Politik

Schlimmste Krise in Syrien Hungerhilfe sieht "humanitäre Katastrophe"

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Eine Familie flüchtet beladen mit ihrem Hab und Gut aus der Region Idlib.

(Foto: dpa)

Rund um Idlib fliehen die Menschen gen Norden. Doch geschlossene Grenzen zur Türkei und niedrige Temperaturen verschärfen die neue Fluchtwelle in Syrien. Hilfsorganisationen sind mit der Zahl der Flüchtenden überfordert, Experten sprechen von der schlimmsten Krise seit Kriegsausbruch.

Syrien erlebt nach Einschätzung der Welthungerhilfe die schlimmste Flüchtlingskrise seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor fast neun Jahren. Im Nordwesten des Landes flohen nach UN-Angaben seit Anfang Dezember rund 900.000 Syrer vor den heranrückenden Regierungstruppen und Gewalt. "Die Menschen müssen in ein relativ kleines Gebiet fliehen", sagte Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für die Region. "Es ist total überlaufen, auch die Lager."

Es handele sich um eine "krasse humanitäre Katastrophe", nicht zuletzt wegen der winterlichen Temperaturen. Regierungstruppen hatten im vergangenen Jahr eine Offensive auf die letzte große Rebellenhochburg um die Stadt Idlib begonnen. Trotz einer Waffenruhe setzten sie die Angriffe in den vergangenen Wochen fort und konnten größere Gebiete einnehmen. Dominiert wird das Gebiet von der Al-Kaida-nahen Miliz Haiat Tahrir al-Scham (HTS). Syrien und sein Verbündeter Russland argumentieren, sie bekämpften in der Region Terroristen. Allerdings kämpfen dort auch gemäßigtere Rebellen.

Keine offene Grenze zur Türkei

Schon früher habe es in Syrien schlimme Flüchtlingskrisen gegeben, allerdings seien damals die mittlerweile geschlossenen Grenzen zur Türkei offen gewesen, sagte Hegmanns weiter. In den Zufluchtsgebieten fehle es an allem. Dringend gebraucht würden Unterkünfte, Nahrung und Heizmittel. "Die Zustände sind ganz grausam", erklärte Hegmanns. Wegen des Winter seien die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, woran schon mehrere Kinder gestorben seien. "Die Menschen wissen nicht, wovon sie heute oder am nächsten Tag leben sollen", sagte er.

Viele Hilfsorganisationen sind Hegmanns zufolge überfordert: "Wir schaffen es, Hilfe zu bringen. Aber es sind unglaublich viele Menschen in kurzer Zeit, da ist es schwierig zu reagieren." Gehe die Gewalt weiter, könnten Hunderttausende Flüchtlinge hinzukommen. Die Menschen setzen sich in die noch von Rebellen beherrschte Region um Idlib ab oder weiter nach Norden an die Grenze zur Türkei, wo deren Truppen und verbündete syrische Rebellen ein Gebiet kontrollieren. Die Türkei hat die Grenze geschlossen und will keine Syrer mehr aufnehmen. Nach UN-Angaben leben in der Türkei mehr als 3,5 Millionen Flüchtlinge.

Quelle: ntv.de, sgu/dpa