Politik

Hilljes Wahlkampfcheck Laschets Gummistiefel sind ziemlich undicht

248549696.jpg

Armin Laschet gab zwar den "Kümmerer" in der Not, aber als "Beschützer" vor künftigen Katastrophen qualifizierte er sich nicht, schreibt Johannes Hillje..

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Wahlforschung untersucht, zu welchem Zeitpunkt der Entschluss der Wählerinnen und Wähler feststeht. Für dieses Jahr dürfte gelten: Die Entscheidungswochen beginnen jetzt.

Für den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder schlug sich der Gummistiefel-Effekt in den Umfragen bereits neun Tage nach seinem Besuch in den Hochwassergebieten nieder. Am 14. August 2002 stapfte er im sächsischen Grimma durch den Schlamm, am 23. August hatte er in mehreren Umfragen zwei bis drei Prozentpunkte zugelegt. Da die Union in gleicher Größenordnung verlor, lagen die Volksparteien nunmehr gleichauf.

Der Beginn der aktuellen Hochwasserkatastrophe liegt mittlerweile vierzehn Tage zurück. Mit dem Schröder von 2002 vergleichbar ist am ehesten der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Kandidat der Kanzleramtspartei. Doch für Armin Laschet deutet sich ein negativer Gummistiefel-Effekt an: Mehrere Institute messen leichte Verluste für die Union und mitunter größere für Laschet persönlich.

Dafür gibt es Gründe. Von seinem schuljungenhaften Kichern ganz abgesehen: Laschet gab zwar den "Kümmerer" in der Not, aber als "Beschützer" vor künftigen Katastrophen qualifizierte er sich mit seinen uneindeutigen Aussagen zur Klimapolitik nicht. Um im Bild zu bleiben: Politisch sind die Gummistiefel, die Laschet mit ins Hochwassergebiet brachte, ziemlich undicht. Das kann für ihn noch zum Problem werden. Denn der entscheidende Unterschied zu 2002 ist, dass heute die große Mehrheit das Hochwasser zweifelsfrei in den Kontext der Klimakrise einordnet, folglich dort den politischen Handlungsbedarf verortet. Von Schröder wurde damals in erster Linie schnelle und unbürokratische Hilfe erwartet. Laschet muss den Doppelschritt aus Hilfe für die Opfer und Politikwechsel für effektiveren Klimaschutz gehen. Für den zweiten Schritt reichen Gummistiefel nicht.

Noch viele Wähler unentschlossen

CSU-Chef Markus Söder hat die Hochwasserkatastrophe "einen unglaublichen Weckruf der Natur" genannt. Ein Weckruf mit präzisem Timing, könnte man sagen. Denn just in diesen Tagen beginnen die Entscheidungswochen des Wahlkampfes. Dann wird sich zeigen, ob es bei moderaten Effekten der Naturkatastrophe auf die Wählerpräferenz bleibt oder es zu größeren Verschiebungen kommt.

Die Wahlforschung bemisst recht genau, zu welchem Zeitpunkt vor einer Wahl die Wählerinnen und Wähler endgültig entscheiden, wer ihre Stimme bekommt. Demnach ist der Juli traditionell der "Saure-Gurken-Monat" vor einer Bundestagswahl. Nach den Daten der German Longitudinal Election Study (GLES) fällten 2017 nur fünf Prozent der Wählerinnen und Wähler ihre finale Entscheidung im Juli. In den Monaten davor hatten sich hingegen bereits 45 Prozent festgelegt und ihren Entschluss bis zur Stimmabgabe nicht mehr revidiert. Bleiben noch 50 Prozent der Wählerschaft für die letzten acht Wochen bis zur Wahl.

An diesem Zeitpunkt stehen wir heute. Von den im Juli noch unentschlossenen 50 Prozent entschieden sich 7 Prozent der Wählerinnen und Wähler 2017 endgültig im August, 43 Prozent im September - davon 19 Prozent sogar erst am Wahltag. Hinzu kommt: Die späte Wahlentscheidung trifft auf erhöhte Wechselbereitschaft. Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung sind drei Viertel der Wählerschaft nicht auf nur eine Partei festgelegt. Zusammengenommen macht dies noch vieles möglich.

Gewählt wird nicht an einem Tag, sondern in mehreren Wochen

Wenn derzeit das halbe Bewerberfeld mit unüberhörbarem Zweckoptimismus auf die "heiße Phase" des Wahlkampfs verweist, dann spricht daraus die Hoffnung auf die anstehenden Entscheidungswochen. Vermutlich werden sie früher kommen als bei vorherigen Wahlen. Denn in diesem August werden deutlich mehr Wählerinnen und Wähler nicht nur entscheiden, sondern auch abstimmen. Per Briefwahl. In der ersten Augusthälfte können die Gemeinden damit beginnen, die Briefwahlunterlagen zu verschicken. Bei allen Landtagswahlen in diesem Jahr hat sich der Briefwähleranteil pandemiebedingt verdoppelt. In Rheinland-Pfalz stimmten zwei Drittel der Wähler per Brief ab, in Baden-Württemberg die Hälfte. Zuletzt gab es im Juni in Sachsen-Anhalt bei einer regionalen Inzidenz von 29 einen Briefwähleranteil von knapp 30 Prozent.

Die Parteizentralen haben ihre Wahlkampfplanung darauf angelegt, nicht auf einen Wahltag hin zu mobilisieren, sondern auf mehrere Wahlwochen. Diese Wahlwochen beginnen nun, erkennbar an den Touren der Kanzlerkandidaten und -kandidatin, an den Wahlplakaten im Straßenbild, den TV-Triellen und der Fortsetzung der Schlammschlachten in den sozialen Medien. Bislang war der Wahlkampf hitzig, jetzt wird er heiß. Und nach dem Hochwasser hat er ein zentrales Thema.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.