Politik

Von Migranten gekaperter Tanker Maltas Marine entert die "El Hiblu"

"Piraten" oder verzweifelte Menschen auf der Flucht? Der Fall der "El Hiblu" im Mittelmeer lenkt die Aufmerksamkeit auf die dramatische Lage von Migranten in Libyen. Um ihrer Rückführung zu entgehen, lenken Schiffbrüchige einen Tanker um nach Europa. Die Marine von Malta greift ein.

Die maltesische Marine hat im Mittelmeer die Kontrolle über ein mutmaßlich von Migranten entführtes Tankschiff übernommen. "Der Tanker, seine Besatzung und alle Migranten werden gerade von der Marine eskortiert", teilte die Marine am Morgen mit.

Die Besatzung des Tankers "El Hiblu" hatte am Dienstagabend auf offenem Meer Schiffbrüchige in internationalen Gewässern vor Libyen aufgenommen und damit möglicherweise vor dem Ertrinken gerettet. Das Schiff steuerte daraufhin den Hafen von Tripolis an, um die Geretteten dort an Land zu setzen. Die geplante Rückführung nach Libyen scheiterte.

Was genau an Bord vorfiel, ist noch unklar. Sicher ist bislang nur, dass die "El Hiblu" etwa sechs Seemeilen vor der libyschen Hauptstadt Tripolis plötzlich den Kurs änderte und Fahrt Richtung Norden aufnahm. Die Behörden gehen davon aus, dass die 108 Migranten an Bord die Kontrolle übernahmen und die Besatzung des Schiffes dazu zwangen, Malta und damit EU-Gebiet anzusteuern.

Salvini: "Das sind Piraten"

Italiens Innenminister Matteo Salvini nutzte den Vorfall, um seine harte Haltung gegenüber Flüchtlingen auf der sogenannten Mittelmeerroute zu bekräftigen. "Es sind keine Schiffbrüchigen, es sind Piraten", erklärte der rechtspopulistische Politiker der italienischen Lega-Partei.

Bei der "El Hiblu" handelt es sich um einen rund 52 Meter langen und acht Meter breiten Versorgungstanker. Das 2015 gebaute Schiff fährt unter der Flagge des Inselstaates Palau. An Bord des vergleichsweise kleinen Tankers sollen sich auch Frauen und Kinder befinden. Aktuellen Positionsdaten und Bildern aus Malta zufolge ist die "El Hiblu" bereits in den Hafen von Valetta eingelaufen.

Die eigenen Retter "überfallen"?

Der Vorfall dürfte erhebliche Konsequenzen für die zivile Schifffahrt im Mittelmeer haben: Die maltesischen Behörden seien über ein "auf See überfallenes Schiff" informiert worden, erklärte eine Sprecherin. Der Kapitän habe einen Notruf abgesetzt. Das maltesische Militär sei daraufhin in Bereitschaft versetzt worden.

Sowohl Italien als auch Malta wollen Bootsflüchtlinge nicht aufnehmen, solange es keinen EU-weiten Verteilmechanismus gibt. Vor der libyschen Küste sind kaum mehr Rettungsschiffe im Einsatz, die Boote von Hilfsorganisationen wurden immer wieder lange auf dem Meer blockiert oder aus dem Verkehr gezogen. Auch die EU hat ihren Marineeinsatz vor der libyschen Küste gestoppt.

Die erst am Vortag offiziell bestätigte EU-Entscheidung sieht vor, bei der Anti-Schleuser-Operation "Sophia" vorerst nur noch Luftaufklärung zu betreiben und libysche Küstenschützer auszubilden. Diese sollen die Migranten wieder in das Bürgerkriegsland bringen, wo den Menschen allerdings schwere Misshandlungen drohen. Deutschland hatte bereits Ende Januar angekündigt, sich aus der Operation "Sophia" zurückzuziehen.

EU bringt Kapitäne in "unmögliche Lage"

Immer wieder wehren sich Migranten deshalb, nach Libyen zurückgebracht zu werden. Von einer "gefährlichen Lage", die die große Verzweiflung von "verletztlichen Menschen" auf der Flucht zeige, sprach die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. "Die EU-Politik gefährdet Menschen immer mehr, und hat Handelsschiffe in eine unmögliche Lage gebracht."

Für die Handelsschifffahrt ergeben sich aus dem Vorfall zusätzliche Probleme. Bislang bestand die Herausforderung für die Besatzungen im Fall einer Seenotrettung von Flüchtlingen vor allem darin, die Geretteten zu versorgen und in einem geeigneten Hafen sicher an Land zu bringen. Die Ereignisse an Bord der "El Hiblu" jedoch könnten Kapitäne künftig davon abhalten, Flüchtlinge überhaupt erst an Bord zu nehmen.

"Wenn (...) schon staatliche Schiffe nicht mehr retten, weil sie die Aufgenommenen nicht gesichert abgeben können, wie soll es dann Besatzungen und Schiffen der Handelsflotte gehen?", hatte ein Sprecher des deutschen Reedereiverbands bereits Ende Januar zu Bedenken gegeben.

Die Handelsschifffahrt sei auch in Zukunft dazu bereit, Menschen in Not zu helfen, betonte Nagel. "Sie ist aber nicht Teil der politischen Lösung und darf es auch nicht werden." Die EU müsse dringend handeln. "Denn die lebensgefährliche Migration über das Mittelmeer hört ja nicht auf, bloß weil Europa sich streitet."

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Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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