Politik

Masala bei Maischberger "Der Westen muss unberechenbarer werden"

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"Je länger der Krieg dauert, desto mehr wird der Zusammenhalt des Westens bröckeln", prophezeit Masala.

Militärexperte Carlo Masala glaubt nicht, dass der Krieg in der Ukraine im Moment durch Verhandlungen beendet werden kann. Bei "Maischberger" in der ARD empfiehlt er den westlichen Ländern eine andere Strategie. Was die Sanktionen gegen Russland angehe, habe die EU durchaus noch Pfeile im Köcher.

Militärexperte Carlo Masala empfiehlt im Ukrainekrieg den westlichen Ländern ein neues Vorgehen gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Was Waffenlieferungen angehe, sei der Westen an einem bestimmten Endpunkt angekommen, sagt der Politikwissenschaftler, der an der Universität der Bundeswehr forscht. Sowohl die NATO als auch die USA würden diskutieren, wie lange sie noch Waffen an die Ukraine liefern können. Noch immer tabuisiere der Westen Lieferungen von Kampfpanzern und Kurzstreckenraketen. Darum fordert Masala: "Vielleicht wäre es an der Zeit, dass wir gegenüber den Russen unberechenbarer werden."

Bisher habe das Militärbündnis den Russen nur in zwei Punkten Grenzen gesetzt: Man werde sich bei der Anwendung von Nuklearwaffen oder bei einem russischen Überfall auf einen Mitgliedsstaat wehren. Masala findet, die NATO müsse der russischen Führung auch in der Ukraine selber Grenzen setzen. Zum Beispiel könne das westliche Militärbündnis mit der Lieferung von Kurzstreckenraketen an die Ukraine drohen, falls die russische Armee weiterhin strategische Infrastruktur in dem Land bombardiere. Auch die Europäische Union habe noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, gegen Russland vorzugehen. Sie könne zum Beispiel die Gazprom-Bank übernehmen. "Oder sie könnte sagen: Wir schmeißen euch aus dem SWIFT raus. Das sind Dinge, mit denen wir bisher nicht drohen." SWIFT ist eine Organisation, die besonders sichere internationale Banktransaktionen ermöglicht.

Im Moment könne der Krieg in der Ukraine nicht durch Verhandlungen beendet werden. "Und je länger der Krieg dauert, desto mehr wird der Zusammenhalt des Westens bröckeln", beschreibt Masala die aktuelle Gefahr. Um den Weg für mögliche Friedensverhandlungen freizumachen, gibt es für den Experten nur einen Weg: "Indem die Ukraine so ausgerüstet wird, dass sie in der Lage ist, noch mehr Territorium zurückzuerobern, so dass Russland realisiert, dass das Halten des Restterritoriums viel zu teuer ist, zu viele Opfer fordert und zu viele Ressourcen bindet, so dass Russland sich dann komplett aus der Ukraine zurückzieht. Das wäre anzustreben."

Russlands Präsident Wladimir Putin könne es sich im Moment nicht leisten, diesen Krieg zu verlieren. "Er kann aber auch nicht mehr lange militärisch gewinnen", so Masala. Deswegen brauche er jetzt eine Pause, um seine Armee zu verstärken. Darauf setze Putin aktuell.

"Befreiung von Cherson kein Wendepunkt"

Die Befreiung der Stadt Cherson sei ein wichtiger Erfolg für die ukrainische Armee gewesen, aber kein Wendepunkt des Krieges, so Masala. Cherson war die einzige Hauptstadt eines Gebietes, die die russische Armee erobern konnte, erklärt er weiter. "Aber wir sehen, dass die russische Armee geordnet abgezogen ist und sich jetzt südlich des Flusses Dnjepr eingräbt." In Russland stehe möglicherweise eine zweite Mobilmachung bevor, und die Munitionsfabriken laufen laut Masala auf Hochtouren. Sein Fazit: "Die Russen versuchen jetzt, über den Winter zu kommen, und sie werden im Frühjahr vermutlich auch bei Cherson eine neue Offensive starten, um die Stadt zurückzuerobern."

Die Idee, dass die ukrainische Armee die Russen vollständig aus der Ukraine vertreiben könne, nennt Masala "illusorisch". Allein die Eroberung der Krim wäre für die Ukrainer mit so hohem Aufwand verbunden, dass sie andere strategisch wichtige Positionen schwächen müssten, und dort könnte die russische Armee angreifen. Aktuell versuche diese durch den Beschuss von strategisch wichtiger Infrastruktur, "die Ukraine in die Steinzeit zurück zu bomben", so der Experte. Darum sei ein härteres Vorgehen des Westens gegen Russland so wichtig.

"Es geht nicht allein um die Ukraine"

Auch der ehemalige russische UN-Diplomat Boris Bondarew wünscht sich noch mehr Unterstützung der Ukraine durch den Westen. Bondarew hatte im Mai gegen den russischen Angriff auf die Ukraine protestiert und schied danach aus dem diplomatischen Dienst aus. Heute versteckt er sich vor dem Regime in Moskau. Er sagt bei Maischberger: "In dem Krieg geht es nicht allein um die Ukraine. Es geht um Sie, um den Westen, um die regelbasierte Weltordnung. Putin will die globale Landkarte neu gestalten. Würde der Westen kriegsmüde werden und die Ukraine nicht mehr unterstützen, wäre das auch Ihre Niederlage."

(Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 24. November 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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