Politik

Strategie: Welle abbremsen Lauterbach und Drosten lehnen Durchseuchung ab

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Bundesgesundheitsminister Lauterbach lobt die in Deutschland bestehenden Maßnahmen. Die hätten dazu geführt, dass die Verdopplungszeit der Neuinfektionszahlen in Deutschland höher ist als in anderen Ländern.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bundesgesundheitsminister Lauterbach, RKI-Chef Wieler und Virologe Drosten warnen vor der Omikron-Variante in Deutschland. Die habe das Land voll erfasst. Impfungen seien weiterhin das zentrale Gegenmittel. Aber auch Maßnahmen müssten aufrechterhalten werden. Denn die wirken sehr gut, so Lauterbach.

Trotz der oftmals milderen Verläufe bei Infektionen mit der Omikron-Variante sieht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach keinen Grund zur Entwarnung. Erkenntnisse über die Gefährlichkeit der Corona-Virusvariante seien nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar, weil die Quote von Ungeimpften unter den Älteren "besonders hoch" sei, sagte Lauterbach bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Robert-Koch-Institut-Chef Lothar Wieler und dem Virologen Christian Drosten.

Lauterbach betonte, dass sich das aktuelle Pandemiegeschehen ungefähr so verhalte, wie es die Modellierungen vorausgesehen hätten. In Deutschland sei es gelungen, die Verdopplungszeit der Omikron-Ausbreitung zu erhöhen. Anfangs lag diese bei etwa 4,5 Tagen, mittlerweile ist sie auf 6 bis 6,5 Tage angestiegen. Ein wesentlicher Grund dafür - im Unterschied etwa zu Großbritannien - seien die zuvor bereits wirksamen Maßnahmen gewesen. Der Gesundheitsminister erwähnte die Kontaktreduzierungen im Privatbereich, die Regelungen im ÖPNV oder die 2G-Regeln im Einzelhandel. Und das bleibe auch weiterhin das Ziel. Die Omikron-Wand soll in Deutschland ein Hügel werden, so Lauterbach. Zumindest dürfe die Wand nicht so hoch werden wie in anderen Ländern. Im Ergebnis, so ist sich der Minister sicher, gäbe es so weniger schwere Verläufe, weniger Long Covid und weniger Todesfälle.

Omikron verlaufe, soweit das bisher bekannt ist, insgesamt milder als die Delta-Variante, erklärte Lauterbach. Er warne dennoch vor der Idee, dass "wir in Deutschland eine Durchseuchung akzeptieren können". "Die Zahl der Opfer, die wir dann beklagen müssten, ist ungewiss, ist sicherlich zu hoch", sagte Lauterbach. Auch die Zahl der Infektionen werde sehr hoch sein. Das wird Krankenhäuser und Labore an ihre Belastungsgrenze führen. Vor allem im Bezug auf einen möglichen Mangel an PCR-Tests sagte Lauterbach, dass medizinisches Personal priorisiert werden müsse, vor allem wenn es um das "Freitesten", also das vorzeitige Verlassen der Isolation gehe.

Kein eigener Antrag zur Impfpflicht - Lauterbach sagt wieso

Lauterbach trat erneut dem Vorwurf entgegen, keinen eigenen Antrag zu einer Impfpflicht auf den Weg gebracht zu haben. Als Bundesgesundheitsminister müsse er Ansprechpartner für alle Abgeordneten sein. Er dürfe keine Amtsmeinung zur Einführung einer Impfpflicht haben. Man könne sich die Manöver verschiedener Anträge im Bundestag sparen, wenn die Bundesregierung einen eigenen Antrag stellen würde. Privat sei er aber weiterhin klar für eine allgemeine Impfpflicht für Erwachsene. Und, das betonte er zum Schluss, es würden enorme Mittel aufgebracht, Menschen zu schützen, die derzeit noch ungeimpft sind. Von diesen Menschen könne man die Impfung daher erwarten.

Wieler sagte, dass in Deutschland derzeit gut 800.000 Menschen infiziert sind. Das entspricht einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Hospitalisierungsinzidenz liege derzeit bei 7 und sie steige langsam wieder an, nachdem sie zuletzt gesunken war. Auf ihrem Höchststand habe sie bei 15 gelegen, so Wieler. Momentan würden sich vor allem junge Menschen anstecken, schrittweise dann aber immer mehr ältere. Das war auch in früheren Wellen so.

Wieler betonte, dass man aktuell in eine neue Phase der Pandemie eintreten würde. Die reinen Fallzahlen werden perspektivisch weniger wichtig. Entscheidender werde sein, wie viele Menschen schwer erkranken und wie belastet die Krankenhäuser sind. Auch die Überlastung der Gesundheitsämter ist wichtig. Diese könnten derzeit schon nicht mehr alle Fälle nachverfolgen. Die Daten werden auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle weiterhin nicht vollständig sein, so Wieler. Jede verhinderte Infektion trage zum Kleinhalten der Welle bei und sorge dafür, dass die Überlastung nicht so stark ausfällt.

Drosten kritisiert Medien für Verunsicherung

Virologe Christian Drosten verwies darauf, dass Kommunikation derzeit schwierig sei, da es gute und schlechte Botschaften gäbe, die teils widersprüchlich wahrgenommen werden. Gut sei, dass die bestehenden Maßnahmen die Verdopplungszeit in Deutschland erhöht hätten. Schlecht dagegen sei die große Impflücke. Nach Angaben Drostens sind noch immer drei Millionen Menschen über 60 Jahre gänzlich ungeimpft. Rechnet man alle Menschen hinzu, die noch keine Auffrischungsimpfung erhalten haben, sind es allein in dieser Altersgruppe sogar neun Millionen Menschen. Aus diesem Grund könne man derzeit das Virus in Deutschland auch nicht "laufen lassen", also auf Durchseuchung setzen, so der Virologe. Das habe in Südafrika funktioniert, in Deutschland hingegen ginge das derzeit nicht. Drosten mahnt aus diesem Grund an, den kommenden Herbst und Winter vorzubereiten. Ältere Menschen müssten nach seiner Ansicht nochmals geboostert werden. Am besten sei eine Impfung im zweiten Quartal, die auf die Omikron-Variante sowie alle bisher bekannten Varianten abgestimmt ist.

Auf eine Nachfrage zur Impfpflicht wandte sich Drosten an die Medien. Er sagte, dass einige Medien in der Vergangenheit die Pandemie und die bestehenden Maßnahmen als überzogen dargestellt hätten. Das habe zu großer Verunsicherung in der Bevölkerung geführt. Medien sollte korrekte Informationen liefern und so die Motivation der Menschen erhöhen, sich impfen zu lassen. Das sei aus seiner Sicht zentral: viel Ansprache und Motivation zur Impfung. Die Impfpflicht sei dagegen eine rein politische Frage.

Quelle: ntv.de, als/AFP

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