Politik

Drohnen und KI-KriegsführungRussland hat die Masse, die Ukraine das Entwicklungstempo

28.06.2026, 15:07 Uhr
imageVon Kristina Thomas
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IMG_5155_Telearmy_Enn Laansoo Jr zeigt einem Soldaten das Fernsteuersystem
Ein Mitarbeiter des Startups Telearmy lenkt einen Spähpanzer über das Testgelände - ferngesteuert. (Foto: Kristian Thomas )

Russland hat mehr Soldaten, mehr Panzer und größere Produktionskapazitäten. Der Ukraine gelingt es dafür immer wieder, Innovationen schneller an die Front zu bringen - mit wachsendem Erfolg. In Kiew zeigt sich, wie das Land Hightech-Firmen und Frontgeschehen zusammenführt.

Auf einem Feld rund eine halbe Stunde außerhalb von Kyjiw lässt sich für einen Tag die Zukunft der Kriegsführung erahnen. Über einem eigens mit Hindernissen präparierten Gelände neben einer Militärbasis schwirren die neuesten Luft- und Landdrohnen. Neben dem Parcours haben Entwickler und Start-ups ihre Zelte aufgebaut, präsentieren Prototypen und werben um das Interesse von Kommandeuren und Militärs. Längst sind Drohnen nicht mehr die einzigen Stars: Es geht um Anti-Drohnensysteme, Marinedrohnen-Schwärme und autonome Kriegsführung.

Organisiert wurde die Vorführung vom ukrainischen Accelerator Defence Builder, einem eigens aufgesetzten Rüstungsgrogramm. Noch ist das Ganze reine Demonstration, einer von tausenden Tests, die jede Woche in der Ukraine stattfinden. Das hochkarätige Publikum macht jedoch deutlich, dass es hier um mehr geht als um eine technische Leistungsschau. In einem Krieg, der zunehmend von der Innovationsgeschwindigkeit geprägt wird, entscheiden Veranstaltungen wie diese mit darüber, wer schneller lernt - und damit einen entscheidenden Vorteil gewinnt.

Wenn Nutzer zu Mitentwicklern werden

Vor einem der Stände steht Yuriy Humenchuk. Vor Soldaten, Kommandeuren und Vertretern des Nato-Büros in Kiew demonstriert er das jüngste Produkt seines Unternehmens Trident Group: ein modulares KI-System für Angriffs- und Aufklärungsdrohnen. Es soll ukrainischen Drohneneinheiten helfen, auch bei elektronischer Kampfführung des Gegners einsatzfähig zu bleiben. So kann eine beliebige Kamikaze-Drohne auf den letzten Metern ohne Verbindung zum Piloten selbständig ihr Ziel finden.

Doch Humenchuk wirbt nicht nur für das Produkt. Er erläutert den anwesenden Einheiten, welche Anpassungen sein Team seit den letzten Feldtests vorgenommen hat und wie das Feedback der anwesenden Drohnen-Kampfeinheiten direkt in die Weiterentwicklung des Systems eingeflossen ist. Denn darum geht es: Die Endabnehmer seines Produkts sind direkt an der Entwicklung beteiligt.

Auf dem Feld steht auch Vlad, Kampfname "Pirat", und beobachtet, wie das Team der Trident Group seine KI-gesteuerte Drohne startet. "Ich unterstütze verschiedene Brigaden, das Verteidigungsministerium und das Innenministerium als Berater der Air Operations Division. Ich bin überall und nirgendwo gleichzeitig." Seit 2022 pendelt er monatlich zwischen Front und Hinterland, organisiert Technologietests und bringt Entwickler und Militär zusammen - und ermöglicht so das neue Innovationsökosystem der kurzen Wege.

"Je weiter man von der Frontlinie entfernt ist, desto später erhält man die aktuellsten Informationen. Leider ist das heute eine Art ungeschriebenes Gesetz", sagt Vlad. Wer verstehen wolle, was tatsächlich gebraucht werde, müsse regelmäßig an die Front. Für ausländische Unternehmen sei das meist unmöglich. Aber auch ukrainische Hersteller hätten oft Schwierigkeiten, mit den Einheiten im Einsatz in Kontakt zu bleiben. Es brauche deshalb eine Zwischeninstanz, die den Austausch zwischen Front und Technologieentwicklung beschleunigt. Vlad ist solch eine Instanz.

Technikausfälle gehören dazu

Rund um das Testgelände rast ein getunter BRDM-2M, ein sowjetischer Spähpanzer. Gesteuert wird das Fahrzeug nicht vom Fahrersitz aus, sondern aus dem kleinen Zelt des estnischen Startups Telearmy heraus. Einen Nissan-Allradler lässt ein Mitarbeiter gar vom rund eintausend Kilometer entfernten Tallinn aus über das Gelände fegen. Das Team hat eine Lösung für die nahtlose Fernsteuerung militärischer und ziviler Fahrzeuge entwickelt, bei der parallel unterschiedliche Funknetzwerke zum Einsatz kommen, um auch unter Gefechtsbedingungen eine Verbindung zu garantieren.

Die Bedingungen könnten realistischer kaum sein, was die Kommunikation betrifft: Wegen anhaltender russischer Angriffe auf die Hauptstadt kommt es in der gesamten Region immer wieder zu Netzausfällen - ähnliche Störungen wie an der Front. Vor den Augen der Militärs bricht die Verbindung ab, Techniker greifen ein, beheben Fehler, starten Systeme neu. Noch funktioniert die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Piloten nicht reibungslos. Entscheidend ist aber die Idee dahinter - und ob sie das Potenzial hat, weiterentwickelt zu werden.

Mit ihrer Technologie will das Team um Mitgründerin Tuuli Tolmats eines der größten Probleme an der Front und der ukrainischen Rüstungsindustrie beheben: Luftdrohnen nehmen alles, was sich bewegt, ins Visier. Der Verschleiß an Fahrzeugen - und die Gefahr für deren Fahrer - ist enorm hoch. Ein System, das aus jedem beliebigen Fahrzeug eine Drohne machen kann, würde Logistik- oder Evakuierungsprozesse viel schneller und kostengünstiger automatisieren als die Entwicklung komplett neuer Plattformen. Vlad bestätigt den Ansatz von Telearmy: "Das Hauptproblem an vorderster Front ist derzeit die Logistik, weil wir viele Fahrzeuge haben und es im Moment an Fahrern mangelt."

Vier Monate Entwicklung - und jetzt der Realitätscheck

Wenige Wochen später, in einer Tiefgarage in Kiew. Statt Uniformen prägen nun dunkle Anzüge, Poloshirts und weiße Sneaker das Bild. Zwischen Messeständen mit Drohnen, Sensoren und Software wird Espresso ausgeschenkt, die Firmen bewerben wieder ihre Ideen - dieses Mal allerdings vor Investoren. Vier Monate lang arbeiteten neben den Fronteinheiten mehr als 30 Mentoren mit Verteidigungs- und Unternehmensgründungserfahrung mit den Startups zusammen. Ein Netzwerk an Investoren, Anwälten, Rüstungsherstellern, staatlichen Diensten, das Büro der Europäischen Kommission in Kiew und der Nato-Delegation in der Ukraine stand ihnen außerdem zur Seite.

Die Dänin Line Rindvig, CEO des Defense Builder Accelerator, begrüßt die Gäste. "Heute endet unser viermonatiges Beschleunigungsprogramm. Die Unternehmen hatten die Möglichkeit, ihre Lösungen Militär, Investoren und Rüstungsherstellern vorzustellen und ihre Fortschritte der vergangenen Monate zu präsentieren. Genau solche Gespräche brauchen wir - sie können zu Partnerschaften werden, die einen echten Unterschied an der Front machen."

Bemerkenswert: Keine der Lieferungen neuer Technologien sei sofort einsatzbereit. Bei den Einheiten angekommen, muss die neue Ausrüstung fast immer umgebaut, angepasst und um neue Elemente ergänzt werden. Rindvig meint: "Das zeigt: Wir können zwar eine Standardisierung der Ausrüstung anstreben. Je nach Mission, Einsatzart und Feindnähe sind Anpassungen erforderlich - allein das kann mehrere Tage dauern."

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Volodymyr "Dym", Kommandeur des "Black Raven" Bataillons für Unbemannte Systeme der 93. Brigade, dringt darauf, das aktuelle Zeitfenster an der Front zu nutzen. (Foto: Defence Builder)

Volodymyr "Dym", Kommandeur des "Black Raven" Bataillons für Unbemannte Systeme der 93. Brigade, hat eine Bitte an die Hersteller: "Bitte nutzt das Gelegenheitsfenster, das uns durch (das Abschalten von) Starlink geschenkt wurde." Der Feind arbeite seinerseits an Lösungen, wenn auch langsam, so der Kommandeur. Und er weiß auch: Sollte Musk sein Satelliten-gestütztes Internet ebenfalls für die Ukraine deaktivieren, hätte sie das gleiche Problem wie ihr Gegner.

Kein Wettbewerb im klassischen Sinn

An den Kaffeetischen dreht sich fast jedes Gespräch um dieselbe Frage: Wie verkürzt man den Weg zwischen Problem und Lösung? Mittendrin steht Marko Kushnir von General Cherry. Das Unternehmen zählt zu den größten ukrainischen Drohnenproduzenten und ist der wichtigste Eventpartner: Je 25.000 US-Dollar hat es an die aussichtsreichsten vier der neun teilnehmenden Startups verliehen, darunter auch die Trident Group. Das KI-System sei für die eigenen Drohnen interessant, erklärt Kushnir. "Wir sind sehr offen für die Zusammenarbeit mit diesen kleinen Teams und teilen unsere Ressourcen sowie unser Fachwissen."

"Unser größter Konkurrent ist nicht ein anderes ukrainisches Rüstungsunternehmen, sondern die russische Rüstungsindustrie. Deshalb gibt es hier keinen Wettbewerb im klassischen Sinn, denn uns verbindet ein gemeinsames Ziel: Russland militärisch zu besiegen", su Kushnir. "Entscheidend ist deshalb vor allem das Wettrennen um die beste Technologie - und das findet auf beiden Seiten statt."

"Dezentral entwickeln, zentral skalieren"

Es sei dieser dezentralisierte Ansatz, der den Erfolg der Ukraine ausmacht, meint Anton Verkhovodov von der Risikokapitalfirma D3 - Dare to Defend Democracy. "Für Innovationen braucht es Dezentralisierung, für die Skalierung einen zentralisierten Ansatz." Die Ukraine habe das schon gemeistert, so Verkhovodov. "Wenn ich ein Buch darüber schreiben würde, würde ich es 'Der ukrainische Weg' nennen." Während die Ukraine auf private Initiativen setze, um neue Lösungen zu entwickeln, gingen viele Nato-Armeen immer noch den umgekehrten Weg: "Sie legen zunächst ihre Anforderungen fest und beauftragen dann die Industrie mit der Umsetzung. Das führt oft zu wenig überzeugenden Ergebnissen."

In der Ukraine hingegen sei man von Anfang an gezwungen gewesen, Innovationen mit eigenem Kapital voranzutreiben - dieser Weg habe sich nun ausgezahlt. "Die Innovationen kommen vor allem aus der Privatwirtschaft. Die Regierung schafft aber die richtigen Rahmenbedingungen - und fängt die Innovationen dann ein." Startups würden gezielt gefördert und die Entwickler mit Militärs zusammengebracht. " So gelangen neue Technologien schnell an die Truppe - und die Soldaten finden heraus, wie sie diese am besten einsetzen."

Angst davor, dass Russland aufholen könnte, hat nach eigenen Angaben Verkhovodov nicht: "Wir fürchten uns nicht davor, dass Russland das Ökosystem nachbildet." Die Russen seien zwar Meister im Skalieren, aber: "Jetzt, wo wir unser Land zurückerobern, würde ich sagen, dass unser System besser funktioniert." Man könne es nicht einfach auf China oder Russland übertragen. Die kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen seien andere,so Verkhovodov. "Es fehlen dort vor allem die horizontalen Verbindungen, wie wir sie haben."

Quelle: ntv.de

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