Ahmad Awad, Leiter des Phenix-Centers einem Dachverband von Nicht-Regierungsorganisationen in Jordanien. Er setzt sich für mehr ziviles Engagement in seinem Land ein. Doch hier tut sich das Haschemitische Königreich Jordanien schwer. Denn das Flüchtlingsproblem ist vielschichtig. Darüber spricht der Bundespräsident mit Vertretern der Zivilgesellschaft.

Ist eine Lagerunterbringung die Lösung?

"Die Syrer im Camp sind eine tickende Zeitbombe." Diese drastischen Worte kommen von Wasfi Alsarhan, der in Amman unter anderem für die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet. Die Menschen seien großem Druck ausgesetzt. Wie alle Syrer dürfen sie offiziell nicht arbeiten. Viele tun es dennoch. "Die Konkurrenz am Arbeitsmarkt ist gefährlich", sagt er. Sie arbeiteten für Niedriglöhne. Seine Lösung: Die Lage der Menschen in den Camps verbessern, damit sie dort bleiben.

Widerspruch kommt von der Journalistin Rana Sweis. "Wegsperren, ausschließen? Das geht überhaupt nicht." Sweis betreut "Urban Refugees". Sie plädiert dafür, die Flüchtlinge besser zu integrieren. Dabei sei Deutschland ein Vorbild. "In Jordanien gibt es keine langfristigen Überlegungen", sagt sie.

Gauck hat während seines dreitägigen Besuchs in Jordanien immer wieder das Engagement Jordaniens in der Flüchtlingskrise gewürdigt. Doch auch er plädiert für mehr Integration. "Wenn sich irgendeine Gesellschaft vorstellt, dass es gut sei, Flüchtlinge in Lagern unterzubringen, ist das ein Irrweg", sagt er.

Und tatsächlich: Orte wie Asraq mögen Schutz in der ersten Not bieten. Eine Heimat, wenn auch nur vorübergehend, können sie niemals werden. Weshalb sich nicht nur immer mehr Syrer auf den gefährlichen Weg nach Europa machen - sondern auch wieder zurück nach Syrien gehen.

Quelle: n-tv.de

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