Politik

Corona-Regeln an den Schulen "Ohne neue Maßnahmen droht komplette Schließung"

Die Bildungsgewerkschaft GEW fordert bundesweit einheitliche Regeln für den Schulunterricht in Corona-Zeiten. Beispiel Quarantäne-Vorschriften: "Es kommt vor, dass Schulleitungen mit unterschiedlichen Gesundheitsämtern zu tun haben, die unterschiedlich auf einen Corona-Fall in einer Schule reagieren", sagt GEW-Chefin Tepe im Interview mit ntv.de. Sie plädiert für strenge Quarantäne-Regeln und Wechselunterricht. "Wir fürchten, dass uns ohne solche Maßnahmen ein zweiter Lockdown wie in Österreich bevorsteht und die Schulen dann wieder komplett geschlossen werden. Das wollen wir verhindern."

ntv.de: Zum Thema Schule gab es zwischen den Ministerpräsidenten und der Kanzlerin gestern Abend keine neuen Entscheidungen. Sie als GEW haben Wechselunterricht bei einem Sieben-Tage-Inzidenzwert von 50 gefordert. Wäre das nicht doppelter Stress für die Lehrkräfte?

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Marlis Tepe ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

(Foto: picture alliance/dpa)

Marlis Tepe: Natürlich ist das anstrengend für die Kolleginnen und Kollegen. Aber dafür wären die Gruppen dann kleiner. Man kann mit den kleineren Gruppen erfolgreicher arbeiten und beauftragt sie dann für den nächsten Tag mit einer Weiterarbeit. Das würde im Wechsel passieren.

Mit oder ohne Homeschooling?

Ich glaube nicht, dass es möglich wäre, dann zeitgleich auch digital zu unterrichten.

Ist die technische Ausrüstung überhaupt schon so weit, dass Homeschooling problemlos an allen Schulen möglich ist?

Nein, das ist sie leider nicht. Weder gibt es überall die nötige Ausstattung noch die Technik. Die Schulen, die sich schon vorher auf den digitalen Weg gemacht hatten, für die ist es natürlich kein Problem. Aber wenn die Politik beschließt, dass benachteiligte Schülerinnen und Schüler Laptops bekommen sollen, sind die nicht morgen in der Schule. Das dauert länger: Da werden Vereinbarungen geschlossen zwischen Bund und Ländern, dann zwischen dem Land und den Kommunen, die in der Regel die Schulträger sind. Sie sind es, die am Ende die Geräte anschaffen. Aber auch in den Kommunen herrscht Personalmangel, der zum Teil dramatisch ist. Das trägt außerdem zur Verzögerung bei.

Viele Eltern glauben, dass es an den Schulen liegt, wenn Ankündigungen, die von der Kanzlerin und den Ministerpräsidenten gemacht werden, nicht rasch umgesetzt werden.

Das ist natürlich falsch. Es wird eine ungerechtfertigte Erwartung an die Schulen geschürt. So entsteht schnell eine Art Lehrer-Bashing. Dabei können die Kolleginnen und Kollegen nichts dafür, dass der digitale Ausbau über Jahrzehnte versäumt wurde. Das Versäumnis liegt bei der Politik. Allein wie schlecht das WLAN häufig ist: In der Pandemie sind ja selbst TV-Interviews mit dem Außenminister verzerrt, weil er von zu Hause aus via Skype spricht. Wir haben in Deutschland unheimlich viel versäumt.

Aus den Schulen ist zu hören, dass die Gesundheitsämter die Quarantäne-Regeln sehr viel weniger streng auslegen als die Schulleitungen. Es soll nicht selten vorkommen, dass eine Schulleitung eine Quarantäne verhängt und das Gesundheitsamt sie dann aufhebt. Wären strenge Quarantäne-Regeln nicht sinnvoller - auch um die Schulen länger offenhalten zu können?

Ja, das ist bedauerlich. Und es ist sogar noch verworrener. Ob ein Gesundheitsamt zuständig ist, hängt nicht von der Lage der Schule ab, sondern vom Wohnort der Kinder. Es kommt also vor, dass Schulleitungen mit unterschiedlichen Gesundheitsämtern zu tun haben, die unterschiedlich auf einen Corona-Fall in einer Schule reagieren. Außerdem sind die Gespräche zwischen Gesundheitsämtern und Bildungsministerien in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich verlaufen. Das hat zur Folge, dass in manchen Schulen die ganze Klasse in die Isolierung geschickt wird, wenn ein Kind positiv getestet wurde - und in anderen nur der Sitznachbar oder die Sitznachbarin. Das ist ungeheuerlich.

Wofür würden Sie plädieren?

Wenn ein Kind positiv getestet wurde, sollte die ganze Klasse in Quarantäne geschickt werden, eigentlich die ganze Kohorte, also in der Kursstufe der gesamte Jahrgang, weil der Unterricht dort in unterschiedlichen, wechselnden Gruppen stattfindet. Durch eine gute Teststrategie könnten sie dann bald in die Schule zurück.

Die Politik hat sehr einmütig das Ziel verkündet, Schulen so lange wie irgend möglich nicht zu schließen.

Das ist grundsätzlich auch völlig richtig. Aber um dieses Ziel zu erreichen, kann man nicht weitermachen wie bisher. Wenn wir Wechselunterricht und strengere Quarantäne-Regeln vorschlagen, dann geht es uns ja nicht darum, dass weniger Unterricht stattfinden soll, sondern im Gegenteil: Wir fürchten, dass uns ohne solche Maßnahmen ein zweiter Lockdown wie in Österreich bevorsteht und die Schulen dann wieder komplett geschlossen werden. Das wollen wir verhindern.

Wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht überhaupt, dass die Gesundheitsämter der Kommunen über die Quarantäne von Schulklassen beziehungsweise Schülerinnen und Schülern entscheiden?

Man muss Regeln aufstellen, die bundesweit gelten, und sich möglichst einheitlich danach verhalten. In dieser Situation ist es doch unerlässlich, die Menschen mitzunehmen. Nur wenn alle mitziehen, werden wir es schaffen, die Pandemie zu bewältigen. Das ist eine gemeinsame Solidaritätsaufgabe der Gesellschaft.

Haben Sie Zahlen, wie viele Lehrkräfte gerade in Quarantäne sind?

Nein, wir haben keine Zahlen. Wir wollen, dass die Kultusministerien transparent mit diesen Zahlen umgehen und sie veröffentlichen. Nur dann werden Maßnahmen auch verstanden.

Die Kultusministerien geben diese Zahlen nicht raus?

Zunächst haben sie nicht informiert. Sie wollen allerdings für ein entsprechendes Register sorgen, haben sie uns im Gespräch Anfang November gesagt. Am Wochenende hat die KMK nun veröffentlicht, dass rund 200.000 Schüler in Quarantäne und über 3000 Lehrkräfte infiziert sind.

Wie ist es mit den Regeln zum Tragen von Mund-Nase-Masken? In vielen Bundesländern gibt es an Grundschulen keine Maskenpflicht. Wenn Schulen sie dann doch einführen, müssen sie Konflikte austragen, die es so vielleicht nicht gäbe, wenn klare Regeln herrschten.

Es kostet viel Kraft, die Hygienemaßnahmen umzusetzen. Das wird nicht leichter, wenn die Maskenpflicht so unterschiedlich definiert ist. Ich habe von vielen Grundschullehrkräften gehört, dass die Schülerinnen und Schüler zeitweise damit zurechtkommen könnten. Aber wir brauchten dann natürlich die Möglichkeit, in der Pause die Maske abzusetzen - die Pause also mit Abstand und ohne Maske zu verbringen, um auch mal Luft holen zu können. Also: Maskenpflicht in der Klasse und auf dem Flur, aber nicht auf dem Schulhof.

Mit Marlis Tepe sprach Hubertus Volmer

Quelle: ntv.de