Politik

Neue Angriffswelle aus Gaza Raketenalarm nahe Israels Atomreaktor

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In der Stadt Dimona in der Negev-Wüste betreibt Israel einen Atomreaktor - nach offiziellen Angaben zu Forschungszwecken.

(Foto: imago/UIG)

Der Schlagabtausch im Nahen Osten geht weiter. In mehreren Städten Israels heulen erneut die Alarmsirenen - auch in Dimona, wo Israel einen Atomreaktor betreibt. Die Hamas will mehr als ein Dutzend Raketen in Richtung der Stadt abgefeuert haben. Aus Berlin kommt unterdessen scharfe Kritik.

Keine Ruhepause im Schlagabtausch zwischen Israel und militanten Palästinensern im Gazastreifen: Am Nachmittag begannen neue massive Raketenangriffe auf israelische Städte, darunter Beerscheva, Aschkelon und Aschdod. Der militärische Arm der islamistischen Hamas-Organisation hat nach eigenen Angaben zudem 15 Raketen in Richtung der israelischen Wüstenstadt Dimona abgefeuert. Dort befindet sich ein israelischer Atomreaktor, der allerdings als extrem gut geschützt gilt.

Israelische Medien berichteten von Alarmsirenen und Explosionen im Himmel über Dimona - ein Hinweis, dass zumindest einige einfliegende Raketen möglicherweise von dem Abwehrsystem Iron Dome abgefangen wurden. Auf Twitter veröffentlichte Videos zeigen nach Angaben der Nutzer die Attacke auf die Wüstenstadt.

Seit Montagabend wurden aus dem Gazastreifen laut israelischer Armee schon mehr als 1050 Raketen auf Israel abgefeuert. Vor allem die Küstenmetropole Tel Aviv erlebte in der Nacht zum Mittwoch die bisher schwersten Raketenangriffe. Wie das Militär berichtete, wurden rund 850 der gut 1000 abgefeuerten Raketen entweder abgefangen oder sie gingen in Israel nieder. Etwa 200 weitere seien noch im Gazastreifen niedergegangen. In Israel starben bislang fünf Menschen durch Raketenbeschuss. Mehr als 200 weitere seien verletzt worden.

Nahe dem Gazastreifen wurde auf der israelischen Seite der Grenze zudem ein israelischer Soldat getötet. Die israelische Armee teilte mit, der 21-Jährige sei durch eine Panzerabwehrrakete getroffen worden. Für den Angriff, bei dem weitere Soldaten verletzt wurden, sei die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas verantwortlich.

Hamas-Anführer unter den Toten

Im Gegenzug griff die israelische Luftwaffe wieder massiv Ziele in dem Palästinensergebiet an. Dabei sei auch das Haus eines ranghohen Mitglieds der islamistischen Hamas zerstört worden, teilte die Armee mit. Das Gebäude habe auch als Waffenlager gedient.

Die Hamas meldete später den Tod mehrerer ihrer Anführer. Demnach wurde der Chef des bewaffneten Arms der Hamas in Gaza, Bassem Issa, und mehrere weitere ranghohe Militärverantwortliche bei den israelischen Angriffen getötet. Dem Gesundheitsministerium in Gaza zufolge beträgt die Zahl der seit Montag getöteten Palästinenser 53 - darunter 14 Kinder und drei Frauen. 320 Menschen seien verletzt worden.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte, die Palästinenserorganisationen Hamas und Islamischer Dschihad würden einen hohen Preis für die jüngsten Angriffe bezahlen. "Diese Operation wird Zeit brauchen, aber wir werden den Bürgern Israels die Sicherheit zurückbringen." Generalstabschef Aviv Kochavi sagte, man sei fest entschlossen, den militanten Gruppierungen einen harten Schlag zu versetzen.

Der Konflikt hat sich seit Beginn des Ramadan Mitte April zugespitzt, an diesem Mittwochabend endet der muslimische Fastenmonat. In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Proteste gegen Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen palästinensischer Familien im Viertel Scheich Dscharrah.

Berlin verurteilt "wahlloses" Töten

Die Bundesregierung kritisierte das Vorgehen der militanten Palästinensergruppen scharf. "Ihr Ziel ist es, wahllos und willkürlich Menschen zu töten", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Mehrere Menschen hätten bereits ihr Leben verloren. "Es sind übrigens genauso jüdische wie arabische Bürger des Staates Israel", sagte er. Die Bundesregierung verurteile diese fortdauernden Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf israelische Städte auf das Schärfste. "Diese Gewalt ist durch nichts zu rechtfertigen und Israel hat das Recht, sich im Rahmen der Selbstverteidigung gegen diese Angriffe zu wehren", sagte er.

Grundsätzlich bleibe geboten, dass sich beide Parteien in einen Dialog begeben, um eine friedliche Lösung des jahrzehntelangen Konfliktes in einem verhandelten Abkommen zu erreichen. Auf die Nachfrage, ob auch israelische Angriffe im Gastreifen, bei denen ein Wohnhaus getroffen und Kinder getötet worden seien, verurteilt würden, sagte Seibert: "An einem Tag wie heute ist unsere Haltung sehr klar: Die terroristischen Raketenangriffe auf Israel müssen aufhören." Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte, es sei eine lange bekannte Taktik der Hamas, zivile Einrichtungen und Wohnhäuser für ihre Waffen und Quartiere zu nutzen, was eine Bewertung von außen erschwere.

Der israelischen Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, verurteilte ebenfalls die Raketenangriffe palästinensischer Extremisten auf Israel. "Das ist nicht zu tolerieren und nicht zu akzeptieren. Wir haben darauf scharf reagiert. Wir werden weiterhin alles tun, um unsere Bürger zu verteidigen", sagte Issacharoff im Interview mit RTL/ntv. Nach Ansicht des Botschafters werde die Situation nicht zu einem regionalen Krieg führen. Sein Land werde alles unternehmen, um die Feindseligkeiten zu verhindern und die Auswirkungen zu begrenzen. "Aber es liegt nicht an uns, es liegt an der Hamas zu verstehen, welche Konsequenzen ihre Handlungen haben", so Issacharoff.

Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif kritisierte Israel bei einem überraschenden Besuch im Bürgerkriegsland Syrien in scharfen Tönen. Die "kriminellen Handlungen" Israels hätten die Lage in der Region deutlich verschlechtert, sagte Sarif in Damaskus.

Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates blockierten die USA Kreisen zufolge zunächst eine gemeinsame Stellungnahme zur eskalierenden Gewalt in Nahost. Diplomatenangaben zufolge sehen die Vereinigten Staaten ein solches Statement als nicht hilfreich für eine Deeskalation zwischen Israelis und Palästinensern. Auch die Mitarbeit an einer kürzeren Mitteilung, sogenannten Elementen, lehnten die Amerikaner demnach erst einmal ab. Ein Entwurf Norwegens sah die Erklärung der tiefen Besorgnis über die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern vor und forderte die sofortige Einstellung aller Kämpfe unter anderem in Gaza und Ost-Jerusalem. Bei der Sitzung warnten die Vereinten Nationen den Sicherheitsrat laut Diplomaten zuvor vor einem großen Krieg.

Angst vor einem Bürgerkrieg

Bei Zusammenstößen mit israelischen Soldaten im Westjordanland wurden nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums zwei junge Palästinenser getötet. Die Gewalt schwappte auch auf arabische Ortschaften im israelischen Kernland über. In der Stadt Lod bei Tel Aviv, in der Juden und Araber gemeinsam leben, kam es am Dienstagabend zu schweren Ausschreitungen. Nach Medienberichten schändeten arabische Einwohner eine Synagoge und setzten sie in Brand. Außerdem seien Dutzende Autos in Brand gesetzt und Fenster von Geschäften eingeworfen worden.

Der Bürgermeister von Lod sprach im Fernsehen von einem "Bürgerkrieg" in der Stadt und forderte eine sofortige Ausgangssperre. Um für Ruhe zu sorgen, wurden zahlreiche weitere Polizeitruppen in die Stadt geschickt. Auch in den arabisch geprägten Orten Akko im Norden des Landes und in Jaffa bei Tel Aviv kam es zu schweren Zusammenstößen.

Quelle: ntv.de, kst/dpa

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