Politik

Orbans marodes Gesundheitssystem"Wir verlieren jedes Jahr 17.000 Menschen durch vermeidbare Todesfälle"

01.04.2026, 18:34 Uhr
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"Selbst wenn Krebs bereits diagnostiziert ist, sterben viele Patienten, weil die Behandlung zu spät beginnt", sagt Álmos. (Foto: picture alliance/dpa)

Das öffentliche Gesundheitswesen in Ungarn ist kaputtgespart. Premier Orban schustert staatliche Gelder lieber seinen Vertrauten zu. Das hat tragische Folgen: Tausende sterben, weil sie nicht angemessen behandelt würden, sagt der Präsident der ungarischen Ärztekammer.

ntv.de: Ministerpräsident Viktor Orban könnte am 12. April die Wahl in Ungarn verlieren, weil die Auswirkungen von Korruption und Oligarchie im Alltag nicht mehr zu übersehen sind. Wo sehen Sie die Folgen im Gesundheitswesen am deutlichsten?

Peter Álmos: Das größte Problem im ungarischen Gesundheitswesen ist die enorme Unterfinanzierung. Die staatlichen Gesundheitsausgaben sind nur halb so hoch wie der europäische Durchschnitt. Dadurch müssen die Patienten mehr aus eigener Tasche zahlen. Das führt zu einer Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten ärmerer und reicherer Menschen, die mehr Geld haben, um eine private Behandlung zu bezahlen. Der private Sektor wächst im ungarischen Gesundheitswesen seit fünf Jahren enorm. Er ist allerdings im Unterschied zu Deutschland vollkommen getrennt vom öffentlichen Sektor.

Kann man den Geldmangel im öffentlichen Gesundheitswesen direkt auf die Korruption Orbans und seiner Vertrauten zurückführen?

Die Unterfinanzierung reicht zurück bis weit in die 90er Jahre. Es war ein Problem in den meisten postsozialistischen Ländern. Regierungen konnten lange vermeiden, mehr Geld für das Gesundheitswesen auszugeben, weil im Vergleich zu anderen Wohlfahrtsstaaten ein korruptionsähnliches System ungewöhnlich lange fortbestand: Patienten zahlten Ärzten im öffentlichen Gesundheitssystem zusätzliches Geld, um sich mehr Behandlungen und die notwendige Versorgung zu erkaufen. Infolgedessen floss in den vergangenen zehn Jahren ein großer Teil der fehlenden Mittel in die übrige Volkswirtschaft - vor allem in die Bauwirtschaft -, während die Gesundheitsausgaben bei rund 4 Prozent des BIP verharrten.

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Péter Álmos ist Präsident der Ungarischen Ärztekammer (Magyar Orvosi Kamara, MOK) und Vizepräsident des European Standing Committee of Doctors (CPME). Álmos arbeitet als außerordentlicher Professor an der Psychiatrischen Klinik der Universität Szeged. (Foto: Peter Álmos)

Gibt es auch innerhalb des Gesundheitswesens Oligarchen?

Personen, die man als Oligarchen bezeichnen könnte, sind vor allem im privaten Gesundheitssektor aufgetaucht, denn dort hat das wesentliche Wachstum stattgefunden. Neben ihnen gibt es internationale Unternehmen und unternehmerisch tätige Ärzte. Es handelt sich um ein rasant expandierendes Feld, das mancherorts an eine "Wilder Westen"-Situation erinnert. Erst in den letzten Wochen verkündete der Eigentümer eines Unternehmens - der enge Verbindungen zur Regierung hat - stolz, dass sich sein Umsatz in den vergangenen fünf Jahren verzehnfacht habe.

Können Sie ein Kostenbeispiel für eine Operation im privaten Sektor nennen?

Eine Hüftprothese kostet etwa 3 bis 4 Millionen Forint, je nach Qualität des Implantats, das sind umgerechnet etwa 10.000 Euro. Das Durchschnittseinkommen in Ungarn beträgt 2000 Euro brutto. Für die meisten Menschen ist ein solcher Eingriff also extrem kostspielig. Sie müssen dafür einen Kredit aufnehmen oder Familienmitglieder bitten, zusammenzulegen.

Und wer das Geld nicht hat, bekommt keine angemessene Behandlung?

Ein persönliches Beispiel: Die Bänder in meiner Hand sind gerissen, deshalb bräuchte ich ein MRT. Das bekomme ich erst im September. Danach kann der behandelnde Arzt entscheiden, ob ich operiert werden muss. Einen Operationstermin bekomme ich dann wahrscheinlich nächstes Jahr. Und ich leide keine nennenswerten Schmerzen. Es ist nur unangenehm. Aber diejenigen, die eine Arthrose in der Hüfte haben oder mit einem Leistenbruch leben müssen, haben ständig Schmerzen.

Gibt es weitere Beispiele für lange Wartezeiten?

Lange dauert auch der Prozess einer Katarakt-Operation wegen Grauen Stars. Bis ein Hausarzt alle Untersuchungen an Ihnen durchgeführt und Sie an einen Augenarzt überwiesen hat, dauert es neun Monate. In diesen neun Monaten ist Ihr Sehvermögen beeinträchtigt. Vielleicht können Sie nicht Auto fahren und Ihrer Arbeit nicht richtig nachgehen. Viele Menschen müssen selbst bei ernsten Erkrankungen wie Krebs monatelang warten, bis sie einen Termin für Untersuchungen und eine endgültige Behandlung bekommen.

Sterben Menschen in Ungarn, weil sie keine angemessene Behandlung bekommen?

Wir verlieren jedes Jahr rund 17.000 Menschen durch eigentlich vermeidbare Todesfälle - das ist etwa doppelt so viel, wie dem europäischen Durchschnitt entsprechen würde. Diese Zahl geht auf Statistiken zur Qualität der Gesundheitsversorgung zurück und zeigt, wie viele Menschenleben unserem System verloren gehen. Ein zentrales Problem ist die Krebssterblichkeit. Selbst wenn Krebs bereits diagnostiziert ist, sterben viele Patienten, weil die Behandlung zu spät beginnt. Das hängt auch damit zusammen, dass die Prüf- und Genehmigungsverfahren zu lange dauern. Und die staatliche Krankenversicherung übernimmt nur die Kosten für wenige neue Krebsmedikamente.

Welche Folgen hat das konkret?

In Deutschland stehen beispielsweise 32 verschiedene neue Krebs-Medikamente zur Verfügung, in Ungarn lediglich 4. Vor Kurzem wurde ein neues Gesetz verabschiedet, das die Aufnahme neuer Medikamente in den Leistungskatalog der staatlichen Versicherung regeln soll. In den vergangenen fünf Jahren war dies extrem schwierig. Ärzte mussten für jeden einzelnen Patienten eine Sondergenehmigung beantragen - ein enormer bürokratischer Aufwand, der die Behandlung zusätzlich ausgebremst hat.

Wie viel verdienen Ärzte, die im staatlichen Sektor arbeiten?

Die letzte nennenswerte Gehaltserhöhung gab es während der Covid-Pandemie. 2020 lagen die Gehälter im Schnitt bei etwa 1400 Euro für Fachärzte. Man musste etwas tun. Ohne diese Erhöhung wüsste ich nicht, wer während der Covid-Pandemie noch im staatlichen Sektor gearbeitet hätte. Durch eine Inflation von rund 40 Prozent hat diese Gehaltserhöhung inzwischen allerdings einen großen Teil ihres Wertes verloren. In den vergangenen vier Jahren aber hat es nur kleine Erhöhungen gegeben.

Wie hoch ist das Gehalt jetzt?

Ein Assistenzarzt verdient zu Beginn seiner Karriere etwa 1500 bis 1600 Euro brutto im Monat - das liegt unter dem Durchschnittseinkommen in Ungarn. Der Stundenlohn für eine Nachtschicht als Facharzt im öffentlichen Sektor liegt bei 15 Euro. Gleichzeitig verbreitet die Regierung die Lüge, Ärzte würden im Durchschnitt rund 7000 Euro im Monat verdienen - das stimmt nicht. Nur ein kleiner Teil der Kollegen kommt auf solche Summen und auch nur durch extrem viele Überstunden und Nachtdienste.

Warum verbreitet die Regierung solche Lügen?

Sie präsentiert damit einen Sündenbock für die Probleme im Gesundheitswesen: die angeblich überbezahlten Ärzte. Im ganzen Land hängen Plakate, auf denen die Regierung Behauptungen über hohe Arztgehälter aufstellt. Laut einer Umfrage haben 80 Prozent der Ärzte das Gefühl, es laufe eine regelrechte Anti-Ärzte-Kampagne der Regierung und in regierungsnahen Medien. Das kann ich gut nachvollziehen.

Was gibt es noch außer den Plakaten?

Staatlich finanzierte Medien schalten bezahlte Anzeigen auf Facebook - mit KI-generierten Bildern, auf denen Ärzte in Handschellen zu sehen sind. Ärzte sollen so als Kriminelle dargestellt werden. Eine dieser Kampagnen bezog sich auf geschlechtsangleichende Operationen, ein Lieblingsthema der Regierung. Aber die Botschaft richtete sich ganz allgemein gegen die Ärzteschaft. Mit öffentlichen Geldern wurden so Anti-Ärzte-Botschaften verbreitet.

Wie wirkt sich all das auf die Ärzte aus?

Der Hauptgrund, warum Ärzte im privaten Sektor nicht mehr im öffentlichen Sektor arbeiten wollen, ist das fehlende Vertrauen in die Zukunft des öffentlichen Sektors. In den meisten Teilen Europas ist der öffentliche Sektor ein solider Arbeitsplatz, weil man sich darauf verlassen kann. In Ungarn ist es genau umgekehrt. Ärzte denken, es gebe keine Zukunft für das Gesundheitswesen im öffentlichen Sektor. Denn es gibt keinerlei klare Botschaft der Regierung dazu, wie sie sich die Zukunft der Krankenhäuser und der Versorgung insgesamt vorstellt. Und die Regierung ist dafür verantwortlich, dass die Arbeitsbedingungen insgesamt schlecht sind. Jeder fünfte Arzt verlässt Ungarn deshalb direkt nach dem Medizinstudium.

Mit Peter Álmos sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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