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Datenmassen gegen Widersprüche MH17-Ermittlungen stellen Moskau bloß

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Täglich 100 bis 200 Mitarbeiter arbeiteten bei den Internationalen Ermittlern des sogenannten Joint Investigation Teams über einen Zeitraum von zwei Jahren, um Beweise für den Abschuss von MH17 zu finden.

(Foto: dpa)

Die neusten Ermittlungen zum Absturz von Flug MH17 erhärten bekannte Theorien. Moskaus Darstellung des tödlichen Ereignisses erscheinen dagegen immer unglaubwürdiger. Gerechtigkeit wird es so schnell trotzdem nicht geben.

Flug MH17 wurde von einem russischen Flugabwehrsystem des Typs Buk-M1 abgeschossen. Der Standort der Abschussrampe befand sich in der Nähe des ostukrainischen Ortes Snischne, der zur Zeit des Angriffs, dem 17. Juli 2014, im Gebiet prorussischer Separatisten lag. Das verwendete Waffensystem kam aus Russland und wurde nach der Attacke auch wieder dorthin zurückgebracht. Das ist das Ergebnis, zu dem das internationale Ermittlerteam (JIT) unter Führung des niederländischen Staatsanwalts Fred Westerbeke kommt.

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Beim Abschuss von MH17 verloren 298 Menschen ihr Leben.

(Foto: REUTERS)

Der Bericht des JIT, der die Grundlage für einen ersten Strafprozess im Fall MH17 schaffen soll, erhärtet bekannte Theorien. Ein Bericht der niederländischen Ermittlungsbehörde Dutch Safety Board belegte bereits im vergangenen Jahr, dass der Absturz von MH17 nicht auf technisches oder menschliches Versagen zurückzuführen war, sondern auf den Beschuss durch eine Buk-M1. Das Recherchenetzwerk Bellingcat fand in frei zugänglichen Quellen wie sozialen Netzwerken zudem etliche Hinweise darauf, dass das Waffensystem bei Snischne stationiert war. Hinzu kamen Telefonmitschnitte des ukrainischen Geheimdienstes, die Gespräche zwischen prorussischen Separatisten und Kräften, die die Buk-Crew begleitet haben, wiedergeben sollen. Diese hielten die Ermittler des JIT bereits vor Monaten für so belastbar, dass sie sie bei der Suche nach Zeugen in einem Videoclip einbanden und auf Youtube veröffentlichten.

"Wo sollen wir das Schmuckstück abladen?", heißt es darin über das Buk-System, kurz nachdem es in der Ostukraine angekommen ist. "Geh nach Snischne, und du bekommst weitere Anweisungen", so die Antwort. Es fällt in dem Zusammenhang auch der Name des damaligen Separatistenchefs Igor Strelkow, ein Abgesandter des Kreml, der schon unter etlichen Namen und in etlichen Funktionen auftrat.

Nach dem verheerenden Absturz von MH17 – die Besatzung der Buk ging vermutlich fälschlicherweise davon aus, auf einen ukrainischen Militärtransporter zu feuern – hieß es in einem früher veröffentlichten Mitschnitt: "Gestern war eine Katastrophe … Mir fehlen die Worte."

Überraschend ist an dem Zwischenbericht des JIT also wenig. Doch die Ermittler stützten bekannte Theorien mit einer gewaltigen Masse an Daten:

  • Die täglich 100 bis 200 Mitarbeiter des JIT analysierten in zwei Jahren Arbeit eigenen Angaben zufolge fünf Millionen Internetseiten.
  • Sie schauten sich 500.000 Fotos und Videos an.
  • Sie befragten mehr als 200 Zeugen.
  • Sie werteten 150.000 abgefangene Telefongespräche aus und prüften diese auf Authentizität.
  • Sie untersuchten Dutzende Container mit  Wrackteilen.
  • Die Ermittler führten forensische Tests in der Ostukraine, aber auch Tests in den Niederlanden und anderen Staaten durch, darunter auch eine Probesprengung eines Buk-Sprengköpfes.

Moskaus Darstellung wird nicht nur dadurch immer unglaubwürdiger. Explizit schließen Westerbeke und seine Kollegen russische Szenarien, die sie ebenfalls geprüft haben, aus. Hinzu kommt: Der Kreml hat sich längst selbst in diverse Widersprüche verstrickt.

Russland beweist, dass es "Beweise" fälscht

Immer kurz bevor internationale Ermittler einen Bericht zu MH17 vorlegten, präsentierte Moskau eigene Daten. Erst hieß es, man habe authentische Belege dafür, dass sich ein ukrainischer Kampfjet, vermutlich des Typs SU-25, Flug MH17 genähert habe und womöglich für den Abschuss verantwortlich sei. Dann präsentierte Moskau angebliche Beweise dafür, dass es doch eine BUK-M1 gewesen sei – allerdings nicht abgefeuert von den prorussischen Separatisten, sondern den offiziellen ukrainischen Streitkräften. Auch dem jüngsten Bericht des JIT wollte Moskau mit einer eigenen Deutung zuvorkommen. Am Montag legte das russische Verteidigungsministerium "Original-Radardaten" vor, die überraschend erst jetzt wieder aufgetaucht seien. Daten die belegen sollen, dass es bei Snischne rund um den 17. Juli 2014 kein Buk-System gegeben habe. Der ukrainische Kampfjet, von dem Anfangs die Rede war, taucht in diesen Daten nicht mehr auf.

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Russland präsentierte am Montag neue Radar-Bilder. Kreml-treue Journalisten nutzten dies, um den JIT-Ermittlern vorzuwerfen, diese noch nicht berücksichtigt zu haben.

(Foto: dpa)

Der Gründer von Bellingcat witzelte bereits: "Das russische Verteidigungsministerium legt Beweise vor, die belegen, dass ihre früheren Beweise gefälscht waren."

Nur sehr vage gehen die internationalen Ermittler des JIT auf die entscheidende Frage ein: Wer drückte den Auslöser? Staatsanwalt Westerbeke spricht von einem Personenkreis von rund 100 Personen, die als Zeugen oder Verdächtige in Frage kommen. Nur aus strategischen Gründen nennt er die Namen oder die Nationalitäten dieser Personen nicht. Er winkt vielmehr mit Straferleichterungen für jene, die Auskunft über die Kommandostruktur oder Schuldige geben.

Welche Informationen Westerbeke zurückhält, liegt aber zumindest in Teilen nahe. Bellingcat fütterte die Ermittler des JIT bereits mit einem mehr als 100 Seiten starken Dossier über die 53. Luftabwehrbrigade – und damit über russische Einheiten. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben die JIT-Experten diese Informationen wie die vielen anderen, die sich als belastbar erwiesen, bereits auf Authentizität geprüft.

Moskau wird Verdächtige kaum ausliefern

Die Glaubwürdigkeit Moskaus leidet noch aus einem weiteren Grund: Ausgerechnet der Kreml, der im Zentrum aller Schuldzuweisungen steht, verhinderte mit seinem Veto im Sicherheitsrat im vergangenen Jahr ein Tribunal der Vereinten Nationen, das den Fall hätte aufklären sollen. Der russische UN-Gesandte, Witali Tschurkin, sagte damals: Die Umstände des Absturzes stellten keine Gefahr für den Weltfrieden dar, eine Voraussetzung für die notwendige Verabschiedung einer Resolution auf der Grundlage von Artikel 7 der UN-Charta. Er fügte hinzu: Eine unabhängige Untersuchung sei angesichts des "aggressiven Propagandahintergrunds in den Medien" unwahrscheinlich. Moskau stellte damit öffentlich die Unabhängigkeit der UN, der 193 Staaten der Welt angehören, in Frage und isolierte sich international.

Diese Isolation zeigt auch das wahre Dilemma der MH17-Ermittlungen: Die Beweislage wirkt einerseits immer erdrückender und Russland wird zusehends selbst als Propagandist bloßgestellt. Moskau macht zugleich aber keine Anstalten, im Fall MH17 wieder mit dem Rest der Welt zusammenzuarbeiten. Selbst wenn Ermittler in einem Strafprozess gegen verdächtige Russen vorgehen sollten, wird Moskau diesen Prozess wohl kaum anerkennen. Konkrete Personen wird Russland eher schützen. Die Angehörigen der Opfer, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, werden Gerechtigkeit vermutlich nie erfahren.

Quelle: n-tv.de

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