AfD-Strategie bei Caren Miosga"Ihre Partei ist wie Herr Tur Tur. Je näher man ihr kommt, desto mickriger wird sie"
Von Sarah Platz
Die AfD sucht sowohl die Nähe zu Russland als auch zu Trumps MAGA-Bewegung. Als Caren Miosga versucht, Tino Chrupalla eine Erklärung für die widersprüchliche Außenpolitik seiner Partei zu entlocken, stößt sie auf Granit. Stattdessen sorgt sich der Parteichef um das Tierwohl - und wird heftig attackiert.
Wenn es Politikern der AfD in Talkshows an Argumenten oder schlicht dem Willen zur Antwort fehlt, ist der Griff in eine längst bekannte Trickkiste oft nicht weit. Das Repertoire: den Fragen ausweichen, die Gesprächspartner infrage stellen und/oder angreifen, "diese Aussage wurde aus dem Kontext gerissen und vollkommen falsch verstanden" und schließlich die ungefragte Überleitung zum Thema Migration. Auch AfD-Co-Chef Tino Chrupalla greift am Abend in der ARD-Sendung Caren Miosga tief in diese Kiste - etwa, um Kritik an der teils brutal umgesetzten Migrationspolitik von Donald Trump zu umschiffen.
Die Talkmasterin bringt die fragwürdigen Methoden der ICE-Beamten in den USA gleich zu Beginn ins Gespräch. Sie konfrontiert Chrupalla, der Trumps Migrationspolitik gerade noch als Erfolg gelobt hatte, mit dem tödlichen Einsatz der Einwanderungsbehörde in Minnesota. Das US-Heimatschutzministerium hatte den getöteten Intensivpfleger Alex Pretti nur wenige Stunden nach dem Vorfall als "Terroristen" betitelt. Ob Trump das auch gut mache, will Miosga von Chrupalla wissen. Trump selbst habe nie von einem Terroristen gesprochen, entgegnet der AfD-Chef. Dass das US-Heimatschutzministerium zur US-Regierung unter Trump gehört, lässt er außen vor.
Zudem habe Trump klargestellt, dass der Fall aufgeklärt werden müsse, was er selbstverständlich unterstütze. Wichtig sei in diesem Zusammenhang aber vor allem eins: Todesfälle in ICE-Gewahrsam habe es "nicht erst durch Donald Trump gegeben". Unerwähnt lässt der AfD-Chef, dass die Todesfälle im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt sind. Laut den Behörden starben 30 Menschen 2025 in ICE-Gewahrsam. In den zehn Jahren davor waren es im Schnitt neun Menschen pro Jahr.
"Aktuell keine Bedrohung durch Russland"
Eine Sonderpolizei nach dem Vorbild der ICE-Behörde, wie sie kürzlich die AfD in Bayern und der Vize-Parteichef Stephan Brandner ins Gespräch brachten, sehe er trotzdem kritisch, sagt Chrupalla zwar zunächst, lässt dann jedoch ein Schlupfloch. Grundsätzlich genüge die Bundespolizei, um "alle illegalen Migranten im Land" abzuschieben - "und zwar schnell". Allerdings müsse die Behörde deutlich besser ausgestattet werden - möglicherweise auch mit einer integrierten Einheit nach Brandners Vorstellung. Was genau er damit meint, lässt Chrupalla offen.
Der kurze Gesprächsteil über die US-Einwanderungsbehörde steht beinahe beispielhaft für den Rest der Sendung. Caren Miosga versucht an diesem Abend herauszufinden, wie sich die größte Oppositionspartei im Bundestag außen- und wirtschaftspolitisch - positioniert. So verfolgte die AfD in den vergangenen Monaten eine Art Doppelstrategie: Zum einen strebt die AfD eine Wiederannäherung an Russland an. Zum anderen macht sie keinen Hehl aus ihren Sympathien für den von nationalen Interessen getriebenen Donald Trump - obwohl dessen Außenpolitik Deutschland zunehmend belastet. Diese widersprüchliche Außenpolitik zu erklären, gar konkrete Visionen seiner Partei zu benennen, gelingt Chrupalla in der Sendung nicht.
In Bezug auf Moskau als Aggressor in der Ukraine und potenzielle Gefahr für Deutschland bleibt der AfD-Chef etwa bei der altbekannten Linie. "Ich sehe aktuell nicht, dass Deutschland von Russland bedroht ist", sagt er. Mit Putin müsse man daher "so schnell wie möglich" wieder in die Gespräche kommen, dies sei nun Aufgabe des Bundeskanzlers.
Miosga unterbricht mit Faktencheck
Miosga hakt nach, konfrontiert Chrupalla nach seiner Aussage mit einem Statement von Kremlchef Putin, in dem dieser den Verbündeten der Ukraine unmissverständlich mit einem Einsatz von Atomwaffen droht. Es folgt ein weiterer Griff in die Trickkiste: Die kurze Sequenz aus dem Kreml sei aus dem Kontext gerissen, man müsse es in Gänze sehen, um zu verstehen "was er (Putin) damit gemeint hat". Sein Fazit: "Eine Atommacht kann man nicht besiegen." Mit der müsse man anders umgehen.
"Also fühlen Sie sich sehr wohl bedroht?" Miosga versucht es ein weiteres Mal.
Putin hätte nichts davon, Europa atomar zu vernichten, wiegelt Chrupalla ab. Dass der russische Präsident in vielen Reden und Beiträgen kaum einen Zweifel daran lässt, dass er die russischen Einflusszonen im postsowjetischen Raum sowie die Kontrolle über direkte Nachbarn vergrößern will, lässt der AfD-Chef unkommentiert.
Stattdessen müsse man, so Chrupalla, die Sicherheitsinteressen Russlands - "übrigens die Gründe dieses Ukraine-Krieges" - berücksichtigen. Der AfD-Chef redet sich in Rage, spricht von "der Nato-Osterweiterung" und Putins angeblicher Sorge vor "Nato-Truppen in der Ukraine". Miosga stöhnt erst laut auf, dann greift sie ein. Russland hat 1997 zugesichert, keine Vetorechte auf neue Mitgliedsländer der Nato zu haben. "Was Sie da erzählen, ist reine Kriegspropaganda." Ein Faktencheck, der die Sendung sicherlich auch an anderen Stellen bereichert hätte.
Für den Wehrdienst - aber nicht jetzt
Wenn Russland nun angeblich keine Bedrohung darstelle, fährt Miosga fort, warum fordert die AfD in ihrem Grundsatzprogramm dann eine Wehrpflicht? Deutschland müsse "natürlich verteidigungsfähig sein", sagt Chrupalla. "Gegen wen?" "Gegen äußere Feinde, die es immer geben kann." "Russland?" Er halte diese "Freund-Feind-Frage" für falsch, weicht Chrupalla aus. Die AfD habe schon lange vor dem Ukraine-Krieg auf einen Wehrdienst gepocht. Allerdings stimme die Partei dem Wehrdienstmodell der Bundesregierung nicht zu - jetzt, wo die Notwendigkeit für einen Wehrdienst angesichts der Bedrohungen gegeben ist. Der Grund: Die Partei fürchte, dass der Dienst für Auslandseinsätze genutzt werden könnte. Dass Fronteinsätze für Wehrdienstleistende weder verfassungsrechtlich erlaubt sind noch von der Regierung in Betracht gezogen werden, erwähnt Chrupalla nicht.
Nun muss sich Deutschland nicht nur militärisch neu ordnen. Angesichts unsicherer Handelspartner, US-Zöllen und EU-Sanktionen bleibt die Frage, wie sich das Land in den Augen der AfD wirtschaftspolitisch aufstellen soll. Miosga greift einen Vorschlag der baden-württembergischen AfD auf: Öffentliche Stellen sollen künftig ausschließlich Fahrzeuge aus heimischer Produktion anschaffen.
An dieser Stelle wird die Runde geöffnet. Mit am Tisch sitzen nun die Wirtschaftsweise Veronika Grimm und der Journalist Michael Bröcker - und Letzterer macht seinem Ärger prompt Luft. Der Vorstoß der Landes-AfD sei kaum mehr als "Folklore". Deutschland brauche genau das Gegenteil: mehr Austausch mit den Nachbarn, mehr Vernetzung, mehr Migration. Der AfD schwebe jedoch eine Wirtschaftspolitik vor, die "einengt", "abschottet" und "eingrenzt".
Die Sorge um das Tierwohl
"Wollen Sie noch raus aus der EU?", hakt Miosga bei Chrupalla nach, doch der AfD-Chef bleibt gewohnt vage: Grundsätzlich sehe seine Partei, dass europäische Staaten gegenüber großen Wirtschaftsmächten wie China oder den USA zusammenhalten müssten. Allerdings müsste die EU reformiert werden, Deutschland "als Hauptzahler" müsse "mehr den Ton angeben". Wie genau dieser "Bund europäischer Nationen" aussehen soll, lässt Chrupalla offen. Schließlich sei auch ein Austritt als "ultima ratio" nicht ausgeschlossen.
Grimm hält das für kaum mehr als "einen Scheinvorschlag". Die Zeit sei gerade jetzt knapp. Wenn die EU Großmächten etwas entgegenstellen wolle, müsse sie jetzt stark gemacht werden, sprich ihren Binnenmarkt vertiefen und Handelsabkommen schließen. "Und das bedeutet eben nicht Buy European oder Buy Baden-Württemberg", sondern bedürfe des Muts und der Rechtssicherheit. Dies sei nicht zu erreichen, wenn man die EU zum jetzigen Zeitpunkt zur Disposition stelle.
"Sie schreiben Dinge in Ihr Programm, die nicht umsetzbar sind, die rechtlich nicht umsetzbar sind, die ökonomisch schädlich sind", Bröcker wendet sich jetzt direkt an Chrupalla: "Ihre AfD ist wie Herr Tur Tur. Je näher man ihm kommt, je mehr man reinguckt, desto mickriger werden Sie." Der Vergleich der AfD mit dem Scheinriesen Tur Tur aus einem Buch von Michael Ende bringt ihm einen an diesem Abend eher seltenen Applaus ein. "Das größte Standorthemmnis in Deutschland ist tatsächlich die AfD selbst", fügt Bröcker hinzu.
Chrupalla schafft es auch an diesem Punkt nicht, dem etwas entgegenzusetzen. Kurz kommt er auf das kürzlich geschlossene EU-Mercosur-Abkommen zu sprechen, bei dem es nachzuverhandeln gelte, vor allem in Bezug auf die Landwirtschaft. Seine Partei mache sich, so der AfD-Chef, Sorgen um das Tierwohl. Durch das Publikum zieht sich Gelächter. Zumindest dafür hat die Trickkiste der AfD an diesem Abend gesorgt.