Politik

Historikerin über Kriegsmotive "Putin denkt in Jahrhundert-Dimensionen"

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Putin wurde in einer Zeit sozialisiert, in der das Imperium das Wünschenswerte war, sagt die Historikerin.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die Wiedervereinigung mit der Ukraine gilt als ein Motiv des russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Angriffskrieg. Das habe auch etwas mit einem postimperialistischen Trauma nach dem Zerfall der Sowjetunion zu tun, sagt Juliane Fürst. Die Historikerin ist Leiterin der Abteilung Kommunismus und Gesellschaft am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Im Interview mit ntv.de erklärt sie, warum Putin von der Idee eines Imperiums getrieben ist und warum viele Russen an dieser Idee festhalten.

ntv.de: Der russische Präsident Wladimir Putin will die Zeit zurückdrehen - die Wiedervereinigung mit der Ukraine dürfte eine seiner Motivationen für den Krieg sein. Warum spielt das für Russland, 30 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, überhaupt eine Rolle?

Juliane Fürst: Die Ukrainer sprachen sich 1991 in einem Referendum mit der überwältigenden Mehrheit von 92 Prozent für die Unabhängigkeit aus. Das war im Sinne der Zeit und wurde von Russland unter Boris Jeltsin damals akzeptiert. Aber mental hat sich Russland, weder die Regierung noch die Mehrheit der Russen, wirklich mit dem Gedanken einer wirklich unabhängigen Ukraine angefreundet.

Für die jüngere Generation ist schon eher verständlich und auch akzeptabel, dass es einen russischen und einen ukrainischen Staat gibt. Die Generation Putin kann sich jedoch oft nicht damit abfinden. Gerade die Ukrainer wurden immer als das Brudervolk wahrgenommen, deren Vertreter lediglich einen anderen Namen und einen Dialekt hatten. Dass sich dieses Land, in dem man ohne Probleme Russisch sprechen konnte und kann und dessen Traditionen und Folklore so sehr der eigenen ähnelt, sich nun immer weiter gen Westen wendet und sich damit - so wird das in den russischen Medien dargestellt - immer mehr gegen Russland orientiert, ist für viele ein Grund, den Verleumdungen der Ukraine als ein faschistischer Juntastaat, der die russisch-sprachige Bevölkerung terrorisiert, zu glauben. Man kann es ein postimperialistisches Trauma der ehemaligen dominanten Macht nennen.

Wie konnte aus diesem Trauma ein Krieg werden?

Was wir jetzt sehen, ist die verspätete Reaktion auf dieses Trauma. Imperien zerfallen fast nie friedlich. Im Fall der Sowjetunion ist ein multinationales, multiethnisches Imperium überraschend gewaltfrei zerfallen. Russland hat 1991 den Zerfall der Sowjetunion akzeptiert und politisch mitgetragen. Über die Jahre hinweg ist man aber zu dem Schluss gekommen, dass dies historisch falsch war. Das ist der Punkt, an dem Putin mental angekommen ist. Er muss einen großen, historischen Fehler korrigieren. Er verfolgt nun fanatisch den historischen Auftrag, die Großrussen, die Weißrussen und die Kleinrussen, also die Ukrainer, wieder zusammenzuführen. Auch um den Preis eines Krieges.

Warum hält Putin so stark an dieser Idee fest?

Putin ist in einer Welt sozialisiert worden, in der Macht und Größe als etwas rein Positives bewertet wurden. Er spricht nie von kleineren Staaten. In seinen Ansprachen ist von Russland, China, den Anglosachsen, also den USA und Großbritannien, und manchmal noch von Deutschland die Rede, aber alles andere zählt für ihn nicht. Er denkt nur in diesen riesigen Sphären. Putin denkt, er ist der Retter des panrussischen Volkes. Nichtsdestotrotz hat der Angriff auf die Ukraine auch einen sehr persönlichen Moment.

Inwiefern?

Er ist jemand, der an die absolute Macht gewöhnt ist. Nun gibt es dieses kleine Land, das Brudervolk, das sich widersetzt. Man kann ihm förmlich ansehen, dass die Orangene Revolution in der Ukraine 2004 und die Ereignisse auf dem Maidan 2014 ein Schlag ins Gesicht von ihm persönlich waren. Putin hasst Niederlagen. Und sein Kandidat Viktor Janukowitsch musste zweimal dem Willen ukrainischer Rebellen weichen. Außerdem ist er ein sehr eitler Mensch - vor allem, was seine Umfragewerte angeht. Dieser Krieg ist sicher auch ein Versuch, den Enthusiasmus, der Russland nach der Krim-Annexion beseelte, wiederherzustellen. Putin ist sehr bedacht darauf, die absolute Hingabe seines Volkes zu erfahren.

Ihm muss doch klar sein, dass er keinen Zuspruch der Ukrainer bekommt, sollte Russland das Land tatsächlich einnehmen.

Ihm ist klar, dass es für die nächsten Generationen keinen Frieden zwischen den Ukrainern und den Russen geben wird. Allerdings denkt Putin mittlerweile in Jahrhundert-Dimensionen. Er will irgendwann, in hundert, zweihundert Jahren, als Wiedervereiniger des russischen Volkes dastehen.

Warum hat er die Ukraine gerade jetzt angegriffen, wenn der Wunsch schon lange in ihm reift?

Das hängt natürlich auch mit der weltpolitischen Lage zusammen. Solange Trump an der Macht war, hat Putin vielleicht gedacht, dass man sich auf dem Parkett der Macht einigen kann, indem man die Welt in Einflusssphären aufteilt. Denn auch Trump denkt in diesen ganz großen Einheiten. Auch für ihn zählt das Individuum nicht. Vielleicht war die Einsicht, dass Trump nicht mehr an die Macht kommt, ein Faktor, vielleicht auch der Regierungswechsel in Deutschland. Allerdings ist dieser Krieg von langer Hand geplant worden - man muss innen- und außenpolitische Ereignisse in einem Zusammenhang sehen. Die Vergiftung Nawalnys als Ausschaltung einer organisierten inner-russischen Opposition, die als Einzige schnell und in großem Stile mobilisieren konnte, war ein erster Schritt. Außerdem schreibt Putin selber in mehreren Texten, dass man schnell handeln müsse, um den Verfall des russischen Volkes zu verhindern. Aber die jüngere Generation kann er für die panrussische Idee nicht mehr wirklich begeistern, und bei der Ukraine hat er sich ohnehin verrechnet.

Inwiefern verrechnet?

Er hat missverstanden, wie sehr der ukrainische Staat es in den letzten 30 Jahren es geschafft hat, eine ukrainische Loyalität und eine zivile Identität aufzubauen. Er nahm an, dass man noch auf alte Gefühle der Sowjetnostalgie aufbauen könne. Oder auf die Unterstützung des Teiles der Bevölkerung, der Russisch als Muttersprache spricht. Das hat sich als falsch erwiesen. Das hat bestimmt auch etwas damit zu tun, dass er sich immer weiter isoliert. Er ist nicht mehr zugänglich für Außenberatung - das löst auch eine gewisse Weltfremdheit aus.

Wenn Putin tatsächlich für keine Beratung zugänglich ist: Wer oder was ist dann in der Lage, diesen Krieg zu beenden?

Ich bin leider der Meinung, dass man Putin selbst nicht mehr stoppen kann - sowohl wegen seiner ideologischen Überzeugung als auch wegen seines Charakters. In meiner gesamten Zeit als Wissenschaftlerin, die mit und über Russland arbeitete, konnte ich noch nie beobachten, dass Putin einen Schritt zurückging oder eine Forderung abmilderte. Das wäre allerdings nötig, denn seine derzeitige Bedingungen, NATO-Truppen aus dem gesamten osteuropäischen Raum abzuziehen, ist nicht zu erfüllen. Jetzt noch weniger als vor einer Woche. Deswegen ist ein Ende des Konflikts nur mit einem Ende von Putins Herrschaft zu erreichen. Eine solche Veränderung muss allerdings aus Russland kommen.

Es könnte also etwas bewirken, wenn sich die Russen gegen Putin stellen?

Putins Stand ist derzeit nicht der Beste. Wenn ein Generalstreik ausgerufen werden würde und die Menschen mehrheitlich auf die Straßen gingen, wie in Perestroika-Zeiten, dann könnte das das Regime erschüttern. Wir dürfen uns das allerdings nicht so leicht vorstellen. Das Risiko, offen zu demonstrieren, ist höher als es jemals war. Es reicht derzeit aus, die aktuellen Ereignisse in der Ukraine "Krieg", anstatt wie staatlich vorgeschrieben "Spezialoperation" zu nennen, um strafrechtlich belangt zu werden. Somit deutet im Moment nichts darauf hin, dass sich eine Mehrheit gegen Putin mobilisiert - sei es aus Angst, aus Apathie oder aus der Überzeugung, dass der Krieg gerechtfertigt ist.

Halten die Russen den Krieg für gerechtfertigt?

Krieg will eigentlich keiner. Diese Grundeinstellung ist auf jeden Fall da. Allerdings gilt das auch für den Gedanken "wir müssen unsere Leute verteidigen". Um den Krieg zu rechtfertigen, werden ganz bewusst Erinnerungen an den Krieg und Sieg über Nazi-Deutschland aktiviert. Die russische Propaganda ersetzt nun einfach die Akteure: Die Faschisten sind nun die Ukrainer, also muss die Ukraine denazifiziert werden. In den russischen Medien gibt es keine Gegenerzählung mehr - oder hat es nie gegeben. Selbst wenn es im Internet die Möglichkeit gibt, sich anderweitig zu informieren, wollen das viele gar nicht. Denn dann müsste man sich damit auseinandersetzen, dass der russische Staat der Aggressor ist. Diese Konfrontation mit dem eigenen Unrecht ist schwer. Das weiß keiner besser als Deutschland.

Putin strebt nach sowjetischen Machtverhältnissen. Müssen andere europäische Staaten wie die baltischen Staaten oder Polen einen Angriff fürchten?

Putins Szenario ist ein Europa, das von Russland aus gesteuert wird. Allerdings ist NATO-Gebiet durchaus eine Abschreckung. Ein großer Teil der russischen Armee ist bereits in der Ukraine eingebunden. Dazu gibt es immer noch Krisenherde im Osten Russlands - man kann also nicht das gesamte Heer abziehen. Deswegen nehme ich nicht an, dass es zu Angriffen auf NATO-Gebiet kommen wird, schon aus pragmatischen Gründen. Aber der Wille, den russischen Einfluss auch noch weiter nach Westen auszudehnen, ist bei Putin auf jeden Fall vorhanden.

Mit Juliane Fürst sprach Sarah Platz

Quelle: ntv.de

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