Politik

Kämpfer gegen den Brexit Mays Scheitern nützt jungen Nordiren wenig

RTS2CDDV.jpg

Proteste im Januar an der inneririschen Grenze - die durch den Brexit zu einer EU-Außengrenze wird.

(Foto: REUTERS)

ALT Jetzt anhören

Trotz Nachverhandlungen lehnt das Londoner Unterhaus den Brexit-Deal von Premierministerin May deutlich ab. Zwei junge Nordiren registrieren dies wohlwollend. Euphorie kommt trotzdem nicht auf.

Gebannt schaut Pearse in einem Café auf das Smartphone seines Kumpels Aron. Auf dem winzigen Display verfolgen die jungen Nordiren in der Hauptstadt Belfast, wie das britische Parlament im fernen London über das Brexit-Abkommen abstimmt. Dann löst sich die Anspannung. "Große Niederlage", sagt der 17-jährige Aron und lehnt sich kurz in seinen Stuhl zurück. In seinen Worten schwingt Genugtuung mit. Soeben haben die Parlamentarier auch den nachverhandelten Deal von Premierministerin Theresa May mit einer großen Mehrheit von 149 Stimmen abgelehnt. "Ich habe 150 vorhergesagt", sagt der ein Jahr ältere Pearse und fängt an zu lachen.

*Datenschutz

Die beiden Schüler engagieren sich bei der britischen Jugendorganisation "Our Future, Our Choice" (unsere Zukunft, unsere Wahl), kurz OFOC. Ihr Hauptziel: eine Abwendung des Brexits durch ein erneutes Referendum. Deshalb kommt auch nach der jüngsten krachenden Niederlage Mays bei Aron und Pearse kaum Euphorie auf. Schon an diesem Mittwoch werde das Unterhaus über die Option eines EU-Austritts ohne Deal abstimmen, gibt Aron zu bedenken. Das mache ihn nervös. "Aber das Ergebnis treibt auch die Unterstützung für ein zweites Referendum voran", sagt er. "Dafür gibt es viel Unterstützung." Für einen weiteren, neu ausgehandelten Deal sei es nun zu spät. Und an dem geplanten Austrittsdatum 29. März hat sich nichts geändert. "Wir befinden uns in einer gefährlichen Phase."

Als im Sommer 2016 über den EU-Austritt Großbritanniens und Nordirlands entschieden wurde, durften Pearse und Aron noch nicht abstimmen. Das damalige Wahlergebnis betrachten sie als Fehler. Deshalb engagieren sich die beiden Katholiken aus West-Belfast bei OFOC. Schon bei einem Treffen zwei Tage vor der Deal-Abstimmung im Unterhaus erklärte Pearse: "Wir treten für eine Volksabstimmung über den finalen Deal auf dem Stimmzettel ein - mit EU-Verbleib als Option." Zudem fordern die Aktivisten, das Wahlalter auf 16 Jahre herabzusetzen. Es gehe schließlich um die Zukunft der jungen Menschen.

"Aber was passiert danach?"

An diesem Abend im stürmischen Belfast reden die beiden überzeugten Anti-Brexiteers viel über junge Leute in Nordirland - und deren mehrheitlichen Unwillen, künftig außerhalb der EU und ohne deren Freiheiten zu leben. Als junge Katholiken sind Pearse und Aron klassische EU-Befürworter: In Nordirland stimmten die Katholiken beim Referendum 2016 mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib des Königreichs in der Europäischen Union. Insgesamt votierten mehr als 55 Prozent der Nordiren für "Remain". Im gesamten Königreich unterstützte in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen nur eine Minderheit von 27 Prozent den Brexit.

Vor einer Woche haben Pearse und Aron sich mit EU-Chefunterhändler Michel Barnier in Brüssel getroffen. "Wir haben ihm gesagt, dass Nordirland eine politische Absicherung braucht", erklärt Aron. Kurzum: Eine harte Grenze zur Republik Irland soll mit aller Macht verhindert werden - und somit auch ein Rückfall in alte nordirische Bürgerkriegszeiten.

Bei aller Freude über die zweite Ablehnung des Brexit-Vertrags im Unterhaus: Aron ist beunruhigt, dass zwei Wochen vor dem geplanten Austrittstermin noch kein Deal zustande gekommen ist. "Ein No-Deal wäre desaströs." Immerhin habe May nun zum zweiten Mal einen Denkzettel für ihre Brexit-Politik erhalten. Ein kleiner Sieg für die jugendlichen Nordiren. "Aber was passiert danach?", fragt Aron. "Es ist sehr beängstigend, dass unsere Zukunft nur von diesem Deal abhängt und diesen drei Tagen." Er meint den Dienstag, Mittwoch und Donnerstag dieser Woche. Nach der Ablehnung des Vertrags und der Entscheidung über einen Austritt ohne Deal entscheidet das Unterhaus am Donnerstag, ob die Briten eine Verschiebung des Austritts beantragen.

Nach einer knappen halben Stunde machen er und Pearse sich schon wieder auf den Weg. Er gehe jetzt nach Hause, sagt Aron. "Nichts Besonderes." Auch Pearse ist kaum in Feierlaune. Er hat sich seine Jacke nicht einmal ausgezogen. Die Mitglieder eines Cross-Community-Treffens erwarten ihn, sagt er. Dieser Austausch von Katholiken und Protestanten finde schließlich jeden Dienstag statt. Sollte es zu einem Brexit ohne Vertrag kommen, könnten solche Treffen wichtiger denn je sein.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Recherchereise mit dem Journalists Network.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema