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Historischer Besuch in Emiraten Papst fordert "Entmilitarisierung der Herzen"

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Ein Zeichen der Toleranz: Scheich Ahmed al-Tajjib (l-r), Großimam der Al-Azhar-Universität in Kairo, Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum, Emir von Dubai und Premierminister der VAE, und Papst Franziskus.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwischen Weihrauch, Wolkenkratzern und Palästen setzt Papst Franziskus in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Zeichen gegen Krieg und Gewalt. Und plädiert für mehr Austausch zwischen den Religionen. Doch auch leichte Kritik am Gastgeber lässt sich der Pontifex nicht nehmen.

Dem pompösen Empfang beim ersten Besuch eines Papstes auf der Arabischen Halbinsel setzte Franziskus eine Fahrt in einem Kleinwagen entgegen. Langsam rollte der Pontifex - begleitet von Pferden, Fliegerstaffel und Salutschüssen - vor dem beeindruckenden Präsidentenpalast in Abu Dhabi vor. Weißer Marmor, goldene Kronleuchter, dicke Teppiche - im Reich der Scheichs in den Vereinigten Arabischen Emiraten zählt der Prunk, das Bild, das große Kino.

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Die prächtige Scheich Zayid Moschee in Abu Dhabi.

(Foto: picture alliance/dpa)

Genau das Gegenteil dessen also, was Franziskus immer predigt: Bescheidenheit, Demut und Abrüstung. Daher ließ es sich der Pontifex nicht nehmen, auf einer interreligiösen Konferenz eine Rede zu halten, die auf die Konflikte und Ungleichheiten in der ganzen Region gemünzt war.

Es sei nun höchste Zeit, dass alle Religionen "einen aktiven Beitrag zur Entmilitarisierung des menschlichen Herzens" leisten. In einer Zeit, in der sich Christen und Muslime oft unversöhnlich gegenüberstehen, ein notwendiger Appell. "Entweder wir bauen die Zukunft gemeinsam oder es gibt keine Zukunft", so der Papst vor Muslimen, Juden, Katholiken und anderen Religionsvertretern. Zugleich verdammte er "das Wettrüsten, die Ausweitung der eigenen Einflussbereiche und eine aggressive Politik zum Nachteil anderer".

Appell auch an Nachbarländer

Die Worte mögen in den Ohren seines Gastgebers nicht unbedingt wie Musik geklungen haben. Der einflussreiche Kronprinz Mohammed bin Said Al Nahjan ist umstritten. Er hatte den Papst in die Emirate eingeladen, ein islamisches Land, in dem Christen aber ihre Religion praktizieren dürfen. Er nutzte die Veranstaltung, um sein Land als "Leuchtturm der Toleranz, Zurückhaltung und des friedlichen Zusammenlebens" zu präsentieren.

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Franziskus spricht vor Muslimen, Juden, Katholiken und anderen Religionsvertretern.

(Foto: AP)

Franziskus lag einiges daran, dass der Besuch auch in den Nachbarländern wahrgenommen wird. Zwei Mal sprach er in seiner Rede auch "alle Länder dieser Halbinsel an", also auch Saudi-Arabien, wo noch nicht mal Kirchen gebaut werden dürfen. Auch den Krieg im Jemen nannte er explizit. Dort sind die Emirate mit Saudi-Arabien Teil einer Militärallianz, bei deren Luftangriffen dort immer wieder viele Zivilisten sterben.

Die Plattform war eine interreligiöse Konferenz, bei der auch hochrangige Islamgelehrte und jüdische Rabbiner dabei waren. Alleine das - und die Tatsache, dass der Pontifex überhaupt hier ist - ist schon "historisch", wie dieser Besuch ein ums andere Mal bezeichnet wurde. Am Dienstag soll die größte Messe stattfinden, die jemals auf der arabischen Halbinsel gehalten wurde.

Dialog zwischen Christen und Muslimen

Gemeinsam mit dem Großscheich der in der islamischen Welt einflussreichen Al-Azhar-Universität von Kairo unterschrieb Franziskus ein "Dokument über menschliche Brüderlichkeit". Gemeinsam wollen und sollen Christen und Muslime in aller Welt für einen Dialog der Kulturen und ein gegenseitiges Verständnis eintreten, heißt es. "Umarmt weiterhin überall eure christlichen Brüder, als seien sie eure Partner", sagte Großimam Ahmed al-Tajib im Rahmen der Konferenz. Er rief auch Muslime im Westen dazu auf, sich positiv in die Gesellschaften zu integrieren. "Alle, die in ihrem Herzen an Gott und Menschlichkeit glauben", sollten sich gemeinsam gegen Extremismus und für Toleranz und Brüderlichkeit einsetzen.

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Sie demonstrieren Einigkeit: Papst Franziskus (l) und Scheich Ahmed al-Tajjib.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch Abu Dhabis Kronprinz Mohammed saß in der ersten Reihe, als die beiden Geistlichen ihren scharfen Appell an die Welt richteten. Er gilt als aggressiver Strippenzieher in der Region. "Er will mit der Beduinen-Saga seines Vaters brechen, die er als anachronistisch betrachtet in einem der am meisten verstädterten Länder der Welt", analysiert der ehemalige französische Diplomat Michel Duclos für das Institut Montaigne. Obwohl "nur" Kronprinz, halte er die Fäden im Land in der Hand.

Der an der Militärakademie Sandhurst ausgebildete Mohammed habe eine schlagkräftige Armee aufgebaut, mit der er eine aggressive Außenpolitik betreibe und auch in regionaler Konkurrenz zum bislang übermächtigen Nachbarn Saudi-Arabien stehe. Darin zeige sich Mohammeds "Verlangen, gefürchtet zu werden, um respektiert zu werden". Eine französische NGO hatte beim Besuch des Kronprinzen in Frankreich vor drei Monaten offiziell Klage eingereicht: wegen Kriegsverbrechen im Jemen, Beteiligung an Folter und unmenschlichem Verhalten.

"Delikate Dinge"

Die untergehende Sonne hinter dem imposanten Denkmal der Gründungsväter von Abu Dhabi, davor der kleine Papst, Weihrauchduft in der Luft und eine Umarmung der drei Hauptprotagonisten des Besuchs: Die Bilder übertünchten bei dem Besuch die sozialen Probleme in dem reichen Öl-Staat. Auch wenn der Papst deutlich sagte, dass "niemand der Herr oder Sklave anderer sein kann".

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Aufgrund des rasanten Wachstums seit 1980 zählt Abu Dhabi zu den modernsten Städten weltweit. So sah die heutige Metropole noch 1969 aus.

(Foto: AP)

Städte wie Abu Dhabi oder Dubai wurden aus dem Wüstensand in die Höhe gezogen, Stararchitekten bauten glanzvolle Meisterwerke. Millionen Migranten kommen aus Asien, um hier zu arbeiten und Geld zu verdienen. Die katholische Kirche hier ist eine Migrantenkirche. Über die Kluft zwischen Superreichen und den Arbeitsmigranten ist auch der Papst im Bilde, nur eine wahre Begegnung mit ihnen stand nicht auf dem Programm.

"Ich würde gewisse Ecken kennen, wo ich ihn hinführen würde", sagte der Apostolische Vikar für das Südliche Arabien, Bischof Paul Hinder, dem Nachrichtenportal Vaticannews. Aber das seien "delikate Dinge", über die man nicht spreche. Die Schattenseiten würden "in diesem Teil der Welt zumindest künstlich besonnt".

Quelle: n-tv.de, Annette Reuther und Simon Kremer, dpa

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