Politik

Wieduwilts Woche Macron, Scholz und die Arroganz der Macht

278005597.jpg

Wenn Scholz und Macron der politische Bankrott droht, dann wegen ihrer Arroganz.

(Foto: picture alliance/dpa)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Dem deutsch-französischen Machttandem droht der doppelte Achsenbruch: Emmanuel Macron und Olaf Scholz könnten in diesen Wochen scheitern - an den vielen Krisen, aber vor allem am eigenen Hochmut.

Der Lauf der Weltgeschichte hängt manchmal von ganz kleinen Dingen ab und nicht den politischen Entscheidungen vermeintlich großer Männer. Wenn Frankreich sich am Sonntag für die Rechtsextreme Marine Le Pen entscheidet, wird das Europa auf den schlammigen Pfad der Nationalstaaterei lenken. Und wenn das passiert, liegt es auch am Tisch. Dem Tisch nämlich, an den Macron bei der großen TV-Debatte gesetzt wurde. Dieser Tisch könnte Macron am Wahlsonntag zu Fall bringen.

Will man den Auftritt einer Person beurteilen, muss man durch dasselbe Prisma blicken wie die öffentliche Meinung. Die Ausgangslage für den französischen Präsidenten ist schlecht, seine Chancen knapp: Dafür gibt es etliche politische Gründe, die vielen Krisen - Gelbwesten, Pandemie und Krieg -, vor allem aber der Eindruck der Franzosen, sie kämen mit ihrem Geld kaum noch über die Runden, und der Mann im Élysée tue nichts dagegen.

Der Grund, warum Macron angeblich nichts tut - was so nicht stimmt -, liegt in der beständigen Kritik seiner politischen Konkurrenz, aber auch an Macrons Ruf: Er sei arrogant, ein Genosse der Bosse, wisse nicht, was den kleinen Mann oder die kleine Frau umtreibe. Macron haftet das Elitäre an, er sieht zudem glänzend aus. Natürlich kommt er von der Pariser Elitenschmiede ENA, beriet als Direktor im Finanzministerium französische Staatspräsidenten, wurde dann gut verdienender Investmentbanker bei Rothschild. Rothschild, ausgerechnet! Die Übernahme einer Pfizer-Sparte durch das Nahrungsmittelunternehmen Nestlé machte ihn zum Millionär - spätestens.

Immerhin keine Brusthaare

Und der TV-Tisch gibt Macron nun leider die Gelegenheit, diesen Eindruck komplett zu bestätigen. Tische sind für Redner immer gefährlich, denn sie laden zum Herumflegeln ein. Und, mon dieu, kann dieser Macron flegeln! Das einzige, was der eigentlich hervorragende Redner richtig machte: Der Präsident, "erster Pelz im Staate" (SZ) behielt Gott sei Dank seine Brusthaare unter Kontrolle.

Er stützt sich nahezu die ganze Debatte lang ab, was immer etwas schlapp und faul wirkt. Zu Beginn legt er den Kopf auf den zusammengelegten Händen ab, als wäre er auf einem Tinder-Date und müsste Interesse heucheln - dazu passen die geschürzten Lippen. Er legt während der Debatte oft den Finger auf den Mund, als würde er etwas wahnsinnig Dummes hören. Das mag sein, er lauscht schließlich Le Pen, aber er sollte das nicht zeigen - nicht, wenn die Franzosen zuschauen. Durch das erwähnte Prisma.

Anleitung zum arrogant-sein

Wenn er spricht, stützt er beide Arme auf den Tisch und lehnt sich weit vor, wie am Ende einer langen Konferenz, müde, matt, genervt. Doch das schlimmste: Er gestikuliert mit aufgestützten Armen. Wenn Sie, liebe Leserin und Leser, Lust auf ein kleines Experiment haben - hier kommt eine Anleitung zum arrogant-sein in vier Schritten.

Erstens, setzen Sie sich an einen Tisch. Zweitens, stützen Sie mit einem Arm den Ellenbogen auf, den anderen legen Sie ab. Drittens, halten Sie eine kleine Rede, meinetwegen über Ihren Job. Viertens, jetzt wird es entscheidend: gestikulieren Sie - aber ausschließlich aus dem Handgelenk. Bewegen Sie nicht den Unterarm! Probieren Sie es aus. Wie fühlen Sie sich? Arrogant, nicht? Als wäre das Redenmüssen gerade äußerst lästig, der Gesprächspartner unter der eigenen Würde. Félicitations, Emmanuel, das denkt man ohnehin von dir!

Macron perfektioniert diese lässige, herablassende Handgelenk-Gestik: Einmal streckt er den Finger aus und kurbelt einen unsichtbaren Propeller an. Das ist eine Geste, die unhöfliche Menschen machen, wenn das Gegenüber endlich zum Punkt kommen soll.

Nur Clooney darf mit dem Kopf wackeln

Auch die übrige Körpersprache Macrons ist eine Katastrophe: Gleich zu Beginn verschränkt er die Arme und runzelt die Stirn, als sei es eine Zumutung, dass er sich nun stundenlang vor zwei Moderatoren und knapp 70 Millionen Franzosen rechtfertigen muss.

Manchmal legt er den Kopf schief, der ganze Oberkörper ist in Bewegung - das kann charmant wirken, George Clooney etwa beherrscht einen Kopfwackler, der vermutlich die eine oder andere Ohnmacht verursachte. Aber Macron soll nicht flirten, sondern ein Land führen. Es wirkt unkonzentriert.

Wenn die Journalisten einhaken, lehnt Macron sich zurück zum Frager wie zu einem Kellner, der gerade einen Wagen voll mit stinkendem Fisch an den Tisch rollt. Dann gestikuliert er in Richtung Le Pen, mit den leicht nach unten gerichteten Handflächen nach außen, als würde er einen Volleyball pritschen oder als wäre Le Pen eine Frontscheibe, die er sauberwaschen will. Es wirkt passiv-aggressiv.

Gesten im Postfaktischen

Und Le Pen? Sie sitzt stabil, macht schmale Gesten, ihre Körpersprache ist gedämpft, sie wendet sich gelegentlich von Macron zu den Fragern. Sie unterstützt ihre Hauptbotschaft: Die Rechtsextreme möchte zart und harmlos herüberkommen. Es gelingt.

Hat Macron mit seiner Körpersprache die Präsidentschaft vergeigt? Kommunikation hängt gerade in solchen Phasen des Wahlkampfs am nonverbalen Ausdruck - das gilt aktuell in Frankreich, wo die entscheidenden Themen nur entfernt an die Fakten gekoppelt sind. Die Kaufkraft etwa ist auch aufgrund von Macrons Maßnahmen nicht gesunken, aber der Eindruck hat sich festgesetzt. Das Rennen ist knapp, Beobachter kritisierten seinen Auftritt als arrogant, aber sahen ihn im Rennen gerade eben noch als Gewinner.

Auf der anderen Seite der deutsch-französischen Achse steht Olaf Scholz vor einem ähnlichen Problem. Der Bundeskanzler gab eine überraschende Pressekonferenz, "18.00 Uhr Statement Bundeskanzler", schallte es durch Berliner Medienflure, der Kanzler spricht! Doch es sprach nur der Scholzomat. Auf Leopard-Panzer angesprochen weist Scholz die Journalisten zurecht wie Schuljungen. Er endete mit einem Kopfnicker, ich nenne ihn den Mary-Poppins-Nicker - so beendet man Widerworte ungezogener Gören.

Kommunikation kostet Karrieren

Auch Deutschland und sein Kanzler müssen das Prisma beachten: Die öffentliche Meinung sieht das Land als Zauderer, man drücke sich vor der historischen Verantwortung. Nicht nur Opposition und Ukrainer, auch Intellektuelle üben scharfe Kritik. In dieser Woche geriet die Bundesrepublik sogar in den Zangenangriff zweier Timothys: Snyder und Garton Ash. Als arrogant galt Scholz schon vorher, doch als er kürzlich Kritiker in der Ampel als "Jungs und Mädels" titulierte, unterstrich er diesen Eindruck noch.

Ein Tisch, Flegelei, ein Nicker in der Pressekonferenz - auch diese vermeintlichen Kleinigkeiten bestimmen unser aller Schicksal. Dass ein unprofessioneller Auftritt Karrieren kosten kann, darüber könnte wohl auch Ex-Bundesfamilienministerin Anne Spiegel zur Laute singen: Sie stand im Verdacht, überfordert zu sein - und illustrierte diesen Eindruck durch einen grauenhaften Presseauftritt, in dem sie nicht einmal wusste, was sie sagen wollte und dass die Kameras live übertrugen.

Armin Laschet vergeigte eine Kanzlerschaft, weil er die öffentliche Situation falsch einschätzte, in der Flut lachte und eine Rede vor einem Müllhaufen hielt. Auch hier war das Prisma entscheidend: Laschet war schon angezählt, galt als fahrig und unkontrolliert. Das Lachen des Bundespräsidenten zur selben Zeit verfing kaum - ihm fehlte das Prisma, die Öffentlichkeit hatte weniger Vorurteile. Für Laschet war es der Kipppunkt seiner Kampagne.

Gewinnt Le Pen, verändert sie Europa

Machen wir uns nichts vor: Gewinnt Le Pen, verändert sie Europa. Scheitert Scholz, zerbricht die Ampel und wir müssen mitten in einem Krieg eine neue Regierung bilden - und auch das würde die Risse in Europa vertiefen. Scholz und Macron droht der politische Bankrott wegen ihrer Arroganz.

Man kann die oberflächlichen Mechaniken einer durch und durch medialisierten, überreizten, stets empörungsbereiten Welt verfluchen. Aber wer sie so ignoriert, überlässt den Gegnern das Feld - darunter auch Leuten wie Le Pen und Wladimir Putin.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen