Flucht vom ÜbungsplatzHunderte Ukrainer dürften in Deutschland desertiert haben

Seit Februar 2022 absolvieren fast 30.000 ukrainische Soldaten eine mehrwöchige Ausbildung in Deutschland. Die allermeisten davon kehren danach zurück und verteidigen ihr Land im Abwehrkrieg gegen Russland. Einige entscheiden sich aber für die Flucht.
Mehr als 80 ukrainische Soldaten, die in Deutschland für den Krieg in der Ukraine ausgebildet werden, sind seit 2022 allein in Sachsen-Anhalt von ihrem Übungsgelände geflohen. Das zeigen aktuelle Recherchen der Wochenzeitung "Die Zeit". Deutschlandweit sollen es demnach mehrere Hundert Fälle sein. Die Männer gelten nach ukrainischem Recht als Deserteure. Ihnen drohen zu Hause bis zu zwölf Jahre Haft.
Viele Deserteure haben sich in der Ukraine nicht freiwillig zur Armee gemeldet, sie wurden zwangsrekrutiert. Als sie zur Ausbildung auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow in Sachsen-Anhalt entsandt wurden, nutzten sie dem Bericht zufolge die Gelegenheit zur Flucht.
Anders als mehr als eine Million Ukrainer, die nach Deutschland geflohen sind, fallen ukrainische Soldaten nicht unter Paragraf 24 des deutschen Aufenthaltsgesetzes. Das sieht Schutz vor, wenn jemand aus der "Ukraine vertrieben" wurde. Das gilt jedoch nicht für Soldaten, die von ihrer Regierung nach Deutschland entsandt wurden.
Seit der russischen Vollinvasion im Februar 2022 haben rund 29.000 ukrainische Soldaten eine mehrwöchige Ausbildung in Deutschland durchlaufen. Anfangs kamen hochmotivierte, erfahrene Soldaten an, die auf den unterschiedlichen Übungsplätzen in Deutschland den Umgang mit Haubitzen und Panzern lernten. Nun, da die Ukraine Schwierigkeiten hat, Freiwillige für den Kampf gegen Russland zu finden, werden zunehmend unerfahrene und kampfunwillige Männer eingezogen.
Dem "Zeit"-Bericht zufolge sind rund 1,3 Millionen ukrainische Männer vom Wehrdienst ausgenommen - etwa weil ihre Berufe als kritisch für das Funktionieren des Staates gelten, darunter Beschäftigte in Banken, Behörden, Politik, großen Medienhäusern und der IT-Branche. Auch Studenten, Doktoranden sowie Väter mit drei oder mehr Kindern zählen zu den Ausnahmen, ebenso Männer unter 25 Jahren. Für prominente Sportler, Künstler und Schauspieler gibt es zudem meist die Möglichkeit, sich vom Kriegsdienst befreien zu lassen.