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Lockerung trotz Virus-Mutanten Schulöffnungen werden zum Testlauf

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Masken können das Infektionsrisiko für Lehrkräfte und Kinder deutlich senken, Schnelltests und Impfungen sollten aber schnell kommen, um sicheren Unterricht in der Pandemie zu ermöglichen.

(Foto: picture alliance/KEYSTONE)

Am kommenden Montag öffnen deutschlandweit zunächst Grundschulen ganz oder teilweise, auch Kitas kehren weiter zum Normalbetrieb zurück. Es ist ein Lockerungsschritt zwischen Hoffen und Bangen, denn das Risiko ist schwer einzuschätzen und die Öffnungen sind nicht überall gut vorbereitet.

Obwohl es weitreichende Lockerungen erst ab einer 7-Tage-Inzidenz von 35 Fällen pro 100.000 Einwohner geben soll, werden Schulen bereits am kommenden Montag geöffnet. Auch Kitas starten wieder beziehungsweise weiten ihr Betreuungsangebot aus. In einigen Landkreisen und Städten ist das durchaus berechtigt, da dort die Fallzahlen entsprechend niedrig sind. In manchen Regionen geht der Präsenzunterricht aber trotz hoher Inzidenzen wieder los.

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Dazu kommt die große Ungewissheit, welche Auswirkungen die als ansteckender geltenden Virus-Mutanten auf das Infektionsgeschehen haben. Verlässlich einschätzen kann das Risiko niemand, deshalb werden die Schulöffnungen zu einem Testlauf, den manche sehnsüchtig erwarten, dem viele besorgt entgegenblicken und den nicht wenige für überstürzt und schlecht vorbereitet halten.

Einer ARD-Umfrage zufolge ist eine Mehrheit der Deutschen für eine schrittweise Rückkehr zur Schul-Normalität, 58 Prozent stimmten dafür. 22 Prozent wollen eine vollständige Rückkehr zum Normalbetrieb, 16 Prozent würden die Schulen lieber noch dicht lassen.

Lehrerverband warnt

Zu der letztgenannten Gruppe gehören wahrscheinlich zahlreiche Lehrer und Erzieher. Denn sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und haben nicht ohne Grund den Eindruck, dass die Öffnungen auf ihrem Rücken ausgetragen werden.

Die Mutationen des Virus seien derzeit "die größte Bedrohung für eine klare, verlässliche und nachhaltige Schulöffnungsperspektive", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Es sei deshalb "unbedingt notwendig, auf Vorsicht und Behutsamkeit zu setzen".

Erst ab einer Inzidenz unter 35 solle ein vollständiger Präsenzunterricht stattfinden dürfen, so Meidinger. Auch die Rückkehr vom Distanz- in den Wechselunterricht solle es erst dann geben, wenn die Inzidenz in der jeweiligen Region für mindestens eine Woche unter 100 lag und der Trend rückläufiger Infektionszahlen stabil sei. Es sei "unverantwortlich", wenn beispielsweise Schulen in Sachsen oder im Saarland bereits jetzt teilweise oder sogar vollständigen Präsenzunterricht einführten, sagte Meidinger.

Keine klare Studienlage

Wie riskant die Öffnungen tatsächlich sind, ist nicht ganz klar. Seit Monaten teilen Wissenschaftler und Politiker immer wieder Studien, die Bildungseinrichtungen entweder als potenzielle Hotspots entlarven oder belegen, dass Kinder keine "Pandemietreiber" sind und der Besuch von und Schulen und Kitas sicherer ist als der Gang zum Supermarkt. Dazwischen gibt es aber auch wissenschaftliche Arbeiten, die die Situation differenzierter betrachten.

So gilt es inzwischen als erwiesen, dass zumindest jüngere Kinder selten zu Superspreadern werden, Jugendliche dagegen epidemiologisch im Prinzip wie Erwachsene zu betrachten sind. Das mag für die Gesamtsituation etwas beruhigend sein, schließlich sollen ja erst die Grundschulen öffnen. Aber selbst wenn die Infektionszahlen in Folge insgesamt nicht signifikant steigen werden, bleiben Lehrer und Erzieher offenbar einem höheren Risiko ausgesetzt.

Lehrer oft wegen Covid-19 krankgeschrieben

Ende Dezember ergab beispielsweise eine AOK-Analyse, dass Versicherte, die in der Kindererziehung und -betreuung arbeiten, besonders häufig wegen Corona krankgeschrieben werden. Sehr aufschlussreich ist auch eine kürzlich veröffentlichte schwedische Studie, die untersuchte, welche Folgen es hatte, dass dort im vergangenen Jahr nur die Oberstufen in den Fernunterricht geschickt wurden, bis zur 9. Klasse aber der Schulbetrieb ohne Einschränkungen weiterlief.

Die Wissenschaftler verglichen die Infektionsraten von Eltern, deren jüngstes Kind in die neunte Klasse ging, mit solchen, deren Kind in der zehnten Klasse zu Hause unterrichtet wurde. Außerdem schauten sie sich an, wie sich die Ansteckungsraten bei Oberstufen-Lehrern im Präsenzunterricht und die ihrer Kollegen am Computer entwickelten. Und schließlich überprüften sie, wie oft sich die Lebenspartner der Lehrkräfte ansteckten.

Doppelt so hohes Infektionsrisiko?

Es stellte sich heraus, dass die Lehrer im Präsenzunterricht ein etwa doppelt so hohes Ansteckungsrisiko hatten wie ihre Homeschooling-Kollegen. Ebenso erkrankten ihre Lebenspartner häufiger an Covid-19, ihr Risiko war um 29 Prozent höher. Lehrkräfte, die nicht in die Schule mussten, hatten unter 124 Berufen ein durchschnittliches Infektionsrisiko, diejenigen, die ältere Kinder vor Ort unterrichteten rangierten auf Rang 7. Grundschullehrer waren nicht so gefährdet, hatten aber immer noch ein überdurchschnittliches Ansteckungsrisiko.

Nicht so deutlich, aber mit 17 Prozent doch signifikant höher, stellte sich auch das Infektionsrisiko der Eltern von Kindern heraus, die zur Schule gingen. Um den Altersunterschied möglichst gering zu halten, verglichen die Forscher dabei die Familien von Schülern der neunten und zehnten Klassen.

Masken machen einen großen Unterschied

Die Studienergebnisse sind aber nicht eins zu eins auf die jetzige Situation in Deutschland übertragbar, da in den schwedischen Schulen im Frühjahr 2020 weder Masken getragen noch Abstandsregeln eingehalten wurden. Das trifft zwar auch jetzt beispielsweise in Sachsen zu, aber überwiegend werden die Schüler am Montag Masken tragen. Außerdem planen die Bundesländer größtenteils mit einem Wechselunterricht zu starten, also abwechselnd nur eine Klassenhälfte in die Schulen zu schicken.

Trotzdem sind Lehrer und Erzieher wohl einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt als andere Berufsgruppen. Zu ihrem Schutz wird bisher aber nicht viel unternommen. Luftfilteranlagen gibt es beispielsweise bisher nur an wenigen Schulen oder Kitas, obwohl deren Wirkung schon lange genug bekannt ist.

Man darf dabei nicht vergessen, dass sich viele Eltern auch Sorgen wegen ihrer Kinder machen. Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist für sie zwar sehr gering. Welche Langzeitfolgen eine Infektion haben könnte, ist allerdings noch nicht ausreichend erforscht.

Eine Studie der technischen Universität (TU) Berlin ergab kürzlich, dass bei Aufenthalten in Innenräumen das größte Risiko in vollbesetzten Oberstufen-Klassenzimmern ohne Maskenpflicht besteht. Von 20 untersuchten Gelegenheiten landete der Unterricht älterer Schüler auch bei halbierten Klassen mit Maskenpflicht auf Platz 5. Wie hoch das Infektionsrisiko in Grundschulen ist, ermittelten die Wissenschaftler nicht, man kann aber davon ausgehen, dass für Lehrkräfte der Unterricht ab Montag nicht ganz so gefährlich sein wird.

Impfungen frühestens nach Ostern

Auch den Schutz einer Impfung werden sie vorerst nicht genießen. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) sagte vor drei Tagen der "Rheinischen Post", Lehrpersonal nicht bevorzugt zu impfen. Die Stiko habe ihre Empfehlung auf die Auswertung internationaler Daten und auch Meldedaten aus Deutschland gegründet.

Bund und Länder müssen sich aber nicht an die Empfehlungen der Kommission halten. Heute hat Gesundheitsminister Spahn angekündigt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Grundschullehrer und Kita-Betreuer schneller geimpft werden. Sie sollen aus der dritten in die zweite Priorisierungsgruppe hochgestuft werden. Er wolle das zeitnah mit den Ländern besprechen und dann zügig die Impfverordnung ändern.

Die große Mehrheit der Deutschen begrüßt dies. In einer Yougov-Umfrage gaben 73 Prozent der Befragten an, dies für angemessen oder eher angemessen zu halten. Nur 6 Prozent lehnen eine Bevorzugung von Lehrkräften ab, der Rest ist unentschlossen.

Schnelltests größte Hoffnung auch für Schüler

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Die neue Priorisierung wird den Lehrerinnen und Lehrern allerdings nicht so schnell helfen, Niedersachsen plant laut "Hannoversche Allgemeine" beispielsweise Impfungen der Stufe 2 nach Ostern, also Mitte April zu starten. Eine größere Hoffnung - auch für die Schüler - sind Schnelltests.

Nachdem Deutschland der Entwicklung länger hinterherhinkte, geht es jetzt mit den Schnelltests ganz schnell. So verkündete Gesundheitsminister Spahn vor ein paar Tagen an, ab März gäbe es sie für jedermann kostenlos, unter anderem in Apotheken und Arztpraxen. Finanzminister Scholz sagte wenig später die Finanzierung zu. Außerdem sollen in Kürze die ersten zugelassenen Schnelltests auf den Markt kommen, die jeder durchführen kann. "Diese Testmöglichkeiten können zu einem sicheren Alltag beitragen, gerade auch in Schulen & Kitas", twitterte Spahn.

Quelle: ntv.de