Politik
Ärzte Ohne Grenzen sprach von einer "extrem stressigen Nacht. (Im Bild: Das Rettungsschiff "Seefuchs" der Regensburger Organisation Sea-Eye.)
Ärzte Ohne Grenzen sprach von einer "extrem stressigen Nacht. (Im Bild: Das Rettungsschiff "Seefuchs" der Regensburger Organisation Sea-Eye.)(Foto: picture alliance/dpa)
Sonntag, 10. Juni 2018

Seenot im Mittelmeer: Helfer retten mehr als 1000 Menschen

Rettungskräfte auf dem Mittelmeer sprechen von steigendem Druck und einer desolaten Lage: Allein an diesem Wochenende müssen mehr als 1000 Flüchtlinge gerettet werden, die auf dem Weg nach Europa in Seenot geraten sind. An Italiens Reaktion gibt es Kritik.

Mehr als 1000 Menschen sind am Wochenende aus seeuntauglichen Booten im Mittelmeer gerettet worden. Die Migranten waren auf der zentralen Route zwischen Libyen und Italien sowie im Westen zwischen Marokko und Spanien unterwegs. Die spanischen Rettungskräfte bargen vier Leichen. Private Retter beklagten unterdessen verstärkten Druck der italienischen Behörden und Verzögerungen bei den Rettungseinsätzen.

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Der neue italienische Innenminister Matteo Salvini will die Ankünfte von Migranten in Italien weiter reduzieren. Einem Zeitungsbericht zufolge drohte er sogar mit einer Schließung italienischer Häfen für Flüchtlinge. In einem Brief an die Behörden Maltas schrieb der Chef der fremdenfeindlichen Lega laut "La Repubblica", er sei zur Schließung der Häfen "gezwungen", wenn Malta nicht 629 Flüchtlinge aufnehme, die in der Nacht von der französischen Hilfsorganisation SOS Mediterranée gerettet wurden.

Weder in Rom noch in Valetta wurde die Existenz eines solchen Briefes von den jeweiligen Regierungen zunächst bestätigt.  Am Freitag hatte Salvini den Druck auf Malta bereits erhöht: Das Land könne nicht weiter Nein zu jedem Hilfegesuch sagen. Schließlich ließ er zwei deutsche Rettungsschiffe aber nach Italien fahren. Nach Malta werden seit einer Absprache zwischen der dortigen Regierung und Rom im Jahr 2014 so gut wie keine Geretteten mehr gebracht. Die Hintergründe des Übereinkommens wurden nie offiziell gemacht.

"Extrem stressige Nacht" für Helfer

Die Organisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen hatten bei sechs verschiedenen Einsätzen, die teilweise in der vergangenen Nacht stattfanden, 629 Migranten an Bord genommen. Die Evakuierung zweier Schlauchboote sei besonders kritisch gewesen: Als eines der Boote sank, fielen mehr als 40 Menschen ins Wasser, wie Ärzte ohne Grenzen auf Twitter mitteilte. Nach der Rettung von 229 Menschen nahm die "Aquarius" 400 weitere mit an Bord, die zuvor von der italienischen Marine, der Küstenwache sowie von Handelsschiffen gerettet worden waren.

Ärzte ohne Grenzen sprach von einer "extrem stressigen Nacht". Unter den Geretteten seien 123 unbegleitete Minderjährige, elf Kinder und sieben Schwangere. Entdeckt wurden die Menschen in Seenot teilweise von der französischen Hilfsorganisation Pilotes Volontaires, die seit kurzem Aufklärungsflüge über dem Mittelmeer fliegt. Die Migranten hätten den Piloten Handzeichen gegeben, als sie das Flugzeug entdeckten, teilte die Organisation auf Facebook mit.

Kritik an den italienischen Behörden

Auch die deutsche Organisation Sea-Watch beklagte das Vorgehen der italienischen Behörden. Die standardmäßige Vernehmung des Kapitäns bei der Ankunft am Samstag in Reggio Calabria habe länger gedauert als sonst und Journalisten an Bord hätten Videomaterial aushändigen müssen, was zu Verzögerungen bei der Rückkehr in die Rettungszone geführt habe. "Das Level des Drucks ist gestiegen", sagte Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer. "Aber die Lage im Mittelmeer ist desolat. Es sind zu wenig Einsatzkräfte unterwegs."

Die libysche Küstenwache berichtete, am Samstag 152 Migranten auf zwei Booten vor der westlichen Küsten des Landes abgefangen zu haben. Unter den Aufgegriffenen seien vor allem Männer, aber auch 19 Frauen und drei Kinder gewesen. Diese kämen aus einer Reihe von Ländern südlich der Sahara sowie aus Algerien und Tunesien. Der Westen des chaotischen Bürgerkriegslandes Libyen ist bereits seit Jahren Startpunkt vieler Flüchtlinge auf ihrem Weg in Richtung Italien. In dem tief gespaltenen Land herrscht in vielen Regionen Anarchie.

Doch die Flucht nach Europa wagen Flüchtlinge auch über die westliche Route des Mittelmeers. Die spanischen Seerettungskräfte brachten am Wochenende rund 300 Menschen in Sicherheit, darunter mehrere Kinder, die auf acht Booten unterwegs waren, wie auf Twitter mitgeteilt wurde. In einem Boot im Alborán-Meer wurden vier Leichen gefunden.

Quelle: n-tv.de