Politik

Der Kriegstag im Überblick Moskau lässt Russen nicht mehr ausreisen - Referendum sorgt für Massenflucht aus Cherson

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Am Tag nach dem Referendum: In den besetzten Gebieten der Ukraine erwarten die Bewohner den Anschluss an Russland.

(Foto: AP)

Während die vier ukrainischen Separatistenchefs in Moskau um die Annexion der besetzten Gebiete bitten, verlassen Ukrainer in Scharen Städte und Dörfer unter russischer Herrschaft. Die Angst vor dem Kriegsdienst treibt auch in Russland wieder Tausende in die Flucht. Moskau stoppt die Ausgabe von Reisepässen und verkündet ehrgeizige Eroberungsziele im Osten der Ukraine. Doch genau da droht der russischen Armee das nächste Debakel. Der 217. Kriegstag im Überblick.

Nach Referenden: Augenzeugen sprechen von leeren Dörfern

Angesichts russischer Vorbereitungen für eine Annexion von Teilen der Ukraine setzt Augenzeugen zufolge eine Fluchtbewegung aus den betroffenen Gebieten ein. Es gebe insbesondere die Furcht, dass dort dann sofort mit der Einberufung von Männern in die russische Armee begonnen werde, berichteten Flüchtlinge in der ukrainisch kontrollierten Stadt Saporischschja. "Es gibt Orte, die komplett verlassen sind", sagte ein Mann, der nach eigenen Angaben mit seiner Familie aus Cherson über den letzten russischen Checkpoint herausgelangt war. "Ganze Dörfer brechen auf."

Ein weiterer Familienvater aus Cherson sprach von einer Autoschlange, deren Ende nicht mehr zu sehen gewesen sei. Wegen des Referendums zögen 70 Prozent der Leute weg, sagte er. Eine 48-jährige Verkäuferin berichtete von einer Anweisung an die Schulen in ihrem Ort, ab kommenden Monat den Unterricht auf Russisch abzuhalten. Sie habe nicht gewollt, dass ihr 13-jähriger Sohn an seine Schule zurückkehrt. "Sie können sich vorstellen, wie ich mich jetzt fühle", sagte sie. "Sobald wir den Kontrollpunkt passiert haben, war mein erstes Foto eins von der ukrainischen Fahne. Ich bin glücklich." Eine Bestätigung der Angaben aus den besetzten Gebieten war nicht möglich.

Separatistenführer bitten Putin persönlich um Annexion

In vier Regionen der Ukraine - neben Cherson und Saporischschja auch Luhansk und Donezk - hatten die von Russland eingesetzten Behörden Referenden über einen Anschluss an die Russische Föderation abgehalten. Den in der Nacht auf Mittwoch veröffentlicht Endergebnissen zufolge stimmten zwischen 87 und gut 99 Prozent für einen Anschluss. Im Tagesverlauf gaben die von Russland ernannten Verwalter der vier Regionen dann an, sie hätten Aufnahmeanträge an Präsident Wladimir Putin persönlich gerichtet. Das Außenministerium in Moskau erklärte, es würden bald Schritte unternommen, um die Bestrebungen der vier Regionen zu erfüllen.

Auf dem Roten Platz in Moskau stand auf riesigen Videoschirmen: "Donezk, Luhansk, Saporischschja, Cherson - Russland!" Die Gebiete entsprechen zusammen grob der Fläche Portugals und würden 15 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes ausmachen.

Kiew: Referenden "null und nichtig"

In einer Erklärung des Außenministeriums in Kiew hieß es, die Referenden seien null und nichtig. Man werde weiter für eine Befreiung des Territoriums kämpfen. "Dass die Menschen in diesen Gebieten mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurden, einige Papiere auszufüllen, ist ein weiteres russisches Verbrechen im Rahmen der Aggression gegen die Ukraine."

Die Europäische Union und die USA brachten neue Sanktionen gegen Russland ins Spiel. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte: "Wir akzeptieren keine Scheinabstimmungen oder jegliche Annexionen in der Ukraine und sind entschlossen, den Kreml für diese weitere Eskalation bezahlen zu lassen."

Geheimdienst erwartet Putin-Rede für Freitag

Früheren Angaben des britischen Geheimdienstes zufolge dürfte Putin bei einer Rede vor dem Parlament am Freitag die Aufnahme der Gebiete ankündigen. Dann könnte seine Regierung die ukrainische Gegenoffensive als einen Angriff auf Russland darstellen. Vergangene Woche erklärte Putin, er sei bereit, die "territoriale Integrität" seines Landes mit Atomwaffen zu verteidigen.

Kreml: "Wir wollen ganz Donezk"

Russland kontrolliert allerdings nicht die gesamten beanspruchten Gebiete. So sind etwa 40 Prozent von Donezk unter ukrainischer Kontrolle, die Provinz ist heftig umkämpft. Der russische Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow erklärte, die Spezialoperation müsse weitergehen, bis Donezk komplett eingenommen worden sei.

Russischen Truppen droht Einkesselung in Lyman

Im ostukrainischen Gebiet Donezk droht den russischen Truppen offenbar eine Einschließung durch die ukrainische Armee. Russische Kriegsreporter berichteten am Nachmittag von erfolgreichen ukrainischen Vorstößen nordöstlich und östlich der Kleinstadt Lyman. Sollte die Siedlung Torske zurückerobert werden, droht den Russen eine Abschneidung der Verbindungswege von Lyman nach Kreminna und Swatowe im Luhansker Gebiet. Die Straßen stehen bereits unter Beschuss durch die ukrainische Artillerie.

Moskau stoppt Vergabe von Reisepässen

Angesichts der anhaltenden Massenflucht junger Russen ins Ausland stoppte die Regierung in Moskau die Reisepassausgabe an wehrpflichtige Russen. Die US-Botschaft in Moskau und das Auswärtige Amt in Berlin forderten eigene Staatsbürger mit doppeltem Pass zur sofortigen Ausreise auf, so lange es noch Transportmöglichkeiten gebe.

Nordossetien schließt Grenze per Dekret

Die an Georgien grenzende russische Teilrepublik Nordossetien im Kaukasus verhängte Einreisebeschränkungen. Per Dekret habe er die Durchfahrt von Autos aus anderen russischen Regionen in Richtung Georgien erschwert, schrieb der Republikchef Sergej Menjajlo auf Telegram. "Allein in den letzten zwei Tagen sind mehr als 20.000 Menschen über unseren Grenzabschnitt nach Georgien gereist!", so Menjajlo.

Nord-Stream-Lecks: Russland verdächtigt Biden

Für drei Lecks in den Nord Stream Pipelines macht der Westen weiterhin den Kreml verantwortlich. Laut einem Zeitungsbericht könnte Russland heimlich eine Unterwasser-Drohne Sprengladungen an verschiedenen Stellen der Pipelines abgesetzt haben.

Die russische Regierung deutete an, dass die USA hinter den mutmaßlichen Sprengungen stünden. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums sagte, US-Präsident Joe Biden könnte eine Sabotage der Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 angeordnet haben. "Der US-Präsident muss auf die Frage antworten, ob die USA ihre Drohung umgesetzt haben", schrieb Maria Sacharowa im Onlinedienst Telegram. "Europa muss die Wahrheit kennen." Aus Washington hieß es, das sei "lächerlich".

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Quelle: ntv.de, mau/rts/AFP

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