Politik

Häuserkampf in Kobane IS-Dschihadisten dringen immer weiter vor

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IS-Kämpfer nahe der türkischen Grenze.

dpa

Wie lange können sich die Kurden im heftig umkämpften Kobane noch halten? Offenbar dringen immer mehr IS-Kämpfer in die Stadt ein. Der Osten scheint schon weitgehend besetzt, im Süden und Westen der Stadt gibt es "guerillaartige" Kampfszenen.

Die Kämpfe zwischen Extremisten der Gruppe Islamischer Staat (IS) und kurdischen Milizionären in der nordsyrischen Stadt Kobane haben sich nach Angaben von Aktivisten auf Viertel im Süden und Westen ausgeweitet. Zudem habe es neue Luftangriffe der US-geführten Koalition auf IS-Stellungen im Osten der Stadt gegeben, teilten die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte und ein Aktivist vor Ort mit.

Der Osten der Stadt scheint inzwischen weitgehend in der Hand des IS zu sein. Die IS-Dschihadisten hatten nach heftigen Kämpfen mit kurdischen Milizionären drei Stadtviertel im Osten der syrischen Stadt an der Grenze zur Türkei erobert. Die IS-Kämpfer hätten eine Industriezone sowie die Viertel Maktala al-Dschadida und Kani Arabane in ihre Gewalt gebracht, erklärte die Beobachtungsstelle. Auf mehreren Gebäuden wurde am frühen Morgen die schwarze Dschihadistenflagge gehisst. Auch im Südwesten Kobanes soll die IS-Terrorgruppe mehrere Gebäude am Stadtrand übernommen haben.

Augenzeugen erklärten weiter, dass es den PKK-nahen kurdischen Volksschutzeinheiten gelungen sei, IS-Kämpfer aus einigen Straßenzügen zurückzudrängen. Es gebe schwere Kämpfe um jede Straße, hieß es. Der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahma, sprach von "guerillaartigen" Kampfszenen in Kobane.

Die Dschihadisten rücken Augenzeugen zufolge mit Panzern vor und setzen darüber hinaus Autobomben ein. Der örtliche Kurdenvertreter Idris Nahsen kritisierte, die US-geführten Luftangriffe reichten nicht aus. Die Peschmerga bräuchten Waffen und Munition. Ähnliches sagten auch Kurden n-tv Korrespondent Dirk Emmerich, der sich nahe Kobane in der Türkei aufhält: "Wir brauchen dringend Waffen." Aber die Türken schauten nur zu, so die Klage der Kurden.

Trotz heftiger Gegenwehr der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und Luftangriffen der internationalen Militärallianz rücken die Dschihadisten seit Tagen unaufhaltsam vor. Am Montag hissten sie bereits zwei schwarze Fahnen am Ostrand der Stadt. Kurdische Politiker riefen die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf und warnten vor einem Massaker. Kobane ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bisher von kurdischen Volksschutzeinheiten kontrolliert wurde. Sollte es den IS-Dschihadisten gelingen, Kobane einzunehmen, würden sie ein langes Stück der türkisch-syrischen Grenze kontrollieren.

Massenflucht aus Kobane

Die kurdischen Volksschutzeinheiten erklärten Kobane nach Angaben eines Sprechers zur "Militärzone" und brachten die noch in der Stadt gebliebenen Zivilisten in Richtung der Grenze im Norden. Nach Behördenangaben aus der türkischen Stadt Suruc nahe Kobane passierten über Nacht etwa 700 Flüchtlinge die Grenze, darunter auch Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). Von den Flüchtlingen seien 47 verletzt gewesen, auch sieben Leichen seien über die Grenze gebracht worden.

Der kurdische Journalist Mustafa Bali sagte, angesichts der Straßenkämpfe hätten die kurdischen Milizen die verbleibenden Zivilisten aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Bereits mehr als 186.000 Menschen flohen vor den Kämpfen in die Türkei. Ankara hat zwar Truppen an der Grenze zusammengezogen, doch bisher nicht in die Kämpfe eingegriffen.

Im Kampf um Kobani starben dabei in den vergangenen drei Wochen nach Oppositionsangaben mindestens 400 Menschen. Darunter seien IS-Milizionäre, Kämpfer der Kurden und Zivilisten, teilte die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte mit. Menschen vor Ort hätten 412 Todesfälle dokumentiert. Die tatsächliche Zahl sei wahrscheinlich doppelt so groß.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief indes zum Schutz der Zivilbevölkerung in Kobane auf. Wie ein Sprecher mitteilte, appellierte der Generalsekretär dringend an alle, die die Mittel dazu hätten, sofort zum Schutz der Bevölkerung zu handeln. Diese Forderung erhob Ban vor dem Hintergrund der "groben und grausamen Verletzungen der Menschenrechte", die die Terroristengruppe während ihres "barbarischen Feldzugs" in der Region begangen habe.

USA setzen Kampfhubschrauber ein

In Syrien bombardierte die Anti-IS-Allianz am Sonntag und Montag IS-Stellungen nahe Rakka, Deir Ez-Zor und Kobane, wie das Nahostkommando der USA (Centcom) mitteilte. Im Irak seien drei Angriffe gegen die Dschihadisten nahe Falludscha und Ramadi geflogen worden, an denen Belgien und Großbritannien beteiligt gewesen seien.

Derweil setzte die US-Luftwaffe nach eigenen Angaben erstmals Kampfhubschrauber gegen den IS im Irak ein. Die Helikopter hätten sich auf Anfrage der irakischen Regierung an mehreren Angriffen beteiligt, teilte das Centcom mit. Da die Hubschrauber tiefer und langsamer fliegen als Kampfjets und Bomber, sind sie bei feindlichen Angriffen stärker gefährdet. Wo genau die Helikopter zum Einsatz kamen, wurde nicht mitgeteilt.

Quelle: n-tv.de, ghö/AFP

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