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Der Kriegstag im Überblick Kreml-Truppen geben weitere Gebiete auf - Kadyrow tobt

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Ukrainische Soldaten auf dem Vormarsch.

(Foto: IMAGO/VXimages.com)

Auch nach der Befreiung der Städte Isjum und Kupjansk läuft die ukrainische Gegenoffensive weiter. In der Region Charkiw kontrollieren die russischen Besatzer immer weniger Gebiete. Auch im Süden sollen sich Moskaus Einheiten auf dem Rückzug befinden. Tschetschenen-Führer Kadyrow schäumt vor Wut. Der 200. Kriegstag im Überblick.

Russische Karte zeigt erhebliche Gebietsverluste

Nach erfolgreichen ukrainischen Gegenangriffen ziehen sich die russischen Truppen offenbar auch aus dem nördlichen Teil des Charkiwer Gebiets zurück. Medienberichten nach hissten Einwohner in der Ortschaft Kosatscha Lopan, 30 Kilometer nördlich der Metropole Charkiw, die ukrainische Flagge. Zuvor hatten die russischen Einheiten den knapp vier Kilometer von der russischen Grenze entfernten Ort verlassen.

Eine vom Kreml veröffentlichte Karte der Region Charkiw zeigte zudem einen weitgehenden Rückzug russischer Truppen aus dem Gebiet. Die vom Verteidigungsministerium in Moskau vorgestellte Karte zeigte, dass die russische Armee nur noch einen kleinen Teil im Osten der Region östlich des Flusses Oskol kontrolliert. Beim Briefing am Vortag hatte die Karte noch ein weitaus größeres Gebiet als unter russischer Kontrolle stehend ausgewiesen.

US-Institut bescheinigt Ukraine durchschlagenden Erfolg

Die ukrainischen Streitkräfte haben laut US-Experten innerhalb von fünf Tagen mehr Gelände zurückgewonnen als die russischen Truppen insgesamt seit April besetzt haben. "Die Befreiung von Isjum wird der größte militärische Erfolg der Ukraine seit dem Sieg in der Schlacht vor Kiew im März", urteilte das Institute for the Study of the War (ISW) in seiner Lageanalyse. Damit sei der von Russland geplante Vormarsch auf den Donbass von Norden her gescheitert, so die Experten.

 

Die ukrainischen Streitkräfte haben nach Angaben der Heeresleitung seit Anfang September mehr als 3000 Quadratkilometer russisch besetzten Gebiets zurückerobert. Geländegewinne habe es um die zweitgrößte ukrainische Stadt Charkiw im Norden gegeben, wo die Streitkräfte bis zu 50 Kilometer an die russische Grenze herangerückt seien, teilte der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, mit.

Ukrainischer Verteidigungsminister warnt vor russischem Gegenangriff

Trotz der Erfolgsmeldungen warnte Verteidigungsminister Olexij Resnikow vor möglichen Gegenangriffen der russischen Seite. Die Ukraine müsse die zurückeroberten Gebiete sichern, sagte Resnikow der "Financial Times". Die ukrainischen Truppen seien nach ihrer Offensive zwar erschöpft, die Moral sei jedoch gut.

Die russischen Streitkräfte griffen nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau bereits Stellungen der ukrainischen Truppen in der Region Charkiw an. Die Attacken erfolgten durch Luftlandetruppen, Raketen und Artillerie, teilte das Ministerium in sozialen Medien mit. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Kiew: Russen fliehen auch im Süden

Nicht nur in der Region Charkiw scheinen die ukrainischen Truppen erfolgreich zu sein. Nach Angaben aus Kiew ziehen sich russische Einheiten auch aus Teilen des südlichen Gebiets Cherson zurück. In einigen Orten hätten die Besatzer dort bereits ihre Positionen verlassen, teilte der ukrainische Generalstab mit. In der Stadt Nowa Kachowka hätten die russischen Soldaten ein Krankenhaus geräumt, um sich darin nun selbst zu verschanzen, hieß es weiter. Von russischer Seite gab es zunächst keine Reaktion.

Wie das belarussische Oppositions-Medium Nexta berichtete, sollen russische Besatzer auch aus der seit 2014 besetzten Region Luhansk fliehen. Nexta berief sich dabei auf Aussagen des ukrainischen Militärgouverneurs der Region, Serhij Haidai. "Berichten zufolge begannen die Angreifer massenhaft aus dem besetzten Luhansk und Alchevsk zu fliehen", schrieb Nexta auf Twitter. Die Informationen ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Kadyrow mit Kriegsführung unzufrieden

Der Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, hat Russlands Militärplaner für die Niederlagen in der Region Charkiw kritisiert. "Wenn nicht heute oder morgen Änderungen an der Durchführung der militärischen Spezialoperation vorgenommen werden, bin ich gezwungen, zur Staatsführung zu gehen, um ihr die Lage vor Ort zu erklären", sagte Kadyrow in einer Audioansprache auf Telegram. Kadyrow, der im Auftrag der russischen Regierung Tschetschenien mit harter Hand regiert, zählt zu den wichtigen Unterstützern von Präsident Wladimir Putin, etwa bei dessen Vorgehen in der Ukraine.

Lawrow: "Russland lehnt Verhandlungen mit Ukraine nicht ab"

Unterdessen hat die russische Führung erneut Verhandlungsbereitschaft signalisiert. "Russland lehnt Verhandlungen mit der Ukraine nicht ab, doch je länger der Prozess hinausgezögert wird, desto schwerer wird es, sich zu einigen", sagte Außenminister Sergej Lawrow im Staatsfernsehen. Die Verhandlungen, die kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen das Nachbarland begannen, sind seit Monaten ausgesetzt.

Offiziell macht Moskau für den Verhandlungsstopp Kiew verantwortlich. Russland stellt für einen Frieden allerdings harte Bedingungen. So soll die Ukraine nicht nur auf einen NATO-Beitritt verzichten, sondern auch hohen Gebietsverlusten zustimmen. So hat Moskau die Abtretung der Gebiet Donezk und Luhansk gefordert. Weitere offizielle Forderungen des Kremls bestehen in einer "Entmilitarisierung" und einer "Entnazifizierung" der Ukraine.

Stromausfälle in der Ostukraine

In weiten Teilen der Ostukraine hat es am Abend Stromausfälle gegeben. Kiew gab als Grund den Beschuss kritischer Infrastruktur durch russische Truppen an. Vertreter der ukrainischen Behörden in der Stadt Charkiw sowie in den Regionen Donezk und Sumy veröffentlichten entsprechende Mitteilungen über Stromausfälle in Onlinenetzwerken. AFP-Reporter meldeten Stromausfälle in der Stadt Kramatorsk. Am frühen Morgen war der letzte Reaktor des Atomkraftwerks Saporischschja vom Netz genommen worden, sodass das Kraftwerk keinen Strom mehr erzeugt.

Kremlchef Putin und Frankreichs Präsident Macron haben Angaben aus Moskau zufolge zur kritischen Lage am besagten Atomkraftwerk telefoniert. Putin habe ein internationales Einwirken auf die Ukraine gefordert, damit diese ihre Angriffe auf die Anlage einstelle, hieß es in einer Kreml-Mitteilung. Weitere Details wurden nicht bekannt.

US-Botschafterin fordert von Deutschland mehr Engagement

Die Botschafterin der USA in Deutschland, Amy Gutmann, hat die Bundesregierung vorsichtig aufgefordert, den Abwehrkampf der Ukraine noch stärker zu unterstützen. Sie begrüße und bewundere sehr, was die Deutschen für die Ukraine täten, sagte Gutmann im ZDF. "Dennoch: Meine Erwartungen sind noch höher an Deutschland."

Sie führte weiter aus: "Aus meiner Sicht leistet Deutschland gerade einen großen Beitrag, aus meiner Sicht möchte Deutschland hier eine größere Führungsrolle einnehmen, und wir hoffen und erwarten, dass Deutschland das auch erfüllen wird - genauso, wie die USA gerade ein militärisches Hilfspaket von 15 Milliarden US-Dollar bereitgestellt haben."

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Quelle: ntv.de, jpe/dpa/rts

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