Politik

Minimal-Hoffnung an Genfer Treffen IS und Al-Kaida profitieren vom Jemen-Chaos

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Angehörige der Huthis tragen ihre Toten zu Grabe. Der Konflikt eskaliert weiter, auch von den Friedensgesprächen erhofft sich im Land kaum einer etwas.

(Foto: dpa)

Weit mehr als 2000 Menschen sind tot und der saudische Militäreinsatz hat den Bürgerkrieg im Jemen nur verschlimmert. Während die Konfliktparteien in Genf einen Weg zum Frieden suchen, nisten sich Dschihadisten im "Armenhaus Arabiens" ein.

Als Ende März erstmals saudische Kampfflugzeuge das Nachbarland Jemen bombardierten, geschah das im Namen der Militäroperation "Entscheidender Sturm". Elf Wochen später ist das arme Bürgerkriegsland meilenweit von dieser Entscheidung entfernt. Die sunnitische Militärallianz um Saudi-Arabien hat es nicht geschafft, die schiitischen Huthi-Rebellen mit Luftangriffen zu schwächen.

Friedensgespräche an diesem Sonntag in Genf sollen einen Ausweg aus dem politischen und humanitären Desaster bringen. Doch was ist von einem Treffen zu halten, dessen Erwartungen selbst der US-Sondergesandte als "nicht besonders hoch" einschätzt? "Wir wissen, dass es eine erste Phase in einem lange andauernden Prozess ist", sagte der UN-Gesandte Ismail Ould Cheikh Ahmed vor einigen Tagen in einem Fernsehinterview. Bevor es Frieden geben könne, müssten die Huthis und die Regierung um den nach Saudi-Arabien geflohenen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi erst über eine erneute Feuerpause diskutieren.

Viele Konfliktlinien kreuzen sich

Hadi, seit 2012 im Amt, erwies sich als schwacher Nachfolger des nach Massenprotesten abgesetzten Autokraten Ali Abdullah Salih. In das Vakuum stießen die Huthi-Rebellen, Angehörige einer zu den Schiiten gezählten Glaubensgemeinschaft, deren Vorfahren die Herrscher des alten jemenitischen Imamats gestellt hatten. Im September zogen sie in der Hauptstadt Sanaa ein.

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Ein Mann neben den Resten des Hauses eines Armeekommandeurs. Eine halbe Million Menschen ist bereits obdachlos geworden.

(Foto: dpa)

Huthis kämpfen gegen Anhänger Hadis, die von saudischen Luftangriffen unterstützt werden - was auf dem Papier einfach erscheint, ist in Wirklichkeit vielschichtig. Denn der Jemen ist in mehrerer Hinsicht gespalten. Zwischen den einst souveränen Landesteilen im Norden und Süden herrschen Spannungen, genauso wie zwischen den Sunniten und Schiiten. Hinzu kommt die Rolle von Ex-Machthaber Salih, der unter der Hand mit den Huthis kooperiert - und auf Teile der ihm immer noch treu ergebenen Armee bauen kann.

Die Parteien im Land verfolgten keine gemeinsamen Ziele, selbst wenn sie den gleichen Gegner haben, erklärt Adam Baron. Der Jemen-Experte vom European Council on Foreign Relations resümiert mit Blick auf Genf: "Es gibt viele Wege, wie die Friedensgespräche schief laufen können." Trotzdem aber seien sie der größte Schritt Richtung Durchbruch, denn es bisher gegeben habe.

Bevölkerung kämpft ums pure Überleben

Dass sich die Konfliktparteien dazu durchgerungen haben, seit dem Start der Bombenangriffe erstmals gemeinsam an einem Tisch Platz zu nehmen, liegt auch an dem ungeheuren Druck angesichts der leidenden Bevölkerung. Mehr als 2300 Menschen sind in dem Konflikt bereits gestorben. Über eine halbe Million wurden obdachlos. Es fehlt dieser Tage an nahezu allem: Wasser, Medizin, Treibstoff. Die Preise haben sich teilweise verdreifacht. Krankenhäuser mussten schließen.

Nicht viele Jemeniten hätten im Kampf ums Überleben Zeit, sich über die Friedensgespräche Gedanken zu machen, sagt Hausfrau Nadia al-Lahbi. "Wir konzentrieren uns jetzt darauf, unser tägliches Brot zu bekommen und wie wir unsere Familien vor dem Tod schützen." Diejenigen, die sich dazu äußern, haben wenig Hoffnung. "Wir sind mehr als sicher, dass diese Konferenz scheitern und der Krieg weitergehen wird", meint Taxifahrer Schaif al-Omari. Die Huthi-Rebellen - die vom Iran unterstützt werden sollen - würden im Ringen um die Macht nicht nachgeben, ist er sich sicher.

Vor März gab es keinen IS im Jemen

Dabei nützt das Chaos vor allem den Extremisten im Land. Sowohl ein Ableger des sunnitischen Terrornetzwerkes Al-Kaida, für das der Jemen eine Hochburg ist, als auch eine mächtiger werdende Zelle der sunnitischen Terrormiliz Islamischer Staat (IS) stießen in das Machtvakuum, schreibt Michael Horton, Analyst der Jamestown Foundation. Der IS habe im Jemen bis März fast nichts zu sagen gehabt - und finde nun den idealen Nährboden vor, um sich ausbreiten zu können.

Die Genfer Friedensgespräche können nur ein erster Schritt sein, um den Konflikt zu beruhigen. Eine schnelle Lösung scheint bei anhaltenden Kämpfen in weiter Ferne. Die Militärkoalition Saudi-Arabiens beendete ihren Einsatz "Entscheidender Sturm" Ende April. Stattdessen fliegen die Bomber nun unter dem Code "Wiederherstellung der Hoffnung".

Quelle: ntv.de, Amal Al-Yarisi und Benno Schwinghammer, dpa

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