Politik

Kanzler ignoriert Putins Warnung Merz, Reiche und Wirtschaftsdelegation besuchen Kiew

04.10.2026, 06:15 Uhr
00:00 / 01:13
623147161 (1)
Bundeskanzler Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Reiche sind am frühen Morgen auf dem Hauptbahnhof von Kiew angekommen. (Foto: picture alliance/dpa)

Die russische Führung droht am Samstag unverhohlen: Vor weiteren Angriffen sollten ausländische Staatsbürger und diplomatisches Personal die Ukraine verlassen. Bundeskanzler Merz lässt sich davon nicht aufhalten. Er reist nach Kiew - und hat offenbar Geld für Waffen und Energie im Gepäck.

Bundeskanzler Friedrich Merz ist am frühen Morgen überraschend in Kiew eingetroffen. Er wird von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und einer Wirtschaftsdelegation begleitet, um der Ukraine weitere konkrete Hilfe für den Abwehrkampf gegen Russland zuzusagen - vor allem Abfangdrohnen und weitreichende Waffen. "Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns", sagte der Kanzler bei seiner Ankunft mit einem Sonderzug in Kiew. 

Merz und Reiche sind gemeinsamt mit zehn Unternehmern aus den Bereichen Rüstung und Energie nach Kiew gereist. Nach Angaben aus Regierungskreisen will Merz den ukrainischen Streitkräften die baldige Auslieferung Tausender Abfangdrohnen zusichern. Mit denen sollen die besonders schnellen und daher gefährlichen russischen Kampfdrohnen mit Düsenantrieb bekämpft werden können. 

Zudem soll die Produktion weitreichender Waffen vorangetrieben werden, mit denen Nachschublinien hinter der Front in Russland angegriffen werden können. Insgesamt sollen dafür eine Milliarde Euro aus bereits bewilligten Haushaltsmitteln freigegeben werden - und weitere 350 Millionen Euro für Reparatur und Wiederaufbau zerstörter Kraftwerke.

Es handelt sich womöglich um die gefährlichste Reise eines Bundeskanzlers in das Kriegsgebiet seit der russischen Invasion im Februar 2022. Die Sicherheitslage in der Ukraine hat sich in den vergangenen Monaten massiv verschlechtert. Drohnenangriffe nehmen zu - auch in der Hauptstadt Kiew und auf Personenzüge.

Russland bombardiert zunehmend zivile Ziele im Nachbarland Ukraine. Auch die Angriffe auf die Hauptstadt Kiew wurden verstärkt. Am Samstag hatte die russische Führung eine Mitteilung veröffentlicht, in der sie ausländische Staatsbürger und diplomatisches Personal davor warnt, sich weiter in der Ukraine aufzuhalten oder dorthin zu reisen: "Die Verantwortung für jegliche nachteiligen Folgen liegt voll und ganz bei denjenigen, die diese Warnung ignorieren."

Merz ließ sich davon nicht von Reiseplänen abbringen. Er sei nach Kiew gereist, "weil die Ukraine für die kommenden Wochen all unsere Unterstützung braucht", sagte er bei seiner Ankunft. "Bald beginnt für die Menschen der fünfte Kriegswinter. Russland bombardiert Städte, Wohnhäuser und Heizkraftwerke." Die Ukrainer ließen sich aber durch den Terror Russlands nicht unterkriegen. "Ich werde Präsident Selenskyj heute sagen: 'Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen.'"

Merz hatte der Ukraine bereits am Donnerstag in einer Grundsatzrede die anhaltende Solidarität Deutschlands im Abwehrkampf gegen Russland zugesichert - trotz aller Widerstände gegen weitere Milliardenhilfen im eigenen Land. "Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine", mahnte er bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises an die Nato in Münster.

Das Versprechen, weiter fest an der Seite der Ukraine zu stehen, soll mit dem Besuch in Kiew untermauert werden. Deutschland ist finanziell und militärisch der wichtigste Unterstützer der Ukraine. Es gibt aber wachsenden Widerstand gegen die Milliardenhilfen. AfD, Linke und BSW machen mit dem Thema Wahlkampf, worauf Merz in seiner Rede in Münster auch einging. Er sprach von "Parolen der AfD und ihrer russischen Hintermänner". Man werde sich in Deutschland nicht spalten lassen, versprach er den Ukrainern.

Vierter Kanzlerbesuch seit Kriegsbeginn

Es ist der vierte Besuch eines Bundeskanzlers seit der russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Merz' Vorgänger Olaf Scholz war in seiner dreieinhalbjährigen Amtszeit zweimal im Kriegsgebiet. Merz besuchte Kiew im Mai vergangenen Jahres nur vier Tage nach seiner Vereidigung als Kanzler im Bundestag - zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dem damaligen britischen Premierminister Keir Starmer und dem polnischen Regierungschef Donald Tusk.

Es war die erste größere gemeinsame diplomatische Initiative der Europäer, um zu einem Frieden in der Ukraine zu kommen. Von Kiew aus forderten die vier Staats- und Regierungschefs damals Russland ultimativ zu einem bedingungslosen Waffenstillstand auf. Daraus wurde nichts, auch spätere diplomatische Initiativen verliefen zunächst im Sande.

Merz hofft nun darauf, Russland mit anhaltendem militärischen Druck an den Verhandlungstisch zu bewegen. Außenminister Johann Wadephul hatte vor wenigen Tagen erstmals seit Jahren wieder Tuchfühlung mit Moskau aufgenommen und den russischen Außenminister Sergej Lawrow in New York getroffen. Das Ergebnis war aber ernüchternd. Lawrow äußerte sich anschließend abschätzig über das Gespräch und sagte, es habe nichts Neues gebracht.

Merz wertete das als weiteren Beleg dafür, dass diplomatische Bemühungen in Moskau auf taube Ohren stoßen. Russland verstehe nur die "Sprache der Stärke" und müsse auf diesem Weg an den Verhandlungstisch gebracht werden, sagte er. "Eintracht und Stärke sind auch heute Erfolgsbedingungen für Verhandlungen mit Moskau."

Quelle: ntv.de, chr/rts/dpa

RusslandAngriff auf die UkraineDrohnenKatherina ReicheFriedrich MerzKiew