Politik

"Wer mich liebt, folgt mir" Sarkozy will Frankreich von Multikulti heilen

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Nicolas Sarkozy bedient die Sehnsucht nach dem alten, sicheren Frankreich.

(Foto: dpa)

Nicolas Sarkozy ist zurück. In einem Buch, das er heute veröffentlicht, bewirbt er sich erneut um das Präsidentenamt in Frankreich. Seine Chancen stehen dank eines stramm rechten Programms gar nicht so schlecht.

Es war einfach zu viel des Glanzes für die Franzosen: Nach fünf Jahren Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy wählen sie 2012 den Wechsel. Der "Präsident der Reichen", "Speedy Sarkozy", der sich gerne mit Glamourgattin Carla Bruni auf der Luxusjacht vom Stress im Élysée-Palast erholte – all das passte nicht in die Zeit. Die Eurokrise tobte, der Kontinent musste auch auf Betreiben Sarkozys sparen, soziale Einschnitte mutet er auch den Franzosen zu. Der ungestüme Hallodri verliert schließlich das Vertrauen seiner Bürger.

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Nicolas Sarkozy liebt den großen Auftritt. Vielen Franzosen ist das zu viel.

(Foto: REUTERS)

Und zunächst wirkte es so, als habe der kleine Junge tatsächlich das Interesse an seinem Spielzeug verloren: Vor dem Urnengang hatte er beteuert, sich im Falle einer Niederlage aus der Politik zurückzuziehen. Am Wahlabend reagierte er genervt auf die Frage, ob er das nun in die Tat umsetze: "Selbst wenn Sie die Frage ein drittes Mal stellen: Auch dann sage ich Ja!", raunzte er einen Reporter an.

Dass die Nachfragen nicht ganz so abwegig waren, sollte sich schon bald herausstellen. Systematisch hat sich Sarkozy zurückgearbeitet. Mithilfe vieler Getreuer hat er 2014 zunächst den Vorsitz der UMP übernommen, die konservative Partei in Republikaner umbenannt und ihr ein neues, moderneres, aber auch klareres rechtes Antlitz verliehen. Seit zwei Jahren ist allen klar: Sarkozy bereitet sein Comeback als Präsident vor.

Sarkozy träumte von glamouröserem Comeback

Zu weise gewähltem Zeitpunkt, zum Ende des Monats August, in dem in Frankreich traditionell gar nichts geht, und nach Abschluss der Olympischen Spiele übernimmt wieder der 1,65-Meter-Mann die große Bühne. Per Twitter verbreitet er die entscheidende Passage seines Buches, das heute offiziell erscheint: "Frankreich verlangt, dass man ihm alles gibt. Ich habe gespürt, dass ich die Kraft habe, diesen Kampf in einem so bewegten Augenblick unserer Geschichte zu führen. Ich habe beschlossen, Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2017 zu sein."

Für viele Franzosen klingen die pathosbeladenen Worte wie eine Drohung: In verschiedenen Umfragen geben bis zu drei Viertel an, eine Rückkehr Sarkozys nicht zu wünschen. Und dennoch hat er nicht die schlechtesten Aussichten. Denn es ist Sarkozy selbst, der das Procedere der Kandidatenkür seiner Partei bestimmen kann. Diskret hat er die Parteiführung an seinen Vertrauten Laurent Wauquiez übergeben. Der muss die ersten Vorwahlen in der Geschichte der Republikaner organisieren – und könnte da die Weichen für Sarkozy stellen.

Im November können alle, die ein loses Bekenntnis zur Partei abgeben, gegen einen Obulus von zwei Euro mitbestimmen, wer für die Republikaner im Frühjahr 2017 antreten soll. Sarkozy ist eigentlich kein Freund dieser Vorwahlen. Vor zwei Jahren sagte er noch: "Da mache ich nicht mit. Ich werde mit einem Hubschrauber auf dem platten Land landen und sagen: 'Wer mich liebt, der folgt mir.' Ihr werdet sehen, wie sich Leute aus allen Parteien hinter mir einreihen werden." Seine Abneigung gegen die Kandidatenkür hat aber nicht nur einen narzisstischen Hintergrund.

Wauquiez soll Sarkozy Juppé vom Leib halten

Sarkozy fürchtet vielmehr den ehemaligen Premierminister Alain Juppé, als solider, ruhiger und sachlicher Typ so etwas wie der Gegenentwurf zu dem oft aufbrausenden Instinktpolitiker. In Umfragen liegt Juppé seit Monaten vorne, auch wenn der Vorsprung derzeit schmilzt. Nun soll Wauquiez beim Zuschnitt der Wahlbezirke und der Auswahl der Orte, an denen abgestimmt werden kann, nachhelfen, um Juppé-Anhängern das Wählen möglichst schwer zu machen. Zudem müht sich Sarkozy spürbar, Front-National-Leihwähler für seine Kür zu gewinnen.

Denn wirkte es phasenweise, als habe der populistische Scharfmacher Sarkozy (Stichwort: Kärcher) Kreide gefressen, so wildert er in seinem neuen Buch bei den Position der Rechten. Er erklärt dem islamistischen Terror den "totalen Krieg", bekannte Radikale will er in einem Guantanamo-artigen Lager internieren, bis 2022 soll die Einwanderung auf das französische Festland komplett versiegen, der Klassiker Kopftuchverbot, Zwangsmilitärdienst für Schulabbrecher – die Liste der stramm rechten Forderungen ist lang. Alles will er seinen Zielen unterordnen: "Frankreichs Identität" zu bewahren, "unsere Lebensweise zu verteidigen", einen "entschlossenen Kampf gegen Multi-Kulti zu führen" und die "Tyrannei der Minderheiten" zu beenden. Marine Le Pen würde sicher Beifall klatschen, gehörte Sarkozy nicht der falschen Partei an.

Tatsächlich ist die Sehnsucht nach einer harten Hand nach fünf Jahren unter François Hollande groß. Der Sozialist war in den vergangenen Jahren an nahezu allem gescheitert, was er anpackte. Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" und bei den folgenden Attentaten in Paris und Nizza wirkte er überfordert. Viele Franzosen glauben, dass es nach dem als wenig durchsetzungsfähigen Hollande jemanden brauche, der die Dinge kompromisslos regelt. Zynisch formuliert: Dass Frankreich ins Visier des IS-Terrors geraten ist – Sarkozy spielt das in die Karten.

Hollande hat noch nicht erklärt, ob er 2017 noch einmal antreten will. Auch er müsste sich einer angesichts seiner Schwäche unwägbaren Vorwahl stellen. Bisher hat aber noch jeder Präsident der V. Republik versucht, wiedergewählt zu werden. Folgendes Szenario ist also möglich: Der Front National geht beim ersten Wahlgang, wie schon bei mehreren Wahlen in den vergangenen Jahren, als stärkste Kraft durchs Ziel. Mit dem schwachen Hollande als Kontrahent wird es für Sarkozy ein Leichtes sein, in die Stichwahl zu gelangen. Dann verfolgt Sarkozy eine Doppelstrategie: Zum einen kann er sich als letzter verbliebener demokratischer Kandidat darstellen, auch für Sozialisten also das geringere Übel. Und auf der anderen Seite kann er hoffen, dass sich viele Rechtswähler an seine Wahlversprechen für ein vom Islam und von Multikulti bereinigtes Frankreich erinnern. Das Comeback von "Speedy Sarkozy" – es ist also gar nicht so unwahrscheinlich.

Quelle: n-tv.de

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