Politik

Schulstart am Montag "Wir brauchen klare, einheitliche Regeln"

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"Ich hoffe sehr, dass uns Schulschließungen erspart bleiben", sagt GEW-Chefin Marlis Tepe. "Ich befürchte jedoch, dass die dritte Welle anrollt, wenn zu schnell gelockert wird".

(Foto: picture alliance / Inderlied/Kirchner-Media)

An diesem Montag startet in zahlreichen Bundesländern in den Grundschulen wieder die Schule, meist als Wechselunterricht. GEW-Chefin Marlis Tepe wirft den Bundesländern vor, ihre Ankündigungen zum Schutz vor Ansteckungen nicht umzusetzen. Sie kritisiert zudem, dass die Länder es seit Beginn der Pandemie nicht geschafft haben, gemeinsame Regeln festzulegen, unter welchen Bedingungen welche Art von Unterricht möglich ist. Ihre Gewerkschaft fordert "einheitliche, klare Regelungen, auf deren Basis dann in der Region entschieden wird", wie sie im Interview mit ntv.de sagt. "Dann könnten Lockerungen, wenn sie möglich sind, wochenweise umgesetzt werden, oder Corona-Maßnahmen wieder eingeführt werden, wenn es eine weitere Welle gibt."

ntv.de: Vor dem jüngsten Corona-Gipfel von Bund und Ländern haben Sie Wechselunterricht gefordert, um Gesundheitsschutz und das Recht auf Bildung unter einen Hut zu bekommen. An diesem Montag fängt in vielen Bundesländern der Präsenzunterricht wieder an - meist als Wechselunterricht. Ist das für Sie ein Anlass, die Kultusministerinnen und -minister zu loben?

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Marlis Tepe ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

(Foto: picture alliance/dpa)

Marlis Tepe: Mein Lob gilt der Kanzlerin und den Ministerpräsidentinnen und -präsidenten, denn die Kultusministerinnen und Kultusminister wollten Präsenzunterricht um jeden Preis. Dass die Kanzlerin ihnen Wechselunterricht abgerungen hat, ist gut.

Gibt es neben der Verkleinerung der Klassen durch Wechselunterricht weitere Maßnahmen in den Bundesländern?

Die einzelnen Bundesländer gehen leider sehr unterschiedlich vor. Neben der Durchsetzung der AHAL-Regeln - also Abstand, Hygiene, Atemschutzmasken und Lüften - erwarten wir, dass von den Bundesländern weitere Maßnahmen in den Blick genommen werden. Bislang empfiehlt das Robert-Koch-Institut ab einem Inzidenzwert von 50 eine Verkleinerung von Klassen durch Teilung oder Wechselunterricht. Dabei geht es ja darum zu ermöglichen, dass die Abstände auch eingehalten werden können. Zu diesem Halbieren der Klassen muss deshalb in jedem Fall kommen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht in überfüllten Bussen zur Schule fahren müssen. Wir haben das von Anfang an gefordert.

Die Bund-Länder-Konferenz hat schon am 25. November beschlossen, dass "wo immer möglich zusätzliche Schülerverkehre eingesetzt werden" sollen.

Das ist leider kaum geschehen. Auch ist nicht überall sichergestellt, dass die Räume gut gelüftet werden können. Eine Reihe von Bundesländern hat angefangen, Luftfilter einzusetzen, aber leider tun auch das nicht alle. Außerdem werden nicht in allen Bundesländern FFP2-Masken an die Lehrkräfte verteilt. Auch für Schülerinnen und Schüler sollten solche Masken unbürokratisch verfügbar sein. Und natürlich muss die Test-Strategie mit einfachen Gurgeltests ausgeweitet werden. Bislang ist das nur eine Ankündigung und längst nicht in allen Bundesländern umgesetzt.

Warum gibt es keine bundesweit einheitlichen Regeln, unter welchen Bedingungen welche Art von Unterricht möglich ist?

Die Bundeskanzlerin hätte das gewünscht, denke ich. Aber die Länder bestehen auf ihrer Landeshoheit im Bildungsbereich. Für die Bürgerinnen und Bürger ist das nicht nachvollziehbar. Wir fordern daher einheitliche, klare Regelungen, auf deren Basis dann in der Region entschieden wird. Dann könnten Lockerungen, wenn sie möglich sind, wochenweise umgesetzt werden, oder Corona-Maßnahmen wieder eingeführt werden, wenn es eine weitere Welle gibt. Die Bevölkerung würde es viel besser verstehen, wenn es klare, einheitliche, bundesweite Kriterien gäbe und dann vor Ort regional gehandelt werden kann.

Ab welcher Inzidenz würden Sie normalen Präsenzunterricht für alle Jahrgänge zulassen wollen?

Wir sind natürlich keine Virologen. Das Robert-Koch-Institut hat ja die 50er-Marke gesetzt, ab der alle Jahrgangsstufen in den Wechselunterricht gehen sollen. Zwischen 35 und 50 empfiehlt das RKI Wechselunterricht nur für weiterführende Schulen und nur "optional". Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten haben jetzt die 35 anvisiert. Insofern wäre es sinnvoll, diesen Inzidenzwert als Marke zu setzen: Präsenzunterricht demnach nur unter diesem Wert durchzuführen, darüber Wechselunterricht. Man darf nicht vergessen: In den einzelnen Klassen kommen mindestens 20 bis 30 Haushalte über mehrere Stunden zusammen, dazu kommen noch die Kontakte auf dem Schulhof sowie auf dem Weg zur Schule und nach Hause. Das RKI wäre aus meiner Sicht gut beraten, über diese rote Linie noch einmal nachzudenken.

Wie hoch ist eigentlich die Belastung für die Lehrkräfte durch Wechsel- und Distanzunterricht?

Nach allen Rückmeldungen und Umfragen ist die Belastung in der Pandemie stark angestiegen, weil die Kolleginnen und Kollegen für das Distanzlernen viel mehr Zeit aufwenden müssen als für den Präsenzunterricht. Die Kombination aus Wechsel-, Distanzunterricht und Notbetreuung ist nicht zu stemmen.

Bundesgesundheitsminister Spahn wurde von Bund und Ländern gebeten zu prüfen, ob Grundschullehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher früher als bisher vorgesehen geimpft werden können. Würden Sie das begrüßen?

Schulstart am Montag

Die Grundschulen in Niedersachsen und Bremen arbeiten bereits seit Januar im Wechselbetrieb. In Sachsen sind Kitas und Grundschulen schon am 15. Februar wieder in den eingeschränkten Regelbetrieb gestartet. Die meisten anderen Bundesländer beginnen am 22. Februar mit Wechselunterricht: Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland. Keinen Wechselunterricht gibt es in Schleswig-Holstein und Thüringen. Mecklenburg-Vorpommern startet nach den Winterferien, am 24. Februar.

Ja. Wenn die Länder Schulen und Kitas öffnen, müssen sie die Gesundheit der Beschäftigten bestmöglich schützen, dazu gehört auch eine höhere Priorisierung in der Impfrangfolge. Erzieherinnen und Erzieher müssen mit den Kindern sehr nah umgehen - beim Wickeln, Füttern, Trösten. Das gilt auch für die Lehrkräfte an Grund- und Sonderschulen, die bei der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen keinen Abstand halten und sich nicht schützen können. Wir wollen keinen Wettlauf der einzelnen Berufsgruppen um frühere Impftermine. Aber wir wünschen uns natürlich, dass Erzieherinnen und Erzieher, Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen und auch die Lehrkräfte aller Schularten - auch in der Weiterbildung - in der Impfpriorität nach vorne rücken.

Wie lange, glauben Sie, werden die Schulen, die jetzt öffnen, geöffnet bleiben können?

Ich wohne in Schleswig-Holstein. In Flensburg werden fast nur noch Infektionen mit der mutierten Variante des Virus festgestellt, auch Menschen mittleren Alters und Kinder sind in den Krankenhäusern. Ich hoffe sehr, dass uns Schulschließungen erspart bleiben. Ich befürchte jedoch, dass die dritte Welle anrollt, wenn zu schnell gelockert wird - und dann werden Kitas und Schulen wieder geschlossen werden müssen. Dieses On-Off ist für alle Beteiligten die schlechteste Lösung - das Recht auf Bildung für alle Kinder und Jugendlichen kann so nicht gesichert werden.

Mit Marlis Tepe sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de