Politik

"Isoliert, paranoid, gefährlich" Putin erinnert immer mehr an Stalin

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Was haben Sowjet-Diktator Josef Stalin und Kreml-Machthaber Wladimir Putin gemeinsam?

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Wladimir Putin verdreht Fakten, vertraut fast nur sich selbst und führt einen Krieg, den er maßlos unterschätzt hat. Das hat Russlands Präsident mit Josef Stalin gemeinsam, schreibt ein russischer Politologe. Gleichzeitig sitzt er fest im Sattel seines Amtes - auch das hat er mit dem einstigen Sowjet-Diktator gemein.

Wladimir Putin will sein wie Peter der Große: Der Zar ist das große Imperator-Vorbild des russischen Präsidenten. Doch in Wahrheit ähnelt der Kreml-Herrscher eher einer anderen bekannten Figur der russischen Geschichte: Putin sei "isoliert, paranoid und brandgefährlich" - genau wie einst Sowjet-Diktator Josef Stalin in seinen letzten Jahren, schreibt Andrei Kolesnikov von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace im US-Magazin "Foreign Affairs".

Der russische Politikanalyst zählt in seinem Beitrag eine ganz Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen Stalin und Putin auf, angefangen bei der Länge ihrer Herrschaftszeit: 26 Jahre lang war Stalin Diktator der Sowjetunion. Von 1927 bis 1953 machte er das Riesenreich zur sozialistischen Diktatur. Er hat zwar Nazi-Deutschland besiegt, aber die Sowjetunion auch zu immer "neuen autokratischen Extremen" geführt, bilanziert Kolesnikov. Hunderttausende Gegner hat Stalin erschießen oder in Straflager bringen lassen, Millionen sowjetische Bauern wurden dem Hungertod ausgesetzt.

Russland 2022? "Stalinistischer Totalitarismus"

Putin ist mittlerweile ebenfalls seit über 20 Jahren an der Macht - erst als Präsident, dann als Ministerpräsident, seit 2012 wieder als Präsident. Und seit seiner letzten Wiederwahl im Jahr 2018 regiert auch Putin immer autokratischer. Regimekritiker wie Alexej Nawalny sitzen im Arbeitslager. Die Verfassung ist zugunsten von Putin geändert, der jetzt bis 2036 regieren darf. Und in der Ukraine führt Putin einen brutalen Angriffskrieg. Russland sei unter Putin zum "stalinistischen Totalitarismus" zurückgekehrt, analysiert Kolesnikov.

Auch Putins Führungsstil ähnelt dem von Stalin. Nur ein ganz kleiner Kreis von Menschen hat Zugang zum Kremlchef, ansonsten ist Putin weitgehend isoliert und macht sich meist rar, vor allem seit der Corona-Krise tritt er nur noch äußerst selten öffentlich auf. Auch Stalin hielt nur zu ganz wenigen Menschen persönlichen Kontakt. Mit diesem kleinen, aber loyalen Führungszirkel hielt er die sowjetische Elite unter Kontrolle.

Putins Geschichtsrevisionismus und Hang zu Lügen lässt sich ebenfalls mit Stalin vergleichen. Russlands Präsident biegt sich die Geschichte so zurecht, wie sie ihm passt. So hat Putin zum Beispiel über Peter den Großen gesagt, dass dieser im 18. Jahrhundert gegen Schweden und das Baltikum gar keinen Angriffskrieg geführt, sondern lediglich Gebiete zurückerobert habe, die Russland vorher schon gehört hätten. Auf ähnliche Art und Weise versucht Putin seit Februar, den Krieg gegen die Ukraine zu legitimieren: Kiew müsse von Nazis befreit werden, die Ukraine würde einen Genozid an Russen verüben.

Winterkrieg gegen Finnland unterschätzt

Auch Stalin hat alles dafür getan, die Sowjetunion als Opfer darzustellen. So begründete er den Winterkrieg 1939 gegen Finnland mit einem angeblichen Überfall auf ein sowjetisches Grenzdorf. Historiker sind sich heutzutage einig, dass es sich bei dem Angriff um eine Aktion unter falscher Flagge gehandelt hat, die Sowjetunion den Angriff also selbst verübt habe, um einen Grund für den Finnland-Feldzug zu haben.

Stalin hat die Finnen aber anscheinend genauso unterschätzt wie Putin die Ukrainer: Als die sowjetischen Truppen 1939 in Finnland einmarschierten, ging Stalin davon aus, die finnische Bevölkerung würde die sowjetischen Truppen mit offenen Armen empfangen und der Krieg wäre schnell vorbei. Ursprünglich wollte Stalin ganz Finnland besetzen, nach Umgruppierungen und Verstärkungen der Truppen konnte die Sowjetunion nach knapp vier Monaten Krieg immerhin Gebietsgewinne erzielen und einen Waffenstillstand aushandeln. 80 Jahre später scheint sich Putin ähnlich verkalkuliert zu haben.

Auch die Weltanschauung von Stalin und Putin ähnelt sich. Der russische Präsident spricht oft von einer multipolaren Weltordnung. Eine Welt, die in verschiedene Einflusssphären aufgeteilt ist. Bislang sei die Welt von den USA dominiert worden, findet Putin. Den russischen Einfluss will er nun mit aller Macht ausbauen. Er glaube, er könne Gebiete, die seiner Meinung nach zum russischen Einflussbereich gehören, einfach annektieren, schreibt der Politologe Kolesnikov. Das hat Putin in diesem Jahr etwa bei seiner Rede auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg deutlich gemacht, als er mit dem Westen abrechnete. Vor allem die USA, aber auch die Europäische Union hätten jahrelang auf Kosten des Rests der Welt gelebt.

Auch Stalin sah die Welt als in Einflusssphären aufgeteilt an. Der Diktator sei davon ausgegangen, "dass er die Gebiete, die seiner Meinung nach ihm gehören, mit pauschalen Strichen auf einer Landkarte markieren kann", beschreibt Kolesnikov.

Eliten stützen Putin (noch)

Damit Putin seinen und den russischen Einfluss in der Welt ausbauen kann, ist er auf einen funktionierenden Machtapparat angewiesen. Vor allem braucht er die Oligarchen, die reichsten Männer des Landes. Sie hielten dem russischen Präsidenten jahrelang den Rücken frei, weil sie vom System Putin profitiert haben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Perestroika-Politik von Gorbatschow sind sie schnell schwerreich geworden. Seitdem profitieren sie davon, dass es wenig Wettbewerb gibt und Macht und Geld in Russland aufs Engste miteinander verbunden sind.

Die meisten Russland-Experten gehen deshalb davon aus, dass Putin nur durch Unruhen innerhalb der Eliten gestürzt werden kann. Nur die Oligarchen selbst könnten den Präsidenten putschen. Aber erst dann, wenn der Nutzen eines Aufbegehrens für die Superreichen größer ist als das Risiko.

Auch Stalin verstand es, seinen Machtapparat unter Kontrolle zu halten. Die Eliten der Sowjetunion seien "vor Angst gelähmt" gewesen. Niemand wagte es, Stalin zu stürzen.

Machtkampf im Putin-Umfeld

Momentan sitzt Putin noch fest im Sattel. Jedenfalls gibt es keine offensichtlichen Anzeichen dafür, dass seine Macht bröckelt. Aber Putin ist mittlerweile 70 Jahre alt und er hat seine Nachfolge noch nicht geregelt. Genau wie Stalin auch, der 1953 im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls in seiner Datscha gestorben ist.

Kolesnikov geht davon aus, dass Russlands Eliten "auf das Ende des Tyrannen warten und hoffen, dass er irgendwie verschwindet". Einen anderen Weg, Putin aus dem Amt zu entfernen, sieht er nicht.

Dabei werde derzeit in Russland über einen möglichen Bürgerkrieg spekuliert, berichtet ntv-Russland-Korrespondent Rainer Munz. "Was wir wissen, ist, dass es einen Machtkampf gibt. Prigoschin, der Chef der Wagner-Söldnergruppe, und Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien, gegen Armee und Geheimdienste. Da gibt es Rivalitäten. Ob das letztendlich dazu führt, dass es tatsächlich zu einem Bürgerkrieg kommt, ist offen."

Stalin? Wird mittlerweile eher verehrt als geächtet

Auffällig ist, wie sich die Einstellung der Russen zu Stalin während der Präsidentschaft Putins verändert hat. 2001 werteten in einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungsinstituts 43 Prozent der Befragten Stalin "negativ", 2016 stuften ihn in nur noch 17 Prozent als "negativ" ein. Der Aussage "Stalin war ein großartiger Führer" stimmten 2016 wiederum nur 28 Prozent der Befragten zu, die meisten Menschen in Russland standen Stalin gleichgültig gegenüber. Voriges Jahr bejahten plötzlich 56 Prozent der Russen die Glorifizierung Stalins, zeigt die Umfrage.

Das könnte das Resultat einer veränderten Erinnerungspolitik in Russland sein. Seit 2015 wird Stalin an Nationalfeiertagen verehrt, der "Tag des Sieges" am 9. Mai diene "seitdem auch zur Legitimation des Krieges gegen die Ukraine", beschreibt die "Bundeszentrale für politische Bildung".

Stalin ist mittlerweile beliebt geworden in Russland, obwohl er einer der größten Massenmörder der Weltgeschichte war. Putin droht dagegen immer unbeliebter zu werden. Der Ukraine-Krieg zieht sich seit mittlerweile neun Monaten hin und tangiert wegen der Mobilmachung Hunderttausender Männer immer mehr russische Familien. Das könnte für Putin noch zum Problem werden. Die 26 Jahre im Kreml macht Putin in vier Jahren voll. Ob es so weit kommt, erscheint derzeit aber ungewisser denn je.

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Quelle: ntv.de

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