Politik

Ein Kampf für die falsche Sache Der Vietnamkrieg als nationales Trauma der USA

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Im Vietnamkrieg kämpften von 1955 bis 1975 die USA und die Sowjetunion um ihren Einfluss in Asien. Millionen Menschen starben.

(Foto: IMAGO/NurPhoto)

Der Vietnamkrieg ist eines der größten Fiaskos, das die USA je erlebt haben. Während sich nach 1945 eine neue Weltordnung finden muss, tritt das US-Militär in einen Konflikt ein, den es nicht gewinnen kann. Welche bitteren Nachwirkungen dieser jahrzehntelange Krieg bis heute hat, darum geht es in der neuen Folge "Wir sind Geschichte".

Das heutige Vietnam ist ein sehr junges Land. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht in Südostasien zieht Reisende aus aller Welt an, lockt mit traumhaften Stränden und einer lebhaften Kultur. Der Großteil der Bevölkerung ist nach dem Krieg geboren. Der 30. April 1975 markierte das Ende eines 20-jährigen, blutigen Konflikts, dessen Narben trotz aller positiver Entwicklungen noch heute sichtbar sind - nicht nur in Vietnam, sondern auch in den USA.

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Andreas Etges ist Experte für die Geschichte des Kalten Krieges und US-Außenpolitik.

Man kann den Vietnamkrieg nicht verstehen, ohne ihn in den Kontext des Kalten Kriegs zu stellen. Als im Jahr 1949 die Kommunisten unter Mao in China die Herrschaft übernehmen, befinden sich von heute auf morgen Milliarden Menschen im Lager des Kommunismus: "Eine riesige Niederlage für die damalige Truman-Administration und eine Art Trauma", analysiert Andreas Etges im ntv-Podcast "Wir sind Geschichte". Er ist Historiker am Amerika-Institut der Universität München.

Kurz darauf bricht der Koreakrieg aus, der ähnlich gedeutet wird: "All die Dinge, die auf kommunistischer Seite passieren, sehen die Amerikaner in einer Art großen Verschwörungstheorie. Da geht es immer um die Weltherrschaft. Immer wieder wird der Westen getestet. Und der Westen muss Stärke zeigen."

Amerikanische Soldaten auf Vietnam nicht vorbereitet

Ein damals neues, zentrales Paradigma der US-Außenpolitik, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hatte, führte dann auch zum Einstieg in den Vietnamkrieg. Andreas Etges umschreibt es folgendermaßen: "Die nationale Sicherheit beginnt nicht mehr an den eigenen Landesgrenzen, sondern überall. Man muss den Aggressor dort stoppen, wo er aggressiv wird: in Berlin, in Südostasien oder in Kuba. Die Sicherheit der Amerikaner wird bis heute global verteidigt". Diese Logik - erweitert um die sogenannte Domino-Theorie, die Vietnam zum entscheidenden Spielstein im Tauziehen zwischen Kapitalismus und Kommunismus verklärte - waren die entscheidenden Argumente, die ab 1965 zur Entsendung von US-amerikanischen Soldaten führten.

Doch die GIs waren nicht auf das vorbereitet, was auf sie warten sollte. Man war mit dem Antrieb einer positiven Mission, die sich in der Tradition der Befreiung Europas vom Faschismus sah, nach Vietnam aufgebrochen. Frei nach dem Motto: "Wenn die Amerikaner kommen, dann werden die Probleme sowieso gelöst."

Die zumeist sehr jungen Soldaten, die in der Heimat noch nicht einmal wählen durften, sahen sich einer Art von Krieg ausgesetzt, die sie nicht verstanden. Die dichten Wälder und das unzugängliche Terrain favorisierten die Guerilla-Taktik der lokalen, kommunistischen Nordvietnamesen.

Napalm und Agent Orange eingesetzt

Nach einiger Zeit begann das US-Militär, Fantasiezahlen in die Heimat zu senden, die von einem nur scheinbar erfolgreichen Kriegsverlauf fabulierten. Frust und Desillusionierung setzten ein. Es wurden zunehmend verzweifelte, verabscheuungswürdige Taktiken herangezogen: Brandwaffen wie Napalm, das chemische Entlaubungsmittel Agent Orange, dazu das Töten der Zivilbevölkerung. Als die Nordvietnamesen im Laufe der Tet-Offensive Anfang 1968 bis in die US-amerikanische Botschaft im Süden des Landes vordrangen, war endgültig klar, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.

Eine Frage, die die Sinnlosigkeit dieses Kriegs auf den Punkt bringt und die auch immer wieder in Briefen der GIs in die Heimat auftaucht, lautet: "Warum sind wir eigentlich hier?" Nach und nach sehen auch die Entscheidungsträger in den USA ein, dass es keinen Sinn ergibt, den Krieg fortzusetzen. Aber auch die Friedens- und Studentenbewegungen im Westen tragen dazu bei, dass Richard Nixon Anfang der 1970er Jahre eine "Entamerikanisierung" Vietnams einleitet.

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Die halbherzige Hoffnung war, dass der Süden Vietnams den Kampf gegen die Kommunisten im Norden fortsetzen würde. Eine Fehlkalkulation, die sich auf ähnliche Weise auch im Afghanistan des Jahres 2021 wiederholen sollte.

Und so hinterließ der Vietnamkrieg nicht nur ein gebrandmarktes Land, das sich in den darauffolgenden Jahrzehnten nur langsam von den Gräueln, die es ereilt hatte, erholen sollte. Auch tausende US-Soldaten kamen traumatisiert zurück nach Hause - in ein Land, das sie nicht mehr verstanden und das sie nicht mehr verstand. Sie waren verdammt dazu, die Erinnerungen wieder und wieder zu durchleben.

Wir sind Geschichte - ein ntv Podcast

In "Wir sind Geschichte" steuert Moritz Harms seinen Zeitreisebus in zehn Episoden über die interessantesten Routen, die unser historisches Straßennetz zu bieten hat. Die Olympischen Spiele in Deutschland, Feminismus, politische Attentate, das atomare Wettrüsten und vieles mehr. "Wir sind Geschichte" - der ntv History-Podcast erscheint ab 1. April jeden Freitag in der ntv App und überall, wo es Podcasts gibt: Audio Now, Amazon Music, Apple Podcasts, Google Podcasts und Spotify. Mit dem RSS-Feed auch in anderen Apps.

Quelle: ntv.de, jhe/cam

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