Politik

Der Österreich-Newsletter Höcke kopiert Haider, Strache ghostet

NEU-Header-LOGO2.jpg

Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei n-tv.de!

"Kapfenberg gegen Simmering, das nenn' i Brutalität", sagte der große Helmut Qualtinger einst über ein Fußballspiel der gröberen Sorte, seitdem fallen immer wieder diese Ortsnamen, wenn es in Österreich überhart zugeht. So wie am Mittwochabend zwischen Sebastian Kurz und Pamela Rendi-Wagner im ORF-Wahlduell.

Die SPÖ-Chefin wetterte über den "persönlich nicht vertrauenswürdigen" Ex-Kanzler, um gönnnerhaft zu schließen: "Er ist ja noch jung, er kann noch was lernen." Kurz' Miene fror für einen Moment ein, die ohnehin geringen Chancen auf eine Regierung aus Türkis (ÖVP) und Rot (SPÖ) trudeln auf den Nullpunkt zu.

Um die gar nicht mal so triviale Suche nach einer stabilen Koalitionsvariante geht es in der aktuellen Ausgabe des Österreich-Newsletters. Dabei widmen wir uns auch den Großmeistern des unfreiwilligen Polit-Humors, der FPÖ und ihren, nun ja, interessanten Wahlwerbespots. Im Fundstück der Woche klären wir für Björn Höcke die Frage: Wer hat's erfunden?

Ein Tipp noch für all jene, die Kurz und seine Mitbewerber im Infight erleben wollen: n-tv.de zeigt die "Elefantenrunde" (so wird in Österreich die Runde der Spitzenkandidaten vor der Wahl genannt) der "Kronen"-Zeitung heute ab 20.15 Uhr live. Viel Spaß!

ö-anf.neu.5.jpg

Anbraten: offensiv flirten, anmachen

Die FPÖ weiß, was sie nach der Wahl will: "Die Koalition für unsere Heimat fortsetzen!", lautet der Slogan auf den Plakaten. Auch wenn Sebastian Kurz unter den einfachen FPÖ-Mitgliedern ungefähr so beliebt ist wie das Rauchverbot - das Ziel lautet Türkis-Blau II. Der Altkanzler würde eh gern die "ordentliche Mitte-Rechts-Politik" fortführen, nur eben ohne Herbert Kickl im Innenministerium. Eine delikate Koalitionsbedingung, weil der Hardliner sich im Wahlkampf zum Helden der Basis gemausert hat. Führende Köpfe der Partei nennen Kickl derweil gern den "Innenminister der Herzen". Wohl wissend, dass er genau das bleiben muss, wenn die FPÖ in der nächsten Regierung landen will.

Wie dringend sie eine Neuauflage der Regierung anstrebt, beweisen die Wahlwerbespots der FPÖ. Im ersten Video von Ende August sitzt der echte Parteichef Norbert Hofer neben einem Fake-Sebastian-Kurz (nur von hinten zu sehen, aber gut zu erkennen an Haaren und Ohren) bei der Paartherapie. Beide beschreiben ihre Beziehung als harmonisch, respektvoll, mit gemeinsamen Ideen und Zielen. "Wollen Sie das wirklich riskieren", fragt die Therapeutin erstaunt, "nur wegen ... Ibiza?" Am Ende schaut Hofer mit seinem patentierten Rehaugen-Blick in die Kamera: "Oftmals braucht es nur einen kleinen Schubser, um gemeinsam weiterzumachen."

*Datenschutz

Noch skurriler wurde es in dieser Woche: Der Fake-Kurz wird in einer Kneipe von einer gepiercten Frau mit verfilzten Haaren angegraben (für all jene, die schwer von Begriff sind, trägt sie auch noch einen grünen Schal). Bevor sie ihn mit nach Hause nimmt, stellt sie Bedingungen: Keine Abschiebungen mehr, ein Einwanderungsgesetz, Tempo 100. Kurz scheint angetan, doch dann: Auftritt Hofer. "Ja, aber Sebastian, was machst du denn da? Du lässt dich anbraten? Ich muss dir sagen: Mit ihr kann es nicht funktionieren." 

Die Botschaft der FPÖ: Wer ÖVP wählt, könnte die Grünen bekommen. Die "Kürbiskernöl"-Koalition Schwarz-Grün regiert in Vorarlberg und Tirol, gilt aber im Bund als schwer denkbare Variante: Erstens haben in Tirol und Vorarlberg die Realos das Sagen, die mächtigen Wiener Grünen aber stehen weiter links und einer Zusammenarbeit mit Kurz extrem skeptisch gegenüber. Zweitens müssten sich die Parteien in Sachen Migrations- und Sozialpolitik sehr weit aufeinander zubewegen. Drittens geben die Umfragen derzeit keine Mehrheit her. Im Ernstfall müssten wohl - wie in Salzburg - die liberalen Neos mit ins Boot geholt werden. Also Jamaika auf Österreichisch. Angela Merkel wünscht an der Stelle ihrem jungen Kollegen schon mal viel Spaß bei den Sondierungen.

Wenn weder Türkis-Blau II noch eine Koalition aus ÖVP, Grünen plus eventuell den Neos zustande käme, bliebe Stand jetzt rechnerisch nur eine Große Koalition. Genau die Variante also, gegen die Kurz 2017 angetreten ist, weil sie mit Stillstand und Streit verbunden wird. Selbst wenn Kurz unter Schmerzen in Sondierungen gehen würde - nach dem Kapfenberg-gegen-Simmering-Duell von Mittwoch ist schwer vorstellbar, dass er und Pamela Rendi-Wagner als Kanzler und Vize fünf Jahre lang miteinander arbeiten. Der Gipfel der Nickligkeiten (und der Nichtigkeiten) übrigens: Rendi-Wagner behauptete, Kurz habe bei einer Sendung vor ein paar Tagen seinen Pressesprecher angewiesen, die Nachricht vom Fieberschub Hofers (der im TV-Studio behandelt werden musste) an eine Boulevard-Zeitung durchzustechen. Kurz' Reaktion: Er sei von FPÖlern ja einen Hang zu Verschwörungstheorien gewöhnt, "aber das toppt alles".

fundstück.neu.6.jpg

*Datenschutz


Zur Entschuldigung sei vorweg gesagt: So ein Wahlkampf kann ganz schön müde machen, und nach müde kommt bekanntlich doof. Da kann man so etwas schon mal lustig finden: Ein unbekannter Held (oder eine Heldin oder gleich mehrere, wer weiß) hat an der Südautoahn A2 in Kärnten eine überdimensionierte Werbung für den Altbundeskanzler manipuliert. Aus dem Schriftzug "Kurz" wurde so: "Furz".

Weil der Altbundeskanzler sich ja immer so bitterlich darüber beklagt, dass alle Welt nur ihn "anpatzen" (verleumden) will, hier gleich noch ein Fundstück aus einer anderen Partei: Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache verbringt seit Ibiza auffällig viel Zeit im Internet, während seine Frau Philippa sich auf einem sicheren Listenplatz in den Wahlkampf geworfen hat. Nun postete ihr Mann ein gemeinsames Bild - Philippa klar sichtbar im Vordergrund, dahinter in schummrigem Schwarz-Weiß ihr Ehemann. Damit dürfte auch klar sein, wie der Film über Strache heißt, der Ende November in die Kinos kommen soll: "Ghost - Nachricht von HC."

*Datenschutz

Ein Geist aus der FPÖ-Vergangenheit hat wohl auch AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, nun ja, inspiriert: Auf seinem Facebook-Profilbild verschränkt er die Arme hinter dem Kopf und grinst listig, dazu der Slogan "Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist". Österreicher kennen Spruch und Pose: von Jörg Haider, der mit genau diesem Plakat einst in den Wahlkampf zog. 2008 kopierte auch HC Strache den Spruch seines politischen Ziehvaters.

Apropos Kopie: Die ÖVP plakatiert Kurz mit dem Schriftzug "Einer, der unsere Sprache spricht", was Verwunderung bei den Journalisten auslöste: So wirbt doch auch FPÖ-Hardliner Kickl für sich!? Recht dreist behauptete die ÖVP, die Freiheitlichen hätten den Slogan wohl von ihr übernommen. In der legendären Ricola-Werbung wäre an der Stelle ein verdrießlich schauender Mann aus dem Nichts aufgetaucht und hätte gefragt: Wer hat's erfunden? Und die ÖVP hätte zugeben müssen: Kickl, 1999 - für Haider. Und zur Sicherheit gleich nochmal für Strache im Wiener Wahlkampf 2015, in der Variante "Der Einzige, der unsere Sprache spricht".

Mir kommt bei dem skurrilen Streit ein Artikel in den Sinn, den ich schon 2017 für n-tv.de geschrieben habe, darin bezeichnete der Wiener Politik-Insider Thomas Hofer Kurz als "Strache light". Auch wenn er heute vielleicht von "Kickl light" sprechen würde - der Text hat wenig von seiner Aktualität verloren.

k-k.neu.jpg

++ Auch wer über Andreas Gabalier lieber einen steirischen Lodenmantel des Schweigens gehüllt sähe, kam an dieser Nachricht einfach nicht vorbei: Der Schlagerstar und die Moderatorin Silvia Schneider haben sich getrennt. Nix mehr mit Hulapalu, schuld war Gabalier selbst, sagt er: "Wenn ich nach Hause kam, brauchte ich Zeit für mich allein, meinen Sport, meine Kumpel von früher." ++ Von der Lachnummer zum Durchstarter: Red Bull Salzburg hat im langersehnten ersten Spiel in der Fußball-Champions-League gleich mal aufgegeigt, wie man in Österreich sagt - ein sattes 6:2 stand am Ende gegen den belgischen Meister KRC Genk. Salzburg war vor dieser Saison elf Mal an der Qualifikation für die Königsklasse gescheitert, 2012 sogar gegen F91 Düdelingen aus Luxemburg. ++ Der traditionsreiche Lichtkonzern Osram aus München könnte bald in österreichische Hände fallen: Der Sensor-Spezialist AMS aus Premstätten liegt im Bieter-Rennen derzeit vorn. Vertreter der Arbeitnehmer warnen allerdings vor einem Stellenabbau und bezweifeln, dass sich der kleinere Konzern den Deal leisten kann - AMS machte 2018 "nur" 1,4 Milliarden Euro Umsatz, Osram kostet wohl rund 4 Milliarden Euro. ++ Fast 200 Werke von Albrecht Dürer zeigt die "Albertina" in Wien seit Donnerstag, es ist die erste Gesamtschau seit 2003. Mit dabei auch ein Akt des Künstlers, der aus dem Schlossmuseum in Weimar nach Wien verliehen wurde, sowie "Die Anbetung der Könige", die sonst in den Uffizien in Florenz hängt. Die Ausstellung läuft bis 6. Januar 2020. ++ Der deutsche Buchpreis könnte in diesem Jahr nach Österreich gehen: Die Wiener Tonio Schachinger ("Nicht wie ihr") und Raphaela Edelbauer ("Das flüssige Land") stehen auf der sechsköpfigen Shortlist. Vergeben wird der Preis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels am 14. Oktober im Rahmen der Frankfurter Buchmesse. ++

Zum Abschluss noch ein Nachtrag zum Debüt von "Jetzt ist schon wieder was passiert" am vergangenen Freitag: Wer des Österreichischen mächtig ist, dürfte über meine Formulierung gestolpert sein, der Bundeskanzler sehe "frisch gepudert" aus. "Pudern" ist nämlich ein derber Ausdruck für Geschlechtsverkehr, ausgesprochen mit einem "weichen p", also etwa: budan.

Ein kolossaler Lapsus, aber natürlich keine Absicht, sondern nur der ganz alltägliche Kampf eines Piefkes mit den Fallstricken der gemeinsamen Sprache.

Falls Sie auch einen Fehler bemerkt haben oder Kritik, Wünsche oder Anregungen anbringen möchten, schreiben Sie mir gern eine Mail.

Sie möchten keinen Newsletter verpassen? Wenn Sie sich hier in den Mail-Verteiler eintragen, landet er zuverlässig jeden Freitag in Ihrem Postfach.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema