Politik

TV-Duell der Vize-Kandidaten Pence zeigt Trump, wie man debattiert

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Links der Demokrat Kaine, rechts der Republikaner Pence.

(Foto: REUTERS)

Als US-Vizepräsident ist man nur einen tragischen Vorfall davon entfernt, selbst Präsident zu werden. Zugleich ist man nicht mehr als ein besserer Cheerleader. Der Republikaner Pence ist diesen Anforderungen im TV-Duell gerecht geworden.

Ein Feuerwerk der persönlichen Attacken war die erste und einzige Debatte der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten im US-Wahlkampf nicht. Chaotisch verlief sie trotzdem. Vor allem der Demokrat Tim Kaine fiel seinem Mitbewerber Mike Pence andauernd ins Wort. Der machte, was seine Aufgabe ist: Die Eskapaden des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu verteidigen.

Zugleich stellte Pence, Gouverneur in Indiana, ein ums andere Mal die charakterliche Eignung der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton infrage. Kaine dagegen, Senator aus Virginia, gab sich Mühe, Clintons größtes Manko, ihre mangelnde Glaubwürdigkeit, mit Hilfe von konkreten Beispielen aus ihrem politischen Leben zu widerlegen.

Wer am Ende die etwas mehr als 90-minütige Debatte gewonnen hat, ist schwer zu sagen. Kaine war der bissigere, der sich keine Chance entgehen ließ, um auf Trumps Umgang mit Frauen oder seine noch immer nicht veröffentlichte Steuererklärung hinzuweisen. Allerdings war seine konfrontative und fast schon aufmüpfige Art gewöhnungsbedürftig.

Ganz anders Pence, der ruhig und entspannt wirkte und versuchte, konstruktiv mit den diversen Anschuldigungen gegen Trump und gegen ihn selbst umzugehen. Als Kaine eine lange Liste von Beleidigungen vortrug, die Trump im Wahlkampf ausgestoßen hatte, antwortete Pence im Konjunktiv: Wenn Trump all das gesagt haben sollte, wären es immer noch weniger Beleidigungen gewesen als Clintons Satz, die Hälfte von Trumps Anhängern sei erbärmlich.

Sogar das Clinton-Lager war beeindruckt

Die Position des Vizepräsidenten ist ein ganz spezielles Amt. Zwar ist man nur einen tragischen Vorfall davon entfernt, die mächtigste Position in der Welt zu übernehmen. Zugleich ist man aber auch nur ein besserer Cheerleader. Das gilt vor allem im Wahlkampf. "Hillary Clinton hat eine Leidenschaft, andere Menschen zu stärken, insbesondere Frauen und Kinder", sagte Kaine. "Donald Trump denkt immer nur an sich. Der Gedanke, Donald Trump als Präsident zu sehen, erschreckt mich zu Tode."

Der demokratische Kandidat versuchte, Trumps private und geschäftliche Beziehungen als disqualifizierend für das Präsidentenamt darzustellen. Er verwies dabei auch auf Kommentare des Republikaners über den Einsatz von Atomwaffen und die Abschaffung der Nato. Clinton und ihr Team wird es gefreut haben.

Pence hielt sich ebenfalls weitestgehend an das vorgegebene Skript für den Abend. "Die USA sind heutzutage weniger sicherer als vor Obamas Amtsantritt", sagte er. Im Mittleren Osten sei jegliche Stabilität zusammengebrochen, die Terrormiliz Islamischer Staat habe sich zu einer ernsthaften Gefahr für die USA und deren Verbündeten im Rest der Welt entwickelt – alles unter der Führung der damaligen Außenministerin Clinton.

Insgesamt brachte die Debatte nicht viel Neues an den Tag. Kaine bewies, dass er doch nicht so langweilig ist, wie er selbst noch vor seiner offiziellen Nominierung zum Vizepräsidentschaftskandidaten behauptet hatte. Und Pence blieb seiner Linie treu und wies Anfeindungen aus dem demokratischen Lager mit Stil zurück. Offensichtlich beeindruckte er damit sogar Hillary Clinton: Sie verbreitete bei Twitter einen Tweet ihrer Pressesprecherin, die schrieb, Trump habe an diesem Abend bereits seine zweite Debatte verloren: "Sowohl Mike Pence als auch Tim Kaine traten gegen Trump an." In der "Washington Post" hieß es, Pence habe für seinen "mitfühlenden Konservatismus" geworben, mit dem er in vier oder acht Jahren möglicherweise selbst als Präsidentschaftskandidat antreten werde.

Tatsächlich machte Pence vor, wie man mit kritischen Bemerkungen umgeht, ohne dabei sein Temperament zu verlieren. Trump wäre gut beraten, den Auftritt seines Vizekandidaten für die am Sonntag stattfindende zweite Präsidentschaftsdebatte zu studieren.

Quelle: ntv.de