Politik

Boris Palmer bei Maybrit Illner "Kimmich hat sich vergaloppiert"

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Joshua Kimmich will sich nicht impfen lassen. Vorerst jedenfalls nicht.

(Foto: imago images/MIS)

Seit anderthalb Jahren gilt in Deutschland eine nationale Corona-Notlage. Die soll nach dem Wunsch von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 25. November auslaufen. Und dann? Nicht alle Gäste bei Maybrit Illner halten das baldige Ende für eine gute Idee. Tübingens Oberbürgermeister Palmer ist aber zuversichtlich.

Die Entscheidung war umstritten: Seit März 2020 gilt in Deutschland zur Bekämpfung der Corona-Krise eine "epidemische Lage von nationaler Tragweite". Die soll nun bald enden, und zwar am 25. November. Das hat Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgeschlagen. Auch SPD, FDP und Grüne haben sich für ein Ende der Notlage ausgesprochen. Die Ampelparteien wollen den Bundesländern die Entscheidung über Maskenpflicht oder 2G-Regeln überlassen. Entscheiden muss jedoch der Bundestag. Über das Thema wird seit Tagen diskutiert, am Donnerstagabend auch im ZDF in der Talkshow mit Maybrit Illner.

Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister der Stadt Tübingen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Boris Palmer (Grüne), Oberbürgermeister der Stadt Tübingen.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild)

Wichtigstes Problem: Die Impfquote in Deutschland ist immer noch zu niedrig, obwohl knapp 70 Prozent der Deutschen bereits geimpft sind. Und immer häufiger erkranken geimpfte Menschen an Corona. Besonders bei älteren Menschen kommt es zu sogenannten Impfdurchbrüchen. Bei ihnen geht die Zahl der Antikörper schneller zurück als bisher gedacht. Antikörper schützen vor einer Ansteckung mit Corona. Für ältere Menschen sowie für Menschen mit Immunerkrankungen gibt es deshalb seit September sogenannte Boosterimpfungen, um den Coronaschutz aufzufrischen. Die müssen aber erst mal an den Mann oder an die Frau gebracht werden.

"Kimmich hat sich vergaloppiert"

Im Moment wird allerdings wieder einmal darüber diskutiert, wie sinnvoll Impfungen gegen Covid-19 überhaupt sind. Grund sind Aussagen des Bayern-München-Fußballspielers Joshua Kimmich. Er wolle mit der Corona-Impfung wegen fehlender Langzeitstudien noch warten, hatte er am vergangenen Samstag erklärt - und eine Lawine losgetreten. Kritik hagelte es von allen Seiten, und auch die Gäste bei Maybrit Illner hielten sich damit nicht zurück. "Kimmich hat sich vergaloppiert", sagt zum Beispiel Moderator Johannes B. Kerner, der sich im vergangenen Jahr mit Corona infiziert hatte. Mit seiner Aussage leiste er einer kleinen Gruppe von Querdenkenden Vorschub. Immerhin seien mittlerweile mehrere Milliarden von Menschen geimpft worden, ohne Probleme.

"Kimmich ist ein guter Fußballspieler, das macht ihn aber nicht zum Impfexperten", stößt Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher ins selbe Horn. In Hamburg sind nach Tschentschers Aussagen 86 Prozent der Bevölkerung geimpft. Für ihn ist klar: "Es ist sicherer, sich impfen zu lassen, als mit diesem Virus in Berührung zu kommen."

Die Vorsitzende des Ethikrats, Alena Buyx, weist darauf hin, dass es eine moralische Verpflichtung für das Impfen gebe. "Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich, sondern auch andere", sagt die Medizinerin. Nach Meinung des Virologen Jonas Schmidt-Chanasit lenkt die Kimmich-Diskussion vom eigentlichen Thema ab. Er sagt: "Wenn sich ein sehr gesunder Fußballer nicht impfen lässt, ist das nicht problematisch; wenn sich Menschen über 60 nicht impfen lassen, schon."

"Pandemie ist keine Privatsache"

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen kann verstehen, dass sich Menschen nicht impfen lassen. Er hält das für eine Trotzreaktion. Viele Menschen fühlten sich in dieser Frage unter Druck gesetzt, und Druck erzeuge Gegendruck, sagt er.

Alena Buyx sieht das völlig anders. Eine Pandemie sei keine Privatsache, sagt sie. Wenn sich jemand mit der sehr ansteckenden Delta-Variante infiziere und dann ins Krankenhaus müsse, habe das einen Effekt für viele andere Menschen. "Wir hängen da zusammen drin, ob wir wollen oder nicht", sagt sie.

Streit über Ende der Notlage

Wann die pandemische Notlage auslaufen soll, ist bei den Politikern sehr umstritten. Der 25. November ist für Peter Tschentscher jedenfalls zu früh. Er möchte lieber bis Ende des Jahres warten. Angesichts steigender Inzidenzwerte möchte er die Corona-Situation noch beobachten. Boris Palmer setzt dagegen auf ein schnelles Auslaufen der pandemischen Notlage, "weil die Balance zwischen Freiheit und Gesundheitsschutz gewährt werden muss." Die Impfquote sei hoch. Schulschließungen oder ein Lockdown seien nicht mehr nötig. Nun sei es wichtig, der Bevölkerung zu sagen, Politiker wollten sie nicht gängeln, sondern ihnen die Freiheit zurückgeben.

"25. November kein Freedom Day"

"Für die Aufhebung der Notlage gibt es ein demokratiepolitisches Argument", sagt die Ethikratsvorsitzende Alena Buyx. Für viele Menschen gebe es keinen Grund mehr für eine nationale Notlage. "Aber wir haben auch eine Situation, bei der man sehen kann, das rauscht jetzt wieder richtig ab", sagt sie. Die Bürger könnten den 25. November als Freedom Day empfinden. "Aber das ist kein Freedom Day." Der sei - wenn überhaupt - am 20. März, wenn wie aktuell geplant alle Corona-Maßnahmen enden sollen. Doch das könnten die Bürger nicht auseinanderhalten, fürchtet Buyx.

Boris Palmer ist da völlig anderer Meinung. So dumm seien die Menschen nicht, wenn man den Schritt richtig kommuniziere, glaubt er. "Die Notlage ist vorbei, aber es ist immer noch ernst", so könne der Slogan lauten.

Wichtigste Aufgabe: Auffrischungsimpfungen

Damit sich die Corona-Situation weiter entspannen kann, gibt es für den Virologen Schmidt-Chanasit nur einen Weg: Boosterimpfungen. Diese Auffrischungsimpfungen für 20 Millionen Menschen zu organisieren, sei eine Riesenaufgabe. Außerdem setzt er auf Tests. "Die brauchen wir, um gut über den Winter zu kommen." Schließlich kritisiert er den immer noch anhaltenden Pflegenotstand. Der führe zum Beispiel in den Krankenhäusern dazu, dass Intensivbetten abgemeldet werden müssten.

Klar ist: Die Notlage wird aufgehoben werden. Das weiß auch Peter Tschentscher. Deshalb sagt er: "Ich vertraue darauf, dass das die Bundesminister richtig regeln." Er hätte noch die Bundestagsabgeordneten hinzufügen sollen. Denn die werden das wirklich letzte Wort haben.

Quelle: ntv.de

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