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Türkei interveniert in Syrien Ist die Angst vor Kurdistan paranoid?

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Türkische Kurden feiern im türkischen Diyarbakir den Sieg der syrischen Kurden im syrischen Kobane. Wie weit die Solidarität reicht, ist unklar.

(Foto: REUTERS)

Türkische Truppen kämpfen in Syrien. Vor allem aus Angst, dass dort ein kurdischer Staat entstehen könnte. Unklar ist, wie berechtigt diese Angst ist.

Die Türkei ist endgültig in die Wirren des syrischen Bürgerkrieges verstrickt. Seit einer Woche ist das Land dort mit Bodentruppen im Einsatz. Die kämpfen nicht nur gegen den Islamischen Staat (IS), sondern auch gegen einen Verbündeten des Nato-Partners USA, die syrischen Kurden. Die türkische Armee ist gegen den Willen Damaskus' dort, und die Duldung der Intervention durch Moskau fußt auf einer fragilen Basis. Endstation Chaos.

Warum hat Ankara sich auf so ein Unterfangen eingelassen?

Die schnelle Antwort auf diese Frage heißt meist: Weil ein quasi-autonomes von Kurden regiertes Gebiet entlang der türkisch-syrischen Grenze Ankaras "Albtraum" ist. Doch worin besteht dieser Albtraum eigentlich? Und nährt dieser sich nicht vor allem aus Paranoia?

"Die" Kurden gibt es nicht

Dass sich die Kurden in der Türkei durch eine Staatsgründung im Nachbarland zu eigenen Autonomiebestrebungen ermutigt fühlen, wirkt zunächst unrealistisch. Denn "die" Kurden in der Türkei gibt es nicht. Kurden stellen mit Schätzungen zufolge bis zu 20 Millionen Menschen die größte Minderheit des Landes. Doch so groß die Minderheit ist, so heterogen ist sie auch. Unter ihnen gibt es Muslime und Nicht-Muslime, es gibt Liberale, Konservative, Linke, Traditionelle und Progressive. Viele Kurden in der Türkei sprechen nicht einmal kurdisch, was vor allem daran liegt, dass Ankara die Sprache über Jahre verboten hat. Auf die Frage, was sie sind, würden etliche von ihnen heute zuallererst sagen: "Ich bin Türke".

Die bekannteste Partei mit kurdischem Hintergrund, die linksliberale HDP, stellt keine Ansprüche darauf, einen kurdischen Staat auf dem Gebiet der Türkei zu errichten. Überhaupt versucht sie sich zusehends vom Image der Klientel-Partei zu lösen und spricht offensiv andere Wählergruppen an.

Die HDP verlor, nachdem der Kampf zwischen Regierung und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK wieder entbrannte, trotzdem auch deshalb an Zustimmung, weil selbst etliche Kurden das Gefühl hatten, dass sie sich nicht ausreichend von der PKK-Gewalt distanziert. Dabei hatte die Führungsspitze der HDP keinen Zweifel an ihren pazifistischen Ambitionen aufkommen lassen.

Selbst die PKK vertritt offiziell nicht mehr das Ziel, einen eigenen Staat zu gründen. Das mag man glauben oder nicht. Aber selbst wenn sie es täte, würde sie damit bei den meisten türkischen Kurden abblitzen. Zumal es in der Ära von Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Türkei wirtschaftlich lange bergauf ging. In einem neuen Kurdistan wäre die Lage zumindest zu Beginn bestenfalls prekär.

Großkurdistan ist eine romantische Phantasie

Die meisten türkischen Kurden dürften auch kaum auf das Potenzial eines Großkurdistans setzen, einem Staat also, der Teile Syriens, der Türkei, des Iraks und womöglich noch der anderen Staaten mit größeren kurdischen Minderheiten umfassen würde, vor allem also den Iran.

Denn was für die Kurden in der Türkei gilt, gilt auch für die Kurden im Nahen Osten. Es gibt schlicht keine homogene Einheit. Die syrischen Kurden etwa stehen für einen linken sozialistisch angehauchten Kurs, in dem Gleichberechtigung und Ökologie eine große Rolle spielen. Die irakischen Kurden macht eher eine chauvinistische Kultur aus und dazu ein ausgesprochen liberaler Wirtschaftskurs. Es gibt wechselseitige Sympathien und Unterstützungsmaßnahmen, aber immer wieder auch Rivalitäten und Intrigen. Ein Großkurdistan ist derzeit auch für die meisten Kurden nicht viel mehr als eine romantische Phantasie.

Gegen die Vermutung, die türkischen Kurden könnten aufbegehren, spricht auch, dass der Friedensprozess mit dem Staat mindestens bis zum Beginn des Kampfes um die Grenzstadt Kobane, in dem sich syrische Kurden den Angriffen des IS ausgesetzt sahen, schnell vorankam. Die inhaftierte PKK-Kultfigur Abdullah Öcalan machte glaubhaft deutlich, dass er bereit ist, die Waffen ein für alle Mal schweigen zu lassen. Und über lange Zeit kam es während dieses Prozesses nicht zu größeren Gewaltakten. Erdogan hätte also als der Mann in die Geschichte eingehen können, der den Jahrzehnte währenden Konflikt mit zehntausenden Toten beendet. Er verpasst die Chance. Wirklich?

Eine Explosion des Nationalismus

Für Yunus Ulusoy vom Essener Zentrum für Türkeistudien (ZFTI) ist all das nur die halbe Wahrheit. Er versucht angesichts der ohnehin angeheizten Stimmung in der Türkeidebatte, möglichst viel Verständnis für Ankaras Motive aufzubringen.

Die meisten Beobachter sagen: Präsident Erdogan ließ den Kurdenkonflikt aus innenpolitischen Gründen wieder aufflammen. Er wollte so die aufstrebende HDP, die die absolute Mehrheit seiner AKP gefährdete, schwächen – mit dem Verweis darauf, dass diese mit den Terroristen gemeinsame Sache mache. Ulusoy ist das zu einseitig. Er sagt: "Während des Kampfes um Kobane war eine Explosion des kurdischen Nationalismus zu spüren."

Gemeint ist damit auch die weitreichende Solidarisierung mit den Männern und Frauen, die sich schlecht bewaffnet, schlecht versorgt und dem Tode geweiht den Schlächtern des IS entgegenstellten. Diese Solidarisierung erfasste nicht nur türkische Kurden, sondern Menschen auf der ganzen Welt – Staatsführer inklusive. Erdogan galt dagegen als böser Bube, weil er die syrischen Kurden in Kobane, einer Stadt, die im Norden Syriens an die Türkei grenzt, lange von Hilfslieferungen abschnitt.

"Plötzlich schien es ein Zeitfenster zu geben, in dem für die Kurden alles möglich war", sagt Ulusoy. "Ich bin mir sicher: In dieser Situation hat die PKK auch den türkischen Friedenprozess geopfert." Ulusoy ist überzeugt davon, dass die nicht nur in der Türkei, sondern auch in den USA und der EU als Terrorgruppe eingestufte Organisation sich mittlerweile zwar öffentlich von der Forderung distanziert, einen eigenen Staat Gründen zu wollen, dieses Ziel insbesondere in den Köpfern alter Kader aber noch immer fortlebt.

Wäre die Türkei den Kurden in Syrien zur Seite gesprungen hätte das laut Ulusoy den türkisch-kurdischen Versöhnungsprozess emotional-symbolisch zwar untermauern können. "Doch die Gefahr, dass die PKK-nahen kurdischen Einheiten sich anschließend gegen die Türkei gewendet hätten, ist nicht von der Hand zu weisen." Wie hätte sich in diesem Fall die türkische PKK verhalten?

PYD und PKK stehen sich nah

Zwischen den syrischen Kurden der sogenannten PYD und der PKK besteht große Nähe. Sie sind historisch und ideologisch verbunden. Und nicht erst seit dem Kampf um Kobane gibt es Berichte darüber, dass es sich bei den beiden Organisationen auch um Waffenbrüder handelt. PKK-Kämpfer fanden demnach in der Vergangenheit nicht nur im Irak, sondern auch in Syrien Schutz. Militärgerät überquerte demzufolge wiederholt die Grenze.

Hinzu kommt: Zwar sind die Kurden in der Türkei insgesamt sehr heterogen. In Grenznähe, etwa, in Suruc, der türkischen Nachbarstadt Kobanes, sprechen die Kurden denselben Dialekt. Durch die willkürlichen Grenzziehungen nach dem Verfall des Osmanischen Reiches sind gar einzelne Familien auf beide Seiten des Grenzzauns verteilt. Ankaras Angst vor separatistischen Tendenzen mag übertrieben sein, zumindest in diesen Regionen ist sie aber nicht vollends unbegründet.

Ankaras Intervention in Syrien nur auf die Angst vor Unabhängigkeitsbestrebungen der türkischen Kurden zu reduzieren, ist unabhängig von dessen Wahrscheinlichkeit aber mit Sicherheit eine zu einseitige Sichtweise. Davon ist Ulusoy überzeugt und verweist auf die geopolitische Bedeutung: "Gäbe es einen kurdischen Staat mit PKK-Ausrichtung in Syrien, wäre damit der Zugang der Türkei zur islamisch-arabischen Welt des Nahen Ostens durch eine kurdische Zone blockiert", sagt er. "Das hätte keine türkische Regierung zugelassen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass diese Region einst (im Osmanischen Reich) Staatsgebiet war."

Ein schwer einzuschätzender Spieler

Und Ulusoy macht noch einen weiteren Grund dafür aus, dass Ankara sich trotz aller Risiken für den Einmarsch in Syrien entschieden hat. Die Türkei fürchtet einen kurdischen Staat in Syrien. Dabei gibt es im Nordirak längst eine kurdische Selbstverwaltung, die der PKK in den Kandil-Bergen Unterschlupf bietet. Ankara pflegt trotzdem immer bessere Beziehungen zur Regierung in Erbil. Wie geht das zusammen?

"Die Türkei hat auf Druck der Amerikaner akzeptiert, dass die kurdische Regionalregierung im Irak die PKK nicht rausschmeißen kann, ohne innerkurdische Konflikte auszulösen", sagt Ulusoy. Ankara wolle aber auf keinen Fall, dass sich eine ähnliche Situation in Syrien wiederholt und hat entsprechend rechtzeitig Fakten geschaffen: "Die Türkei ist jetzt in Syrien ein Player, weil sie nicht vor eine Entweder-Oder-Entscheidung gestellt werden will, wie es im Falle des Nordiraks der Fall war."

Dass die USA dies zugelassen haben, ist wohl vor allem als Zugeständnis an die Türkei zu bewerten. Washington ist auf Ankara als Partner in der Region angewiesen – militärisch und diplomatisch.

Für die Kurden im Nahen Osten ist das ein bitterer Rückschlag. Und es ist nicht der erste. Die USA ließen sie nach anfänglicher Unterstützung wiederholt im Irak fallen. Wenn es bei allen Verschiedenheiten der Kurden untereinander einen gemeinsamen Nenner gibt, so ist das abgesehen von ihrer historischen Unterdrückung sicherlich dieser: Sie können von den Dynamiken der Politik der Großmächte profitieren – verlassen können sie sich darauf nie. Das macht die Kurden in der ganzen Region vor allem eines: sehr schwer einzuschätzen.

Quelle: n-tv.de

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