Politik

Rädelsführer der "Reichsbürger" Handschellen für Heinrich XIII.

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Heinrich Reuß sah sich als künftigen Monarchen Deutschlands. Es kam anders.

(Foto: REUTERS)

Er wollte Regent werden, doch es reichte nur zum Rädelsführer. Heinrich Reuß, oder wie er sich sah: Heinrich XIII., wird festgenommen, bevor seine mutmaßliche Verschwörergruppe einen Putschversuch starten konnte. Wäre es nicht auch um Leben und Tod gegangen, es hätte etwas Lächerliches gehabt.

In seinem Anwesen in Frankfurt wartete Heinrich Reuß darauf, endlich über Deutschland herrschen zu können, vielleicht als König, jedenfalls als Monarch. Mit seiner Clique von Gleichgesinnten wollte er die Macht übernehmen - Olaf Scholz, Robert Habeck, Christian Lindner sollten das tun, was seine Vorfahren mussten: Abdanken. Doch es kam anders. Der Kanzler und seine Minister sind noch im Amt, Reuß trägt Handschellen. Es ist 10.40 Uhr, als maskierte Einsatzkräfte in schusssicheren Westen den 71-Jährigen aus seinem Anwesen in der Frankfurter Fichardstraße führen.

Es mutet irre an, was der Mann mit den zurückgekämmten Haaren vorhatte. Die Vorstellung, dass er und seine Mitstreiter tatsächlich die Macht im Land übernommen hätten, erscheint absurd. Dass sich "das Volk" ihnen angeschlossen hätte, Polizei und Bundeswehr mal eben 70 Jahre Demokratie abstreifen und sich frohgemut einer neuen Monarchie andienen sollten - das waren Hirngespinste. Aber es hätte die Republik bis ins Mark erschüttert, wenn durchgeknallte "Reichsbürger" in den Reichstag eingedrungen wären und dort Menschen erschossen hätten.

Vom Generalbundesanwalt heißt es, die Verschwörer hätten in Kauf genommen, dass es Tote gegeben hätte. Allen voran Reuß, denn er leitete ihren "Rat", aus dem später einmal die Regierung hervorgehen sollte. Aus den spärlichen Informationen, die die Ermittler bislang preisgegeben haben, lugt Menschenverachtung hervor. Große historische Ereignisse - und für Heinrich und seine Getreuen ging es um die Rettung des Vaterlandes - bringen es in solchen Ideologien mit sich, dass Menschen sterben.

Alles gut im Fürstentum?

Es gibt Aufnahmen des Möchtegern-Regenten, wie er 2019 bei einer Rechtsextremen-Tagung in der Schweiz seine Sicht auf die Monarchie darlegt. Dort betonte er, dass seine Familie, das Haus Reuß, in Gera und Umgebung tausend Jahre regiert habe - und nicht nur eine "Legislaturperiode von fünf Jahren". Fünf Jahre gegen tausend Jahre, er scheint das lächerlich zu finden. Doch lächerlich wirkt es eher, als der Adelsspross im gleichen Vortrag behauptet, bis zum Ende der Monarchie 1918 sei "alles gut im Fürstentum gewesen und die Menschen lebten ein glückliches Leben". Wenn es ein Problem gegeben habe, sei man zum Prinzen gegangen und der habe sich dann darum gekümmert.

Das gesamte "Reichsbürger"-Geschwafel über die letzten 100 Jahre ist ein einziger Verschwörungsmythos. Die Amerikaner sollen Hitler finanziert haben, die Bundesrepublik nur ein US-Protektorat sein und im Hintergrund ziehen angeblich überall die Juden die Strippen. Das Opfer? Die Deutschen und ganz besonders der Adel, der in Ostdeutschland schließlich vor den Sowjets fliehen musste. Überfall auf Polen, Gaskammern, Mord, Tod, Folter in Osteuropa, alle Gräuel der Nazis und des Zweiten Weltkriegs - nicht die Schuld des Adels, meint Heinrich Reuß. Die Behörden stuften ihn als Gefährder ein.

Kampf seines Lebens verloren

Es ist unbekannt, wie Reuß seine Mitstreiter überzeugte. Es ist auch nicht klar, ob er überhaupt die treibende Kraft war. Dass er die Massen für sich eingenommen hätte, ist eher nicht zu erwarten. Nicht nur, weil ihn bis heute kaum jemand kannte. Sich mit dem Pöbel zu verbrüdern, war offenbar nicht so seins: Der Prinz erwartete, dass er bitteschön immer zuerst gegrüßt werde. Arrogant sei er gewesen, ist aus Thüringen zu hören, wo er ein Jagdschloss besitzt. Ein komischer Vogel. Oder wie es ein Sprecher seiner Familie ausdrückte: "ein teilweise verwirrter alter Mann, der verschwörungstheoretischen Irrmeinungen" aufsitze.

Seit der Wiedervereinigung versuchte Reuß, sich ein Stück der alten Zeit zurückzuholen. Er klagte darauf, Besitzungen aus tausend Jahren Herrschaft über Gera und Umgebung zurückzubekommen, und hatte laut Zeit Online zunächst Erfolg damit. Doch er sei damit gescheitert, Immobilien wie das Geraer Jugendstiltheater sowie Ländereien zurück in die Familie zu holen. In dem Bericht wird ein Familienmitglied zitiert, wonach Reuß zum "Reichsbürger" geworden sei, weil er den "Kampf seines Lebens" um die Restitutionsansprüche seiner Familie verloren habe.

Wann er vom einstigen Familienbesitz in Thüringen auf ganz Deutschland umschwenkte, ist unbekannt. Doch auch diese größenwahnsinnigen Ansprüche bleiben unbefriedigt. Statt nächster Monarch zu werden, muss sich Heinrich Reuß wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

Quelle: ntv.de

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