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Donnergrollen in Jena Rettung von Merkels CDU ist Schwerstarbeit

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Faust statt Raute: In einer "Mitglieder-Partei, da geht es hoch her", stellt Merkel in Jena fest.

(Foto: picture alliance / Martin Schutt)

Parteichefin Merkel legt das Ohr an die Brust der Basis. So soll die Stimmung vor dem Parteitag der CDU aufgefangen werden. Bei der Regionalkonferenz in Jena trüben Misstöne erheblich die Stimmung.

Dem warmen Empfang folgt die kalte Dusche: Bei der letzten der vier Regionalkonferenzen der CDU vor dem Bundesparteitag in Essen hat sich die Thüringer Union um ein Heimspiel für Bundeskanzlerin Angela Merkel bemüht. Ihr Auftritt ist in mitunter lebhaften Applaus gebettet. Die gut 800 CDU-Mitglieder aus Mitteldeutschland und Brandenburg scheinen auf Kurs. Doch bei der Fragerunde im Anschluss dürften der Parteichefin die Ohren geklungen haben. Unverhohlen bricht sich mitunter Wut Bahn - zum Teil ist es blanke Aggression. Es ist der Partei-Nachwuchs, der den Abend zumindest an den Saalmikrofonen retten muss.

Merkel beginnt ihre Rede mit einem Rückgriff. Heute vor 26 Jahren zog sie in den Bundestag ein - bei der ersten gesamtdeutschen Wahl. Es ist die Erinnerung an die in der Wende gewonnenen Freiheit und fester Bestandteil der Selbstvergewisserung der Ost-CDU. Seit Beginn ihrer Kanzlerschaft habe sich die Arbeitslosigkeit halbiert, fährt Merkel fort. Es ist noch immer das besonders heikle Thema im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution von 1989. Ein Zuhörer wird später zumindest noch an Gerhard Schröders Agenda 2010 erinnen.

Dann referiert Merkel bereits vielfach Gesagtes zu den Erwartungen an die Flüchtlinge und die Bedeutung des Grundgesetzes. Die Stimmung ist gut. Merkel wird warm und an manchen Stellen witzig. Es scheint nach Plan zu laufen. Zumal Thüringens CDU-Chef Mike Mohring zuvor noch kräftig gegen Rot-Rot-Grün und die von der Linken geführte Regierung in Thüringen gewettert hatte.

Die Unzufriedenen übernehmen das Saalmikro

Doch die Harmonie treibt in der ersten Fragerunde niemanden an die Mikrofone. Das Wort ergreifen die Unzufriedenen. Und die halten sich nicht zurück. "Werfen Sie nicht alle konservativen Werte auf den grünen Misthaufen", ist noch die harmloseste Wortmeldung. Deutlicher wird Wilfried Nauck aus Jena. Die Islamkonferenz sei gescheitert. Welcher Islam sei gemeint, wenn dieser zu Deutschland gehören soll? Wer zu Deutschland gehöre, definierten die Bürger. Nauk redet ruhig. Wegen Helmut Kohl sei er einst in die CDU eingetreten. Und wegen ihr, Merkel, werde er austreten. Hektisch beordert ihn Mohring zum Gespräch in den kommenden Tagen. Doch es kommt noch schlimmer.

Axel Göring - ebenfalls aus Jena - wirft Merkel Selbstherrlichkeit vor. Mit Blick auf den Auftritt von vier Flüchtlingen, die Merkel danken und ihr die Hand schütteln, spricht er von einer befremdlichen PR-Aktion. Merkel widerspricht unter tosendem Applaus. Doch Göring legt nach: "Was Sie machen, ist Personenkult. Sie sind keine Königin. Wir haben ein Grundgesetz." Die CDU sei immer mehr zu einer grünen Partei verkommen - Atomausstieg, Euro-Rettung seien alles Katastrophen. Merkel ruiniere die einst große CDU. "Sie haben mich schwer enttäuscht und mich um meine Stimme betrogen." Er wirft ihr vor, die AfD "regelrecht gezüchtet" zu haben.

Zumindest diese Beurteilung des Aufstiegs der AfD wird auch von anderen geteilt. Auch die nach Ansicht einiger Mitglieder zu starke Sozialdemokratisierung der Union wird kritisiert. Mindestlohn? Dafür sei man nicht in die Union eingetreten, heißt es in einem Beitrag. "Seit zehn Jahren betreiben Sie eine Politik der Rechtsbeugung", grollt ein Delegierter aus dem thüringischen Greiz.

Thüringens CDU vor doppelter Aufgabe

Und Merkel? Bleibt bis auf den einen Widerspruch ruhig. Besonnen umreißt sie nochmals ihre Politik der vergangenen Monate. Sie erntet Applaus, als sie bekennt, dass die Bilder aus Aleppo sie bedrückten - und "wir stehen machtlos davor". Kritik am Mindestlohn? Solange Aufstocken ein Geschäftsmodell ist, ist er nötig. Sie erinnert an die Genfer Flüchtlingskonvention. Sie habe viel am türkischen Präsidenten Reccep Tayyip Erdogan zu kritisieren. Doch er habe in seinem Land drei Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Bei Antworten zu Fragen aus dem persönlichen Lebensumfeld sorgt sie am Ende schon wieder für Lacher. "Wir sind eine Mitglieder-Partei, da geht es hoch her", wird sie am Ende sagen.

Dass sie aber diesen versöhnlichen Satz so sagen kann, verdankt sie zu einem nicht unerheblichen Teil der Jungen Union, die ihr zur Seite springt. Deren Thüringer Landeschef Stefan Gruhner wirbt lebhaft für ein grenzenloses Europa. "Ich bin froh, dass wir in einem weltoffenen Land alle Chancen haben." Natürlich brauche Zuwanderung Ordnung und Steuerung. Doch die Union stehe nicht für ein Land mit Mauern. Im zweiten Teil des Abends kämpft die Basis gegen die Abweichler. Es sind Zuspruchsbekundungen. Die gute Stimmung rettet dies bestenfalls in Teilen.

Und natürlich werde man im Wahlkampf im kommenden Jahr harte Auseinandersetzungen mit der AfD haben, ruft Gruhner noch in den Saal. "Doch es ist Zeit, in diese Auseinandersetzung zu gehen." Für die rund 800 Gäste ist das eine doppelte Aufgabe. Denn spätestens nach der Wahl im kommenden Jahr wird sich bei vielen wieder der Blick aufs eigene Bundesland richten. Denn die AfD sitzt in allen ostdeutschen Landtagen - teils mit einem Stimmanteil von 20 Prozent.

Quelle: n-tv.de

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