Politik

Oberst Reisner bei ntv.de "Russland zielt auf unsere Ängste"

dae7aadd6677451cc31d8c962b7ceb9a.jpg

Nach seiner TV-Ansprache am Morgen trat Putin am Mittwoch noch auf einer Veranstaltung vor dem Nationaldenkmal "Tausend Jahre Russland" in Weliki Nowgorod auf.

(Foto: IMAGO/SNA)

Moderne Kriege spielen sich zu einem großen Teil im Informationsraum ab, sagt Markus Reisner, Oberst des österreichischen Bundesheeres, mit Blick auf die Ankündigungen des russischen Präsidenten. Es gehe bei solchen Auftritten nicht um die Wahrheit, sondern um psychologische Beeinflussung. "Für die Ukraine besteht die Gefahr, dass sie auf dem Gefechtsfeld erfolgreich ist, aber den Krieg im Informationsraum verliert, wenn Russland es schafft, die öffentliche Meinung in Europa gezielt zu beeinflussen", so Reisner im Interview mit ntv.de.

reisner 01.JPG

Oberst Markus Reisner ist Militärhistoriker sowie Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seit Beginn der russischen Invasion analysiert er den Krieg in der Ukraine.

(Foto: Screenshot)

ntv.de: Ist die Teilmobilmachung in Russland als Folge der ukrainischen Offensive zu sehen und damit als Zeichen, dass Russland in der Defensive ist?

Markus Reisner: Ganz so einfach ist es nicht. Seit Beginn der ukrainischen Offensive sind wir ja in der dritten Phase dieses Kriegs. Phase eins war der Angriff Russlands und die erfolgreiche Abwehr rings um Kiew durch die Ukraine, woraufhin die Russen ihre Truppen zurückgezogen haben. In Phase zwei hat Russland versucht, im Donbass eine Entscheidung herbeizuführen, hat das auch teilweise geschafft. Phase drei begann Anfang September mit den Offensiven der Ukrainer bei Cherson und Charkiw. Die Russen haben bei Charkiw erneut den Rückzug angetreten - im Gegensatz zur ersten Phase aber nicht aus eigener Entscheidung und geordnet, sondern ungeordnet, auch wenn die Russen das Gegenteil behaupten. Wie es wirklich abgelaufen ist, kann man daran erkennen, dass sie Unmengen an Material zurückgelassen haben, was sie bei einem geordneten Rückzug nicht getan hätten. Dies ist tatsächlich eine Blamage für Russland. Für die russische Regierung war das ein Problem, weil sie nun unter starkem Druck stand.

Inwiefern?

In den russischen sozialen Netzwerken wurden Forderungen erhoben, die "Spezialoperation" zu einem richtigen Krieg auszuweiten, weil Russland ohnehin in einem Überlebenskampf gegen den Westen stehe - sinngemäß hat Putin das dann ja auch in seinem Fernsehauftritt am Mittwoch so dargestellt. Mit drei Maßnahmen will er jetzt das Heft des Handels zurückgewinnen: Die vier Oblaste Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson sollen sogenannte Referenden abhalten und dann Russland angegliedert werden; das war ja schon am Dienstag angekündigt worden. Der Krieg um dieses Territorium wird so zu einem Kampf um russisches Staatsgebiet, zumindest aus russischer Sicht.

Und die weiteren Maßnahmen?

Das Zweite ist die Ankündigung der Teilmobilisierung. Das ist sicherlich ein Kompromiss. Einerseits ist es ein Zugeständnis, dass für den Krieg weitere Kräfte verfügbar gemacht werden müssen. Es ist aber immer noch nicht der Schritt zu einer massiven Mobilisierung. Allerdings wird es bei der Teilmobilisierung nicht ausschließlich um die Gewinnung neuer Soldaten gehen, sondern auch um Maßnahmen, um Russland auf eine Kriegswirtschaft umzustellen. Der dritte Aspekt ist Putins neuerliche Drohung mit dem Einsatz von Nuklearwaffen - er hat sogar den Satz nachgelegt, das sei "kein Bluff". Diese drei Aspekte lassen im Westen natürlich die Alarmglocken schrillen. Dabei ist wichtig zu verstehen, dass so etwas im Rahmen einer Informationskriegführung stattfindet. Russland zielt auf unsere Ängste. Die nukleare Drohung etwa soll den Westen davon abhalten, die Ukraine weiter zu unterstützen.

Gilt das auch für die Teilmobilisierung?

Ja. Das Signal an den Westen ist: Wir sind ein Land mit 127 Millionen Menschen, das gegen ein 35-Millionen-Einwohner-Land kämpft. Wozu Russland trotz der ukrainischen Offensive in der Lage ist, haben wir in Charkiw gesehen, wo die Russen innerhalb von 48 Stunden mit gezielten Angriffen das ukrainische Stromnetz im Osten teilweise lahmgelegt haben.

Putin hat die Drohung mit Nuklearwaffen damit begründet, dass der Westen erwäge, Russland mit Nuklearwaffen anzugreifen, was offenkundig frei erfunden ist - der Westen liefert ja bislang nicht einmal Kampfpanzer, um Putin nicht zu provozieren.

Das ist der Punkt: Es geht bei solchen Auftritten nicht um die Wahrheit, sondern um psychologische Beeinflussung. Moderne Kriege spielen sich zu einem großen Teil im Informationsraum ab. Die Ukraine kann diesen Krieg nur weiterführen, wenn der Westen sie unterstützt. Das ist der Schwachpunkt der Ukraine, auf den zielt Russland, indem es Ängste im Westen auslöst.

Wie mit der Drohung mit Nuklearwaffen?

Nicht nur. Diese Ängste sind dreierlei Natur. Erstens: Durch die unterbundenen Getreideexporte entstehen Hungersnöte und Migrationswellen. Zweitens die Angst vor Nuklearkatastrophen, durch die aktuelle Drohung, aber auch durch Einbeziehung des Kernkraftwerks Saporischschja ins Kampfgebiet. Und das dritte ist das alles überragende Thema, die drohende Rezession. Für die Ukraine besteht die Gefahr, dass sie auf dem Gefechtsfeld erfolgreich ist, aber den Krieg im Informationsraum verliert, wenn Russland es schafft, die öffentliche Meinung in Europa gezielt zu beeinflussen.

Alexej Nawalny hat getwittert, die Teilmobilisierung könne "Putins letzter Fehler" sein, weil sie die Haltung der Russen zum Krieg drehen könnte. Wäre das nicht auch eine mögliche Folge?

Man kann darüber spekulieren, wie die Mehrheit der russischen Bevölkerung denkt, aber im Endeffekt wissen wir es nicht. Wir können die Situation über den historischen Vergleich betrachten. Da war es oft so, dass die russische Gesellschaft in Zeiten der Not dazu neigt, sich um einen starken Führer zu scharen. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Große Vaterländische Krieg. Wir wissen auch, dass ein Großteil der russischen Gesellschaft noch immer sehr stark in der Sozialisierung aus der Zeit der Sowjetunion gefangen ist.

Aber natürlich kann es durchaus sein, dass es zu massiven Unruhen kommt - dass eine Situation entsteht wie bei der Oktoberrevolution 1917. Dann hätte der Präsident den Bogen überspannt. Wir sehen dafür im Moment zwar keine Anhaltspunkte. Aber die Geschichte hat uns immer wieder überrascht. Vielen ist das nicht bewusst: Wir erleben gerade Geschichte, und Geschichte ist nicht eindeutig und linear, sie überrascht immer wieder. Was man allerdings als Konstante annehmen kann, ist, dass der Konflikt eskaliert und nicht so schnell zu einem Ende kommen wird.

Wie lange wird es dauern, bis die ersten der 300.000 Reservisten, die Russland mobilisieren will, die Ukraine erreichen?

Das hängt vom Willen der politischen Führung ab. Es kann sein, dass man sagt: Wir nehmen uns die Zeit, bilden diese Reservisten ordentlich aus und schicken sie erst dann in den Einsatz. Es kann aber auch sein, und das haben wir auf russischer Seite immer wieder gesehen, dass man mit den eigenen Leuten sehr rücksichtslos umgeht, dass man den Soldaten eine Waffe in die Hand drückt und sie direkt an die Front schickt. Wichtig für die Stimmung in Russland ist auch: Die Masse der Soldaten kommt nicht aus den urbanen Zentren, nicht aus Moskau oder St. Petersburg, sondern von den Rändern des Landes, aus Städten, deren Namen die meisten Europäer noch nie gehört haben.

Schoigu hat behauptet, Russland habe 61.207 ukrainische Soldaten getötet und 49.368 verwundet, selbst aber nur 5937 Verluste erlitten. Sind diese Angaben auch nur annähernd realistisch?

Natürlich nicht. In jedem Krieg gibt es Vermisste: Soldaten werden verschüttet, sie werden durch Explosionen so zerfetzt, dass nichts von ihnen übrigbleibt. Diese Zahlen dienen ebenfalls der Informationskriegführung. Durch die exakte Zahl soll suggeriert werden, dass man dem Gegner schwere Verluste beigebracht hat und dass man in der Lage ist, sie genau zu beziffern. Aber in Wirklichkeit entbehrt das jeder Grundlage. Sicher ist, dass beide Seiten schwere Verluste erlitten haben, sicher mehrere Zehntausend Soldaten auf der russischen und leider auch auf der ukrainischen Seite.

Mit Markus Reisner sprach Hubertus Volmer

(Dieser Artikel wurde am Donnerstag, 22. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen