Politik

"Hart aber fair" zu Umweltschutz Lügen wir uns die Wirklichkeit grün?

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Der Vize-Geschäftsführer des BDI, Holger Lösch, "Spiegel"-Kolumnist Jan Fleischhauer, Bundesumweltministerin Svenja Schulze, Umweltaktivist Hannes Jaenicke, "taz"-Redakteurin Heike Holdinghausen und Moderator Frank Plasberg (von links nach rechts).

(Foto: WDR/Dirk Borm)

Deutschland ist ein Öko-Streber. Stimmt so? Stimmt nicht! Trotz grüner Versprechen und viel Gerede steuert die Bundesrepublik direkt auf ein Verfehlen der selbst gesetzten Klimaziele zu. Aber wie schlimm steht es wirklich um uns?

Wir trennen feinsäuberlich unseren Müll, nur um ihn im Anschluss in die ganze Welt zu exportieren; wir fahren mit dem SUV aufs Land, um dort Ökokartoffeln direkt vom Acker zu kaufen; wir spenden für Greenpeace und fliegen für eine Woche Urlaub nach Thailand. Bisweilen ist unsere Vorstellung von Umweltschutz ziemlich schizophren. Grund genug für Frank Plasberg, das grüne Selbstverständnis der Deutschen zum Thema zu machen: "Gefühltes Öko-Vorbild, gelebter Klimasünder: Lügt sich Deutschland grün?", will der Moderator bei "Hart aber fair" wissen.

In Plasbergs Runde sitzen am Montagabend Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), der Schauspieler und Umweltaktivist Hannes Jaenicke, der Vize-Geschäftsführer des Industrieverbands (BDI) Holger Lösch, "taz"-Redakteurin Heike Holdinghausen sowie der "Spiegel"-Kolumnist Jan Fleischhauer.

1,2 Millionen Tonnen Kunststoffabfall exportiert Deutschland pro Jahr: In Malaysia und anderswo gammeln die Verpackungen von Schwarzwälder Schinken, niedersächsischen Speisezwiebeln und anderen Produkten dann viel zu oft unter Palmen vor sich hin, anstatt recycelt zu werden. Ein Problem, aber nicht das Größte, findet die Umweltministerin: "Wir exportieren nicht nur den Müll, sondern auch unseren Lebensstil. Und deshalb müssen wir verantwortlicher handeln", sagt Svenja Schulze. "Ein Beispiel: Wir haben das beste Trinkwasser der Welt, wir brauchen diese ganzen Plastikflaschen gar nicht." Die SPD-Politikerin führt an, dass pro Monat mehr als eine Milliarde PET-Flaschen in Deutschland verkauft werden - aufeinandergestapelt würden die Verpackungen bis zum Mond reichen.

"Müll ist ein Wertstoff"

Das neue Verpackungsgesetz nimmt die Hersteller bei der Verwendung von besonders umweltschädlichen Verpackungen seit dem 1. Januar dieses Jahres zwar stärker in die Pflicht, das reicht aber bei weitem nicht, glaubt Heike Holdinghausen. "Die Recycling-Branche klagt seit Jahren darüber, dass sie viel mehr wiederverwerten könnte, alleine der Markt gibt das nicht her." Die Journalistin sieht nicht die Verbraucher in der Pflicht, sondern fordert mehr staatliche Regulierung: "Die Politik setzt dem Einzelnen nicht den richtigen Rahmen, um sich relativ einfach und stressfrei umweltfreundlich zu versorgen." Zu komplex seien die Zusammenhänge für die Verbraucher, in der Pflicht sieht Holdinghausen vor allem die Wirtschaft.

Die ist indes reichlich hilflos angesichts der zu stemmenden Herausforderungen: "Wir müssen uns davon lösen, dass das Verwerten von Müll etwas Unanständiges ist", sagt BDI-Vize Holger Lösch: "Müll ist eigentlich ein Wertstoff." Darauf Holdinghausen: "Sobald Müll exportiert wurde gilt er bereits als verwertet." Das zeigt, wie verfahren der Kampf um die Deutungshoheit beim Umweltthema ist. Es sind außerdem enorm viele verschiedene Zahlen im Umlauf, die je nach Perspektive auch noch unterschiedlich gedeutet werden können.

Die Plastiktüte ist dafür das beste Beispiel: Allgemein gilt sie als Quell allen Übels. Ihre "grünen" Alternativen sind allerdings bei genauerem Hinsehen auch nicht ohne: Wer statt der Plastiktüte etwa einen Jutebeutel verwendet, muss mit diesem 136 Mal einkaufen gehen, um die Ökobilanz wieder auszugleichen. Eine Papiertüte muss immerhin noch drei Mal verwendet werden, um besser als das Plastikpendant dazustehen. Und dennoch: "Ich habe noch nie einen Wal gesehen, der mit einer Baumwolltüte im Maul angespült wird", gibt Hannes Jaenicke zu bedenken.

Augenwischerei oder Zynismus?

Das Scharmützel, das sich der Schauspieler über die ganze Sendung hinweg mit Jan Fleischhauer liefert, ist exemplarisch für die Diskussion: Jaenicke plaudert sich nach Meinung des "Spiegel"-Journalisten seine Realität grün, versaut sich und anderen aber die Klimabilanz durch ausgedehnte Flugreisen und einen Zweitwohnsitz in den USA. Dann doch lieber so zynisch wie Fleischhauer, der die meisten Anstrengungen für den Klimaschutz für privilegierte Augenwischerei hält? "Null-Verpackungs-Supermärkte sind etwas für Leute, für die Zeit keine entscheidende Ressource ist", sagt der Journalist und skizziert, wen er damit meint: "Frauen zwischen 35 und 45, die gerade ihre Blagen in der Kita abgegeben haben und kurz vor dem Pilateskurs stehen."

Das verschlägt nicht nur Moderator Plasberg kurz die Sprache, es zeigt auch, wie fahrlässig wir mit einem der größten Probleme unserer Zeit umgehen. Ein 18-jähriger Abiturient, der sich für die Schülerinitiative "Fridays for future" engagiert, bringt das kurz und knapp auf den Punkt: "Es ist meine Zukunft, die da gerade verspielt wird", sagt Jakob Blasel. Er hat recht.

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Quelle: n-tv.de

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