Reisners Blick auf die Front "Für die Soldaten ist das die Hölle"
Ein Interview von Frauke Niemeyer
Die Russen gewinnen derzeit kaum Gelände, doch die Ukrainer zahlen einen hohen Preis dafür, sagt Oberst Reisner ntv.de. Die Drohnen hätten den Krieg nicht präziser gemacht, sondern "ihn entartet".
ntv.de: Der Ukraine sind in den vergangenen Wochen einige Angriffe auf russische Infrastruktur gelungen. Könnte das ein Trend sein?
Markus Reisner: Erstmals schafft es die Ukraine, den Druck, den Russland mit seinen Drohnenangriffen, Raketen und Marschflugkörpern auf hohem Niveau hält, auch zurückzugeben. In einer gezielten Offensive haben die Ukrainer Ende März versucht, den Hafen Ostluga im Norden Russlands, nahe am Baltikum, zu treffen. Von dort aus sendet Russland viele Schiffe der Schattenflotte auf die Weltmeere, vollbeladen mit Öl. Es gab einige bemerkenswerte Treffer.
An der Front verharren die Truppen in der Pattsituation?
Ja, aber diese Lage ist für die Ukraine besser als für Russland, das sich bewegen, also angreifen muss, um gegnerisches Gebiet einzunehmen. Doch je mehr die ukrainischen Truppen in der Lage sind, Drohnen an die Front zu liefern, desto besser gelingt es ihnen, die russischen Einheiten tatsächlich zum Stehen zu bringen. Denn an der Front kann sich praktisch keine Maus mehr bewegen, ohne dass sie von einer Drohne entdeckt und verfolgt wird. Das gilt für beide Seiten, ist aber für Russland ein größerer Nachteil, weil es den Angreifern fast gar nicht mehr gelingt, aus den eigenen Stellungen heraus mit kleinen Trupps in Richtung der Verteidiger vorzugehen. Im Internet zeigt die Dokumentation des Frontverlaufs, dass die Russen derzeit deutlich weniger Gelände erobern als in den vergangenen Jahren.
So lückenlos ist die ukrainische Abwehr? Es heißt ja oft, dass die Truppen an der Front schon sehr ausgedünnt seien.
Das stimmt auch. Der Rückgang der Geländegewinne kann daher auch die Ruhe vor dem Sturm sein, vor der nächsten Sommeroffensive. Feststeht aber: Durch den starken Einsatz von Drohnen in der Luft in Kombination mit Bodenrobotern, den unmanned ground vehicles (UGV), schaffen es die Ukrainer, die Front zu halten. Punktuell gibt es auf beiden Seiten Vormärsche - seit Februar etwa den Vorstoß der Ukrainer bei Pokrowske und den der Russen westlich von Siversk. Aber wenn wir die Front insgesamt betrachten, sehen wir im Wesentlichen eine Pattsituation.
Klingt erstmal gut, klang auch letzte Woche schon gut: Die Ukraine hält stand, die Russen rücken kaum vor. Aber das hat auch seinen Preis. Was hat jemand, der jetzt als Infanterist vorn an die Front geschickt wird, zu erwarten?
Nochmal kurz zur Orientierung: An der Front liegen die Streitkräfte sich nicht mehr in Schützengräben gegenüber, zwischen sich das unkontrollierte Niemandsland, sondern sie verteilen sich auf kleine Stützpunkte in der sogenannten "Grauzone". Lückenlos überwacht von Drohnen beider Seiten. Führt diese Todeszone, die bis etwa 40 Kilometer breit sein kann, durch freies Gelände, dann liegen die Stützpunkte zum Beispiel in einem Erdbunker, wo sich zwei oder drei Mann unter der Erde verbergen. Dort, wo sich Dörfer in der Grauzone befinden, kann man sich im Keller zerstörter Häuser verstecken. Untereinander können die Soldaten zwischen diesen Stützpunkten kommunizieren und versuchen, mit Hilfe von Drohnen zu erkennen, ob sich russische Soldaten in ihre Richtung bewegen.
Die Leute verlassen aber diesen Stützpunkt nicht? Sie gehen nicht raus?
Nein, sie bleiben grundsätzlich unter der Erde, es sei denn, ein Bodenroboter mit Versorgungsgütern erreicht den Stützpunkt und muss entladen werden. Oder ein Verwundeter muss auf ein solches UGV gebettet werden, um ihn zu evakuieren. Aber niemand sonst verlässt die Front, es findet keine Ablöse statt, die Ukrainer hocken in notdürftig errichteten Bunkern, über Wochen, über Monate.
Bei den Russen ist es anders.
Sie müssen ihre Stellungen verlassen, sich exponieren, weil sie die ukrainischen Stützpunkte angreifen müssen. Konkret als Beispiel: Ein flaches Gelände, von Feldern und Windschutzgürteln durchzogen. Auf einen Kilometer Breite gehen drei russische Stoßtrupps sehr rasch und aufgefächert, mit großem Abstand zueinander voran. Meistens zu Fuß, manchmal auf Motorrädern, selten auf Fahrzeugen. Zwei Trupps werden von Drohnen erkannt und getötet, währenddessen schafft es der dritte in eine Ortschaft und flüchtet dort in einen Keller.
Und wenn sie Pech haben, hocken im Verschlag nebenan Ukrainer?
Das könnte passieren. Allerdings versuchen die Russen mittels ihrer Aufklärungsdrohnen, ukrainische Stellungen zu erkennen und anzugreifen, damit ihre vorstoßenden Trupps möglichst unbeschadet durchkommen. Die Ukraine allerdings sucht nicht nur nach vorstoßenden Russen, sondern versucht, diese bereits anzugreifen, bevor sie überhaupt losmarschieren, in ihren Bereitstellungsräumen. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel - entlang der gesamten Front.
Was passiert mit den drei überlebenden Russen im Keller?
Sie melden ihre Position nach hinten und die nächsten Trupps marschieren los. Wenn dabei erneut zwei Trupps eliminiert werden und einer durchkommt, haben sie sechs Soldaten vor Ort. Damit können sie versuchen, den Nachbarkeller in Besitz zu nehmen, selbst wenn es zum Gefecht mit Ukrainern kommt, die sich dort verbergen. Beide besetzte Keller bilden dann einen Brückenkopf, und wieder meldet man nach hinten, dass die nächsten nachrücken können. Dieser Prozess läuft langsam, enorm blutig und verlustreich. Wie dort gekämpft wird, können wir uns kaum vorstellen. Eine der wirkungsvollsten Waffen der Ukrainer ist Stacheldraht.
Auf den Feldern gespannt?
Man verlegt Stacheldraht auf den Feldern, in dem sich die russischen Soldaten verhaken und dann gut von Abwehrdrohnen erkannt und getötet werden können. Etliche Videos im Netz zeigen solche Vorfälle. Wir haben insgesamt ein gutes Bild der Kriegsführung, denn im Schnitt kommen täglich bis zu 15 neue Videos herein, die solches Vorgehen zeigen.
Im ländlichen Raum, wo derzeit noch kein Laub an den Bäumen Sichtschutz gibt, scheint das Vorrücken besonders tödlich zu sein.
Ja, darum greifen die Russen derzeit ganz massiv bei Konstantinowka an, das ist urbanes Gelände. Dort stehen sie bereits am Stadtrand und können sich relativ gut verbergen und im Schutz der Trümmer angreifen. Ansonsten ist die Front erstarrt. Die Russen schicken Soldaten nach vorn in den fast sicheren Tod durch ukrainische Drohnen und kommen kaum vorwärts. Die Ukrainer können kaum Gelände zurückerobern, weil sie sich dafür exponieren müssten. Sie verstecken sich im Boden, sind gefangen in diesem Bunker, in diesen Kellerlöchern, aus denen sie nicht herauskommen.
Ein Ukrainer, der als Infanterist ganz vorn an die Front gehen soll, der weiß doch eigentlich: Zurückkehren werde ich wohl nur verwundet oder tot. Ich hocke da so lange, bis es mich irgendwann erwischt?
Für den Soldaten ist das die Hölle.
So klingt es.
Das muss uns klar sein. Diese Soldaten vorne an der Front erleben die Hölle. Die hygienischen Zustände sind katastrophal. Die Isolation, monatelang zu zweit oder zu dritt im Loch zu hocken, das greift die Soldaten psychisch enorm an. Sobald sie das Versteck verlassen, sind sie dem Tod geweiht. Zudem kommt es in den kalten Wintermonaten zu Erfrierungen. Feuer kann ja niemand machen, weil der Rauch verräterisch wäre. Der Kriegswinter in der Ukraine ist viel härter als die Winter, die wir aus vergangenen Kriegen kennen. Auf dem Schlachtfeld gibt es keinen Rückzug mehr. Die Drohne findet Sie und reißt Sie in Stücke. Der Drohnenkampf hat den Krieg nicht präziser und sauberer gemacht, sondern er hat ihn völlig entartet.
Hat die erste tatsächliche Oster-Waffenruhe während der Feierlichkeiten der Orthodoxen Kirche zumindest eine kurze Ruhepause ermöglicht?
Zwar haben sich beide Seiten Brüche vorgeworfen, aber in einem gewissen Rahmen haben die Waffen offenbar geschwiegen. Eine Waffenruhe könnte aus Sicht des Kreml das Ziel gehabt haben, vor allem ukrainische Drohneneinflüge auf russisches Territorium an den Feiertagen zu verhindern. Damit die Bevölkerung nicht noch unruhiger wird. Das könnte ein Zeichen russischer Erschöpfung sein - wenn wir Glück haben.
Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer