Politik

AKW-Beschuss als Kriegstaktik Saporischschja? Kernschmelze ist unwahrscheinlich

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Sechs Reaktorblöcke machen das Atomkraftwerk Saporischschja zum größten Europas.

(Foto: IMAGO/SNA)

Die Sorge vor einer Nuklearkatastrophe in der Ukraine ist groß, seit das Atomkraftwerk in Saporischschja beschossen wird. Militärexperte Carlo Masala spricht von "einer der gefährlichsten Situationen im bisherigen Kriegsverlauf". Eine Kernschmelze ist aber trotzdem unwahrscheinlich.

Ein Atomkraftwerk, das im Krieg beschossen wird, ist so ziemlich das Letzte, was die Ukraine gebrauchen kann. Immerhin hat das AKW in Saporischschja unweit der Front im Süden des Landes die Gefechte bislang gut überstanden. Strahlung tritt keine aus, gibt das Bundesamt für Strahlenschutz per Ferndiagnose vorsichtig Entwarnung. Die gemessenen Strahlenwerte seien im "normalen Bereich".

Das größte Atomkraftwerk Europas ist schon seit Anfang März in russischen Händen. Die Kreml-Truppen hatten das Kernkraftwerk kurz nach Kriegsbeginn unter ihre Kontrolle gebracht. Seitdem wird es zwar von ukrainischem Personal betrieben, aber unter strenger Kontrolle der russischen Besatzer und Nukleartechniker von Rosatom, dem staatlichen russischen Atomenergieunternehmen. 500 russische Soldaten halten sich laut der ukrainischen Betreiberfirma Energoatom derzeit im und um das Kraftwerk auf.

Die russische Armee nutzt das AKW de facto als Militärstützpunkt. Die Russen haben Artillerie auf dem Gelände stationiert und greifen von hier aus ukrainische Gebiete an. Das hatte das "Wall Street Journal" Anfang Juli herausgefunden. Das Militär nutzt das Kernkraftwerk als Schutzschild für ihre Waffen. Zwischen den Reaktortürmen stehen Panzer und ein Mehrfachraketenwerfer, berichtet die US-Zeitung. Seit Monaten feuern die Russen von hier aus auf die Großstadt Nikopol und andere Stellungen der Ukrainer auf der gegenüberliegenden Seite des Dnipro-Flusses.

"Neue Dimension des Krieges"

Im Fokus des Kriegsgeschehens ist das Kernkraftwerk aber erst, seitdem Raketen auf dem Gelände einschlagen. Ende voriger Woche kommt es zum ersten Zwischenfall: Durch den Raketentreffer bricht ein Feuer auf dem Gelände aus, eine Hochspannungsleitung wird beschädigt. Daraufhin nimmt der ukrainische Betreiber Energoatom einen Reaktor vom Netz. Einen Tag später folgt der nächste Beschuss. Ein Arbeiter wird verletzt. Auch in dieser Woche sollen Raketen auf dem Gelände eingeschlagen sein.

Russland wirft der Ukraine vor, das Atomkraftwerk attackiert zu haben. Die Ukraine sagt, Russland war es. Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von einem "Akt des Terrors". Die Welt solle sich an die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 erinnern. "Dort ist ein Reaktor explodiert. Das größte Kernkraftwerk Europas hat sechs Reaktorblöcke", mahnt Selenskyj in einer Videobotschaft.

Auch Militärexperte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität München warnt vor einer "neuen Dimension des Krieges". Im Stern-Podcast "Ukraine - die Lage" spricht er von "einer der gefährlichsten Situationen im bisherigen Kriegsverlauf". Werde das Atomkraftwerk in Saporischschja ernsthaft beschädigt, sei "ein zweites Tschernobyl nicht auszuschließen", so Masala. "Das ist eine extrem gefährliche Situation."

Damit die russischen Truppen vom Atomkraftwerk aus weiter ungestört Raketen abfeuern können, haben sie das Gelände um das Kraftwerk herum vermint, berichtet das russische Exil-Medium "The Insider". Laut ukrainischer Medien und Behörden haben die russischen Besatzer das Kraftwerk selbst mit Sprengstoff verdrahtet. "Das ist ein Teil der Drohung mit Nuklearem, die wir durch den gesamten Kriegsverlauf kennen. Unabhängig davon, ob dieser Bericht stimmt oder nicht, und unabhängig davon, ob die Ukrainer oder die Russen das AKW beschießen, ist die Tatsache, dass Kämpfe in der Nähe eines Atomkraftwerks stattfinden, hochgefährlich", bewertet Experte Masala.

Eine größere Drohkulisse kann Russland gar nicht aufbauen. Nach dem Motto: Wenn die Ukraine versucht, uns aus dem Kernkraftwerk zu vertreiben, jagen wir das ganze Gelände in Luft. Das wäre ein GAU mit Vorsatz.

Anschluss ans russische Stromnetz geplant

In erster Linie will Russland die Anlage aber wohl zur Stromversorgung der annektierten Krim nutzen. Die ukrainischen Behörden sehen Anzeichen dafür, dass Moskau das AKW vom ukrainischen Stromnetz abkoppeln und an das russische Stromnetz anschließen will, um Strom für die Halbinsel südlich von Saporischschja zu produzieren.

Damit das klappt, müsse das AKW aber zunächst komplett von der Energieversorgung abgeschnitten werden, teilte der Präsident von Energoatom, Petro Kotin, mit. Drei der vier Produktionsleitungen hätten die Russen bereits beschädigt, derzeit laufe das AKW mit nur einer einzigen Leitung. Wird auch die letzte Leitung von den Russen gekappt, hängt das komplette riesige Kernkraftwerk von Diesel-Generatoren ab.

Das sei der gefährlichste Moment. Wenn das Kraftwerk von der Energieversorgung getrennt werde und dann die Generatoren versagen, könnte es zu einer Kernschmelze kommen. "Das halte ich aber immer noch für einen sehr hypothetischen Fall, weil es diverse Sicherheitseinrichtungen gibt, die genau das verhindern sollen", so der Atomexperte Sebastian Stransky von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit im ZDF.

Einzelne Raketen gefährden Reaktor nicht

"Wenn es zu einer Kernschmelze käme und der Reaktordruckbehälter kaputtgehen würde, würde der Kern nach unten in die Reaktorgrube fließen. Dann würde er sich erstmal da unten in den Betonstrukturen verteilen. Es würde zu einem Druckaufbau im Containment kommen. Und dann hängt es davon ab, ob das Containment dem Druck standhalten kann oder nicht", erklärt Stransky. Das Containment ist eine Schutzhülle aus Stahl um den Reaktor, darunter gibt es noch weitere dicke Schutzhüllen aus Stahlbeton. Sie sind so gebaut, dass sie einem Flugzeugabsturz standhalten würden. Heißt auch: Einzelne Raketeneinschläge können dem Reaktor nichts anhaben.

Wird die Schutzhülle aber doch zerstört, zum Beispiel durch andauernde Bombardierungen, könnten zwar theoretisch radioaktive Stoffe freigesetzt werden, sagt Experte Stransky. Aber die Stahlbetonbehälter sind mit Ventilen nachgerüstet worden, die im Notfall Druck herauslassen, damit die Reaktorbehälter nicht kaputtgehen.

Das Kriegsgeschehen rund um Saporischschja bleibt hochgefährlich, kurz vor einem GAU steht das Atomkraftwerk aber nicht. Die in den 1980er Jahren gebauten und inzwischen nachgerüsteten Reaktorblöcke entsprechen laut Stransky "durchaus westeuropäischen Sicherheitsstandards".

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Quelle: ntv.de

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