Politik

Solidarität in Frankreich Muslime besuchen katholische Messen

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Mit gemeinsamen Gottesdiensten gedenken Christen und Muslime dem ermordeten Priester Jacques Hamel.

(Foto: dpa)

Vergangenen Dienstag wurde in der Normandie ein Priester von zwei Islamisten ermordet. Danach warnen Politiker vor einer Spaltung des Landes. Nun besuchen Muslime in mehreren französischen Städten katholische Sonntagsmessen. Es ist ein Zeichen gegen Gewalt.

Fünf Tage nach der Ermordung eines katholischen Priesters durch zwei Islamisten in Frankreich haben knapp 2000 Christen und Muslime an der Gedenkfeier in der Kathedrale von Rouen teilgenommen. Rund hundert Muslime folgten dem Aufruf des Französischen Rats der Muslime (CFCM), aus "Solidarität und Mitgefühl" zu dem Trauergottesdienst für den 85-jährigen Jacques Hamel zu kommen.

"Wir begrüßen heute Morgen besonders unsere muslimischen Freunde", sagte der Erzbischof von Rouen, Dominique Lebrun, der den Gottesdienst in der vollbesetzten Kathedrale leitete. Er danke ihnen "im Namen aller Christen". Mit ihrer Teilnahme bekräftigten die Muslime, dass sie Gewalt im Namen Gottes ablehnten, sagte der Erzbischof. Am Eingang der Kathedrale sicherten Soldaten und Polizisten die Ankunft der Gottesdienstteilnehmer, doch gab es keine Personenkontrollen.

Auch in anderen Städten nahmen Muslime an katholischen Messen teil. "Ich bin stolz, das zu tun", sagte eine Frau dem Sender France Info beim Besuch der Basilika des Pariser Vororts Saint-Denis. "Ich möchte meinen Schmerz und meine Solidarität mit den Katholiken Frankreichs und einem ganzen Volk zeigen."

Auch in Italien besuchten Muslime katholische Messen, um an die Opfer zu erinnern, etwa in Rom, Mailand, Neapel und Palermo. Insgesamt hätten sich etwa 15.000 Menschen beteiligt, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf die Gemeinschaft der Arabischen Welt in Italien. "Wir wollen zeigen, dass die muslimische Welt den Terrorismus verurteilt und die christliche Welt grüßen mit unserem Slogan: Beten wir alle gemeinsam", sagte Präsident Foad Aodi.

"Kein Krieg der Religionen"

Bereits am Samstag hatte es Gedenkfeiern für Hamel gegeben. In einer Kirche von Saint-Étienne-de-Rouvray, wo der Mord geschehen war, nahmen Christen und Muslime an einer Trauerfeier teil. Auch in Bordeaux versammelten sich 400 Menschen in einer Kirche. In Lyon beteiligten sich Hunderte Menschen an einem "Marsch der Brüderlichkeit". Auf Spruchbändern war zu lesen: "Das ist kein Krieg der Religionen" oder "Wir sind alle Brüder und Schwestern". Politiker hatten nach dem Mord in der Kirche die verschiedenen Religionsgemeinden aufgerufen, sich nicht von der Gewalttat spalten zu lassen, da dies nur den Mördern in die Hände spielen würde.

Der 85-jährige Hamel war am Dienstag während der Morgenmesse von zwei 19-jährigen Islamisten ermordet worden. Die beiden jungen Männer Adel Kermiche und Abdel Malik Petitjean hatten die Kirche gestürmt, Hamel die Kehle durchgeschnitten und einen 86-jährigen Gottesdienstbesucher schwer verletzt. Sie nahmen drei Frauen als Geiseln, wurden später aber beim Verlassen der Kirche von der Polizei erschossen.

Die muslimische Gemeinschaft des Ortes will den Attentäter Adel Kermiche nicht in ihrem Ort beerdigen. "Wir werden den Islam nicht mit dieser Person beschmutzen", sagte der Verantwortliche der örtlichen Moschee, Mohammed Karabila. "Wir werden uns weder an der Totenwäsche noch an der Beisetzung beteiligen", wurde er bereits am Freitag zitiert. Über eine mögliche Beerdigung müsste dem Bericht zufolge letztlich das Rathaus entscheiden.

Die beiden Täter waren den Behörden als Islamisten bekannt und wurden überwacht, doch blieben ihre Planungen für den Anschlag unentdeckt. Die Zeitungen "La Voix du Nord" und "Le Parisien" berichteten, sie hätten sich auf dem verschlüsselten Mitteilungsdienst Telegram kennengelernt. Dort habe Kermiche auch vor der Tat von einem Angriff mit "einem Messer" in "einer Kirche" geschrieben.

Debatte um Finanzierung aus Ausland

Derweil wurde ein Cousin von Petitjean inhaftiert. Der aus Nancy stammende 30-Jährige habe von den Plänen gewusst, teilte die Staatsanwaltschaft von Paris mit. Gegen den Verdächtigen wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Ebenfalls in Haft kam ein 20-Jähriger, der im Juni vergeblich versucht hatte, gemeinsam mit Petitjean in die Türkei einzureisen.

Aus Ermittlungskreisen verlautete, ein 17-Jähriger, der 2015 mit Kermiche versucht hatte, nach Syrien zu reisen, sei im schweizerischen Genf festgenommen und an Frankreich überstellt worden. Ein 16-Jähriger, bei dem Propagandamaterial der Dschihadisten gefunden worden war, wurde derweil aus dem Gewahrsam entlassen. Sein Bruder war mit Kermiche bekannt und war 2015 in das syrisch-irakische Konfliktgebiet gereist. Auch ein syrischer Flüchtling, der in einem Asylbewerberheim in Zentralfrankreich festgenommen worden war, kam wieder frei, wie es aus Justizkreisen hieß. Eine Kopie seines Passes war in der Wohnung von Kermiche gefunden worden.

Premierminister Manuel Valls schrieb im "Journal du Dimanche", der Islam habe "seinen Platz in der Republik gefunden". Nun müsse dringend "ein echter Pakt" mit der zweitgrößten Konfessionsgemeinde in Frankreich geschlossen werden. Die Finanzierung der Moscheen aus dem Ausland müsse verringert werden, während im Inland Möglichkeiten geschaffen werden müssten, die Mittel zu diesem Zweck zu erhöhen.

Rund 40 Vertreter der muslimischen Gemeinde äußerten sich in einem weiteren Beitrag für die Sonntagszeitung besorgt über die "Machtlosigkeit der aktuellen Organisationen des Islam in Frankreich", die keinerlei Einfluss auf die Ereignisse hätten.

Quelle: n-tv.de, mli/AFP/dpa

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