Politik

"Die richtigen Fragen" an Schulz "Recht hat er, der Herr Wähler"

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(Foto: dpa)

Drei Wochen bis zu Bundestagswahl, 14 Prozentpunkt bis zur Union - wie soll Martin Schulz das noch schaffen? Der SPD-Kandidat ist in einem Online-Live-Interview um Zuversicht bemüht und wagt zarte Attacken auf Amtsinhaberin Angela Merkel.

"Immer noch sind 46 Prozent der Wähler nicht entschieden. Deshalb glaube ich, dass man die Wahl sehr wohl noch drehen kann!" Das oder Ähnliches sagen SPD-Politiker in diesen Tagen, wenn sie auf die Aussichten bei der Bundestagswahl angesprochen werden. "Haben Sie noch eine Chance, Herr Schulz?" Auch Maurizio Galasso will das wissen. Er stellt SPD-Kandidat Martin Schulz diese Frage per Video-Einspieler für das "Bild"-Format "Die richtigen Fragen". Und auch der Parteichef bemüht sich um Zuversicht.

Tatsächlich hat Schulz viel aufzuholen. Etwas mehr als drei Wochen sind es noch bis zur Wahl. Umfragen zufolge stehen die Sozialdemokraten auf verlorenem Posten, im Stern-RTL-Wahltrend liegen 14 Punkte zwischen SPD und Union. Auch wenn Schulz' Vorgänger am Vortag noch Zweifel an der eigene Zuversicht zu zerstreuen versuchte: Es muss schon ein kleines Wunder passieren, damit die SPD noch stärkste Kraft wird.

Schulz muss da jede Gelegenheit Recht sein. Am Sonntag ist das große TV-Duell mit der Kanzlerin. Auf die Redeschlacht mit Merkel setzen die Kampagnenstrategen ihre ganze Hoffnung. Heute also das Interview bei der "Bild"-Zeitung, vor zwei Wochen war die Amtsinhaberin dran. Das Prinzip: Vize-Chefredakteur Nikolaus Blome moderiert, die Bürger stellen Fragen, der Kandidat antwortet. Und gleich zu Beginn geht es um das Thema, das noch immer sehr viele Menschen im Land umtreibt: die Flüchtlingssituation.

Blome bemängelt, das Thema werde in Berlin nicht mehr richtig wahrgenommen. "Das ist so", sagt Schulz, lässt die Kritik für sich aber nicht gelten: "Ich habe immer und immer wieder auf die Flüchtlingssituation aufmerksam gemacht." Er sei sogar nach Italien gereist und dafür heftig von der Union angegangen worden. Die Union dagegen habe selbst "keinen Faden", spielt er auf den Streit zwischen Merkel und Seehofer an. Ob er die Grenzen wie Merkel im Sommer 2015 auch geöffnet hätte? Schulz weicht aus: "Ich würde vor allen Dingen den europäischen Partnern gleich sagen, dass es eine solidarische Verteilung geben muss." Dass Merkel die Nachbarstaaten erst nach ihrem Entschluss informiert habe, erlaube es Ungarn und Polen, sich aus der Verantwortung zu nehmen.

"Ich bin ein böser Diesel-Fahrer"

Und was ist mit den Flüchtlingen, die schon hier sind? Ob er verstehen kann, dass ärmere Menschen fürchten, dass ihnen zugunsten der neuen Nachbarn etwas genommen wird? "Ja, das kann ich sehr gut verstehen", sagt Schulz. Es sei nicht so, dass Menschen real etwas verlören. Aber das Gefühl bestehe und gegen solch ein Gefühl lasse sich schwer angehen. Wichtig wäre Unterstützung der Kommunen: "Wir können doch nicht sagen 'Wir schaffen das' und dann diejenigen, die das schaffen sollen, nicht mit den dafür notwendigen Mitteln ausstatten." Schließlich gebe es eine Konzentration der Flüchtlinge in Gebieten, "die ohnehin sozial unter Spannung stehen". Dies sind fast schon die angriffslustigsten Momente des SPD-Kandidaten heute.

Auftritt: Manfred Frings aus Düsseldorf. Der ältere Herr sorgt sich darum, dass seine Enkel angesichts steigender Mieten und der Probleme mit der Rente es im Alter einmal schwer haben könnten. "Recht hat er, der Herr Frings", sagt Schulz. Im Gegensatz zu Merkel wolle er bei der Rente eingreifen, damit die Menschen nicht bald bis 70 arbeiten und dann noch zuhause einen 80-Jährigen pflegen müssen. Ob er mit solch einer Debatte um Altersarmut nicht die Menschen verunsichere, fragt Blome nach. Schulz reagiert gereizt: "Das ist ja die Methode Merkel: Wenn man die Probleme nicht anspricht, verunsichert man die Leute nicht. Aber man bringt sie auch in eine ganz schwierige Situation."

Als nächstes darf Heinz Weiß eine Frage stellen. Doch sein Videobeitrag gerät eher zu einer wütenden Abrechnung: "Ich bin ein böser Diesel-Fahrer." Er sei immer sparsam gefahren mit einem Kraftstoff, der als sauber galt. "Ich weiß jetzt nicht, warum man mir das Autofahren auf so eine unseriöse Weise verbieten will." Solle er aufgrund einer Mode, und dafür halte er die Zweifel am Diesel, ein anderes Auto kaufen? "Vielleicht einen Amerikaner, der 20 Liter schluckt?" Ein E-Auto gar?

Schulz reagiert gelassen auf den wilden Ritt durch die aktuelle Debatte, die viele Menschen im Land umtreibt. Auch jetzt keine Frontalattacke auf die Union. "Die Diesel-Technologie wird es noch sehr lange geben", beschwichtigt Schulz Herrn Weiß. Deshalb lohne es sich, in ihre Entwicklung zu investieren. "Wir müssen Fahrverbote vermeiden." Alte Diesel müssten umgerüstet werden, zahlen sollen das "die Konzerne". Der Nachfrage nach einer "Zwangsentschädigung" für Verbraucher weicht er aus. Er verweist auf eine Initiative von Justizminister Heiko Maas, der eine Musterklage erreichen will, an die sich geprellte Autokunden hängen können. Diese werde von Merkel blockiert. "Warum ist das so?", fragt Schulz rhetorisch. Und antwortet ebenso: "Wenn man das fragt, heißt es wahrscheinlich, man verunsichert die Leute."

Quelle: n-tv.de

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