Hamas-Angaben realistischIsraels Armee geht wohl auch von 70.000 Toten im Gazastreifen aus

Lange werden die offiziellen Totenzahlen im Gazastreifen angezweifelt, schließlich kontrolliert die Hamas das dortige Gesundheitsministerium. Doch Berichten zufolge scheint selbst die israelische Armee die hohen Zahlen für zutreffend zu halten.
Die israelische Armee hält offenbar die hohen Totenzahlen, die die Gesundheitsbehörde im Gazastreifen vermeldet hat, für realistisch. Das berichtet die israelische Tageszeitung "Haaretz". Wie die BBC unter Berufung auf israelische Medienberichte schreibt, soll eine Quelle aus dem Sicherheitsdienst gesagt haben, dass während des zweijährigen Krieges dort mehr als 70.000 Palästinenser getötet wurden. Dies deckt sich mit den Zahlen des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums.
Viele internationale Experten sehen die Daten der Behörde als realistisch an. Schätzungen gehen sogar von deutlich höheren Totenzahlen aus. Auch die israelische Armee geht laut "Haaretz" davon aus, dass unter den Trümmer im weitgehend zerstörten Küstenstreifen möglicherweise noch weitere Opfer liegen.
Bislang zog die israelische Armee die von der Hamas-Behörden genannten Totenzahlen offiziell in Zweifel. "Die Institutionen im Gazastreifen werden von der Hamas kontrolliert und geführt und unterliegen deswegen ihrer Agenda", erklärte die Armee erst vor wenigen Tagen. So würden auch "Todesfälle ohne Zusammenhang zum Konflikt" als Opfer israelischer Angriffe dargestellt, außerdem werde nicht zwischen "Zivilisten und Terroristen" unterschieden. Der jüngste Gaza-Krieg war, wie "Haaretz" betont, der erste in Israels Geschichte, in dem die Armee keine offiziellen Angaben zu gegnerischen Verlusten veröffentlichte.
Leichen von Palästinensern überstellt
Am Donnerstag überstellte Israel indes die sterblichen Überreste von 15 Palästinensern in den Gazastreifen. Die Leichname wurden durch Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz übergeben, wie die Organisation bestätigte. Auch israelische Kreise bestätigten die Übergabe. Mit dem Schritt, der auf die Rückführung der letzten israelischen Geisel-Leiche folgte, sind die Bedingungen für den Übergang in die nächste Phase des Gaza-Friedensplans erfüllt. Der Plan von US-Präsident Donald Trump war im November auch durch eine Resolution des UN-Sicherheitsrats abgesichert worden.
Das übergeordnete Ziel des Plans ist eine dauerhafte Beendigung des Kriegs zwischen Israel und der islamistischen Hamas sowie der Wiederaufbau des in zwei Kriegsjahren weitgehend zerstörten Küstenstreifens. Nach Beginn der Waffenruhe ließ die Hamas die letzten 20 lebenden Geiseln frei, während im Gegenzug rund 2000 palästinensische Häftlinge von Israel entlassen wurden. Zudem übergab die Hamas insgesamt 28 Geisel-Leichen. Die Übergabe verlief jedoch anders als vereinbart schleppend und dauerte statt 72 Stunden insgesamt mehr als drei Monate.
Israel hat im Rahmen der Abmachungen insgesamt 360 tote Palästinenser überstellt. Die genauen Umstände ihres Todes sind häufig nicht bekannt. Es wird vermutet, dass Israel ihre Leichen in einem Militärlager aufbewahrte. Die Identifizierung gestaltete sich nach Angaben der Gesundheitsbehörde im Gazastreifen in vielen Fällen schwierig.
Auslöser des Kriegs war ein Massaker der Hamas und anderer extremistischer Gruppierungen, bei dem in Israel rund 1200 Menschen getötet und mehr als 250 weitere in den Gazastreifen verschleppt wurden. Israel reagierte darauf mit massiven Luftangriffen und Bodeneinsätzen in Gaza. Trotz der von den USA, Ägypten, Katar und der Türkei vermittelten Waffenruhe kommt es weiterhin zu tödlichen Vorfällen.
Übergangsregierung und zweite Waffenruhephase
Seit Inkrafttreten der Waffenruhe am 10. Oktober kommen zwar wieder mehr Hilfsgüter in den Gazastreifen, die rund zwei Millionen Einwohner leben jedoch weiterhin unter prekären Umständen. Trumps Plan sieht auch die Öffnung des Rafah-Grenzübergangs zwischen dem Küstenstreifen und Ägypten in beide Richtungen vor. Im Bemühen um eine dauerhafte Befriedung wurde bereits eine palästinensische Übergangsregierung aus Fachleuten für die Verwaltung Gazas eingesetzt, flankiert von internationalen Gremien.
Die zweite Phase der Waffenruhe-Vereinbarung sieht unter anderem die Entwaffnung der Hamas und die Einsetzung einer internationalen Stabilisierungstruppe vor. Diese soll mit neu ausgebildeten palästinensischen Polizeikräften zusammenarbeiten. Israel muss im Rahmen der Vereinbarung seine Truppen weiter aus dem Küstenstreifen abziehen.
Die Hamas ist zwar bereit, die Verwaltung des Gazastreifens abzugeben, lehnt jedoch eine Entwaffnung strikt ab. Aus Israel kamen Warnungen, die Terrororganisation habe die Zeit für eine Neuaufstellung ihrer Kämpfer genutzt. Sie unternahm seit der Waffenruhe gezielte Schritte, um ihre Kontrolle und Machtposition im Gazastreifen wieder zu festigen.