Politik

Astrazeneca wirksamer machen Immunologen schlagen Dritt-Impfung vor

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Auch mit dem Vakzin von Astrazeneca sinkt das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, drastisch.

(Foto: imago images/Jochen Tack)

Impfen und Testen - diese Kombination lässt auf etwas mehr Normalität im Corona-Alltag hoffen. Doch jetzt gilt der Astrazeneca-Impfstoff als Vakzin zweiter Klasse, manche lassen sich lieber gar nicht impfen als mit ihm. Die Gesellschaft für Immunologie hat einen Ausweg parat.

In der Diskussion um die Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca sind Ärzte und Immunologen bemüht, Zweifel an dem Vakzin zu zerstreuen. Der Impfstoff sei gut und wirksam, betonten der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, und der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte am Mittwoch für den Impfstoff geworben, der in der Europäischen Union als bislang einziges Vakzin neben denen von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen ist.

Um den Impfstoff von Astrazeneca war eine Diskussion aufgekommen - auch nach einzelnen Rückmeldungen, dass Impfberechtigte Termine womöglich wegen Bedenken platzen ließen. Das Astrazeneca-Präparat hat eine geringere Wirksamkeit als die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna - bezogen darauf, wie viele Geimpfte in Studien im Vergleich zu Nicht-Geimpften erkranken. Spahn betonte, er sei von den Zulassungsprozessen und Prüfungen überzeugt. "Und deswegen werde ich mich zu gegebener Zeit sicherlich auch damit impfen lassen", fügte er hinzu.

Kaum Unterschiede bei Nebenwirkungen

Der Immunologe Watzl sagte der "Augsburger Allgemeinen": "Das Mittel von Astrazeneca ist ein sehr guter Impfstoff, auch wenn die anderen noch ein bisschen besser sind." Durch den in Deutschland verlängerten Abstand zwischen erster und zweiter Dosis werde die Wirksamkeit von Astrazeneca mutmaßlich auf 80 Prozent erhöht. Der Impfstoff biete einen deutlichen Schutz vor einer Corona-Erkrankung, der um ein Vielfaches besser sei, als wenn man nicht geimpft sei. Das Astrazeneca-Vakzin unterscheide sich auch bei den Nebenwirkungen kaum von den anderen Wirkstoffen, erklärte Watzl. "Ein Unterschied zwischen den Impfstoffen ist, dass diese Nebenwirkungen bei mRNA-Impfstoffen in mehr Fällen und stärker nach der zweiten anstelle der ersten Impfung auftreten. Bei Astrazeneca ist es genau umgekehrt." Reaktionen des Körpers bei Impfungen seien nicht überraschend und in der Regel Ausdruck davon, "dass der Impfstoff das tut, was er tun soll, nämlich eine Immunreaktion auszulösen".

Watzl schlug zugleich eine spätere Nachimpfung mit einem anderen Mittel vor: "Man kann die Immunität, die man mit dem Astrazeneca-Impfstoff ausgelöst hat, ohne Probleme mit einem mRNA-Impfstoff später noch einmal verstärken". Spätestens ab dem vierten Quartal stünden mehr Impfdosen zur Verfügung als für eine zweifache Impfung der Gesamtbevölkerung nötig wären, argumentierte der Dortmunder Professor. "Es wäre deshalb kein Problem, eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff nachzuholen."

FDP: Merkel soll sich impfen lassen

Die Grünen warfen der Regierung im Zusammenhang mit dem Astrazeneca-Impfstoff "massive Kommunikationsversäumnisse" vor. Es werde zu wenig erklärt, über die Wirksamkeit des Impfstoffes würden "Schauergeschichten" erzählt. Dabei sei eine Wirksamkeit von 70 Prozent für Impfstoffe keine Seltenheit, sagte die Grünen-Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche der "Welt". Der Linke-Gesundheitspolitiker Achim Kessler forderte in derselben Zeitung Freiheit bei der Wahl des Impfstoffs - vorausgesetzt, es sei genug Impfstoff für alle vorhanden.

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, war zuerst vorgeprescht, indem er sich gegen das Spritzen des Astrazeneca-Vakzins bei medizinischem Personal und Pflegekräften aussprach. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, rief seine Kolleginnen und Kollegen hingegen auf, sich mit diesem Vakzin impfen zu lassen. "Sie schützen damit sich selbst und andere", sagte Reinhardt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Der Astrazeneca-Impfstoff schütze wie die Vakzine von Biontech und Moderna "nachweislich vor Ansteckung, und es verringert das Risiko schwerer und tödlicher Verläufe", betonte der Ärztepräsident.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer schlug derweil eine baldige Impfung von Bundespräsident und Kanzlerin vor, um das Vertrauen der Bürger in die Corona-Schutzimpfungen zu stärken. "Es wäre sicherlich ein sehr positives Signal, wenn sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeitnah öffentlich impfen lassen würden. Das wirkt vertrauensbildend", sagte Theurer der "Bild"-Zeitung.

Hoffen auf Schnelltests

Neben dem Fortschritt bei den Impfungen sollen Schnelltests den Weg aus dem Lockdown ebnen. Spahn hatte angekündigt, ab dem 1. März sollten alle Bürger kostenlos von geschultem Personal auf das Coronavirus getestet werden können. Ärztepräsident Reinhardt sieht diese kostenlosen Schnelltests und speziell die vor der Zulassung stehenden Selbsttestungen als Beitrag, damit sich wieder mehr Menschen treffen können.

Die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, ist skeptischer. Es bringe bei der Pandemie-Bekämpfung nichts, "einfach nur viele kostenlose Tests anzubieten", sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Notwendig seien "eine Strategie und klare Regeln". Offen sei etwa die Frage, wie sich jene zu verhalten hätten, "die bei sich ein positives Ergebnis feststellen".

Auch der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, warnte vor überzogenen Erwartungen an die Tests. Man solle nicht glauben, "ab 1. März stünden überall für alle Schnelltests in großer Zahl zur Verfügung", sagte er ebenfalls den Funke-Zeitungen. Zunächst sei daher ein Einsatz in Kitas und Schulen sinnvoll. Grundsätzlich seien die Tests aber ein wichtiges Hoffnungssignal für Öffnungsperspektiven, nicht nur für Schulen und Kitas, sondern auch für Einzelhandel, Kultur, Hotels und Gaststätten, betonte Landsberg.

Quelle: ntv.de, ino/dpa