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Das "Wunder" von Dünkirchen Als die Briten Hitlers Divisionen entkamen

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Den Blick zurück: Soldaten des BEF verlassen das brennende Dünkirchen.

(Foto: imago stock&people)

Im Mai 1940 überrollt die Wehrmacht Frankreich. Das zur Hilfe eilende britische Expeditionskorps wird von deutschen Panzerverbänden an der Kanalküste eingekesselt. Doch ein Befehl Hitlers spielt den Alliierten in die Hände und ermöglicht die größte Evakuierungsaktion der Weltgeschichte.

Am 4. Juni 2000 besuchte Prinz Charles Dünkirchen an der französischen Kanalküste. Im Zentrum der Hafenstadt gedachte der britische Thronfolger der größten Evakuierungsaktion in der Geschichte. Sechzig Jahre zuvor wurden von hier 340.000 eingekesselte britische und französische Soldaten über den Ärmelkanal in Sicherheit gebracht. "Ohne Dünkirchen hätte es keine Landung in der Normandie gegeben", sagte Charles im Beisein zahlreicher Weltkriegsveteranen. "Wir müssen die Evakuierung von Dünkirchen als das nehmen, was sie war: ein Wunder".

Mit seiner Einschätzung hatte der Royal nicht unrecht. Denn Ende Mai 1940 schien der Einsatz des britischen Expeditionskorps (BEF) in Frankreich in eine Katastrophe zu münden. Obwohl die Alliierten einen Angriff im Westen erwarteten, wurden sie am 10. Mai vom schnellen Vorstoß deutscher Panzerverbände durch die Ardennen völlig überrascht. Bereits drei Tage später durchbrachen Einheiten der Wehrmacht die Front bei Sedan und zwangen die Franzosen zum Rückzug. Während das zur Unterstützung entsandte Expeditionskorps der Briten an der Schelde in Stellung ging, erreichten deutsche Panzer in ihrem Rücken bei Abbeville den Ärmelkanal.

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Damit war der Weg Richtung Süden versperrt. Eine Million alliierte Soldaten saß nördlich der Somme in der Falle. Am 23. Mai schrieb der britische Korpskommandeur General Alan Brooke in sein Tagebuch: "Nur ein Wunder kann das britische Expeditionskorps jetzt noch retten. Das Ende kann nicht mehr fern sein!"

Hitler will seine Panzerverbände schonen

In London sorgte die Nachricht für Alarmstimmung. Zwar hatte die Regierung verhältnismäßig wenig Truppen nach Frankreich geschickt, dafür aber die besten Feldeinheiten ihres Berufsheeres. Ohne sie wäre das Königreich kaum in der Lage, den Kampf gegen das NS-Regime fortzuführen. Das wusste auch Brookes Vorgesetzter Lord Gort. In Abstimmung mit dem Kriegskabinett beschloss der Oberbefehlshaber des BEF zu retten, was noch zu retten war. Ohne die französischen Verbündeten zu informieren, bereitete Gort heimlich den Rückzug seiner Truppen vor. Um aus dem Kessel zu entkommen, gab es nur eine Fluchtroute - über das Meer. Für die Einschiffung der Truppen wählte man Dünkirchen, dessen Hafen noch nicht in deutscher Hand war.

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Dünkirchen aus der Luft: Der Rauch brennender Öltanks verdunkelt den Himmel.

(Foto: AP)

Doch während in Dover die Royal Navy Pläne für die Evakuierung unter dem Decknamen "Operation Dynamo" ausarbeitete, geschah etwas Unerwartetes: Rund 18 Kilometer vor Dünkirchen machten die deutschen Divisionen am Abend des 23. Mai auf Befehl von Generaloberst Günther von Kluge plötzlich halt. Für ihren schnellen Vormarsch hatte die Panzergruppe Kleist in den vergangenen Tagen einen hohen Preis bezahlt. Seit Beginn des Westfeldzugs hatte der Verband bereits die Hälfte seiner Fahrzeuge eingebüßt. 600 Panzer waren durch Feindbeschuss oder wegen mechanischer Probleme ausgefallen.

Obwohl die Oberste Heeresleitung unter Walther von Brauchitsch protestierte und weiter auf einen schnellen Vormarsch setzte, bestätigte Adolf Hitler am folgenden Tag den Halte-Befehl. Der Diktator wollte seine motorisierten Kräfte für eine neue Offensive über die Somme und die Aisne schonen. Deshalb sollten die Panzerverbände auf die nachrückende Infanterie warten. Ein Vorrücken durch das sumpfige Flandern erschien ihm als unnötiges Risiko. Zudem versicherte Generalfeldmarschall Hermann Göring, dass die Luftwaffe mit den Eingeschlossenen schon alleine fertig werde. Eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellte.

SS-Einheiten massakrieren Kriegsgefangene

Der Halt der deutschen Panzerdivisionen gab Gort eine dringend benötigte Atempause, um eine neue Verteidigungslinie aus befestigten Dörfern rund um Dünkirchen zu organisieren, während der Großteil des BEF sich auf den Weg zu den Stränden machte. Als die Deutschen zwei Tage später ihre Offensive wieder aufnahmen, trafen sie auf hartnäckigen Widerstand. Nahe der Ortschaft Lestrem geriet das 2nd Norfolk Regiment unter heftige Angriffe. Als die Panzerabwehrmunition verbraucht war, kämpften die Männer mit ihren Handgranaten weiter, die sie in die Raupenketten der Stahlkolosse warfen. Am späten Nachmittag des 27. Mai massakrierten Soldaten der SS-Division Totenkopf 97 Überlebende des Regiments, die sich ergeben hatten. Eine Gruppe der SS-Leibstandarte Adolf Hitler tötete einen Tag später bei Wormhout 90 britische Kriegsgefangene.

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In langen Reihen warten die Soldaten am Strand auf ihre Evakuierung.

(Foto: imago stock&people)

In Dünkirchen wartete derweil das Gros des Expeditionskorps auf die Einschiffung. Aus der brennenden Stadt, die permanent von deutschen Bombern angegriffen wurde, stiegen dicke Rauchsäulen auf. Alle Straßen waren übersät mit liegengebliebenen Armeefahrzeugen. Viele Soldaten waren betrunken, weil sie versuchten, ihren Durst mit Alkohol zu stillen, denn die Wasserleitungen waren unterbrochen. An den Stränden bildeten die Soldaten lange Reihen. Immer, wenn die Stukas der Luftwaffe herandröhnten, stoben die Männer auseinander und rannten um ihr Leben - nur, um nach jedem Bombardement zurückzukehren, um ihren Platz in der Warteschlange nicht zu verlieren. Viele fluchten auf die Royal Air Force wegen der aus ihrer Sicht ausbleibenden Unterstützung. Dabei taten die britischen Jagdflieger ihr Bestes, um die deutschen Bombergeschwader bereits im Hinterland abzufangen.

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Mittlerweile hatte Gort die Franzosen über die Evakuierungspläne in Kenntnis gesetzt, was die ohnehin vorhandenen Spannungen im britisch-französischen Bündnis weiter verstärkte. Churchill bestand darauf, dass man auch so viele Franzosen wie möglich retten sollte. Doch deren Generalstab argwöhnte, dass die Briten die eigenen Leute bei der Evakuierung bevorzugten. Französische Truppen tauchten häufig an britischen Anlegeplätzen auf und wurden nicht durchgelassen, was zu wütenden Konfrontationen führte.

Private Schiffsbesitzer unterstützen die Rettungsaktion

Am ersten Tag der "Operation Dynamo" dauerte es sechs Stunden, bis knapp 10.000 Soldaten evakuiert waren. In diesem Tempo war die Rettung von mehr als einer Viertelmillion Männer eine unmögliche Aufgabe. Um das Unternehmen zu beschleunigen, forderte die britische Admiralität weitere Schiffe an. Nach einem Aufruf der BBC trat sie auch in Kontakt mit privaten Besitzern kleinerer Jachten, Fischkutter und Kabinenkreuzer. Insgesamt über 600 solcher kleineren Wasserfahrzeuge verstärkten am Ende die Flotte der Royal Navy.

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Mit großen und kleinen Zivilbooten werden die Männer in Sicherheit gebracht.

(Foto: imago/United Archives International)

Noch am 30. Mai sah es so aus, als ob die Hälfte des britischen Expeditionskorps zurückgelassen werden müsste. Doch am nächsten Tag tauchten die Royal Navy und die kleinen Schiffe in riesiger Zahl auf. Über behelfsmäßige Anlegestellen aus Lastwagen und den kleinen Booten wurden die Soldaten zu den größeren Schiffen gebracht. Die Retter hatten Glück, während der entscheidenden Tage blieb der Ärmelkanal von Stürmen verschont.

In der Nacht zum 4. Juni erreichten die letzten Schiffe Dünkirchen. Noch einmal fuhr der britische Generalmajor Harold Alexander mit einem Motorboot die Strände ab, um nach Versprengten Ausschau zu halten. Dann wurde nach Dover gefunkt, dass die Mission abgeschlossen sei. Statt der von der Navy geschätzten 45.000 Mann, rettete die Flotte aus zivilen Booten und Kriegsschiffen insgesamt rund 340.000 alliierte Soldaten, davon 193.000 Briten. Etwa 80.000 Soldaten, vor allem Franzosen, blieben zurück und gerieten bei Tagesanbruch in deutsche Gefangenschaft.

"Wir werden uns niemals ergeben"

Die "Operation Dynamo" kostete die Briten sechs Zerstörer, 24 kleinere Kriegsschiffe und 170 Jagdflugzeuge. Ein Viertel aller kleinen Boote sank während der Überfahrt. Fast alle verbliebenen Panzer und der Großteil der Artillerie des BEF mussten zurückgelassen werden. Trotz der Materialverluste feierte die britische Presse die unerwartete Rettung wie einen Sieg. Nach all den Hiobsbotschaften von der Front stärkte die gelungene Operation den Widerstandswillen der Bevölkerung.

Noch am 4. Juni stellte Churchill im Unterhaus klar, dass Großbritannien den Kampf gegen Hitler-Deutschland bis zum Äußersten fortsetzen werde. Seine Rede gipfelte in dem berühmten Versprechen: "Wir werden an den Küsten kämpfen, wir werden auf den Landungsplätzen kämpfen, wir werden auf den Feldern und in den Straßen kämpfen, wir werden auf den Hügeln kämpfen, wir werden uns niemals ergeben."

Die Deutschen hatten es derweil eilig, den Westfeldzug abzuschließen. Bereits am 6. Juni attackierten sie die Frontlinie an Somme und Aisne. Eine Woche später marschierte die Wehrmacht in Paris ein. Der Kampf um Frankreich war damit entschieden. Die Schlacht um Großbritannien stand unmittelbar bevor.

Quelle: ntv.de